SZ-Serie:  Wildes München, Folge 7 Viel Leben in luftiger Höhe

Turmfalke, Gänsesäger, Mauersegler: In den Nistkästen hoch oben am Technischen Rathaus herrscht ein reges Kommen und Gehen

Von Günther Knoll

Im alten Technischen Rathaus sind die Menschen so stolz auf ihre fliegenden Mieter, dass die eine Webcam installiert haben, die Bilder von den Falken liefert.

(Foto: Untere Naturschutzbehörde)

Vögel nehmen bei der Wohnungssuche, was gerade auf dem Markt ist, um Mietpreise brauchen sie sich nicht einmal in München zu kümmern. Und wenn sie dann in einer Nobelherberge hängen bleiben, um so besser. Das Penthouse, das da im zwölften Stock des städtischen Hochhauses an der Blumenstraße hoch über den Büros des Planungsreferats eingerichtet ist, war jedenfalls frei in diesem Jahr. Die Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde staunten nicht schlecht, als sie dort einen ihnen zunächst unbekannten Vogel und sogar ein Gelege entdeckten. Anhand des gezahnten Schnabels habe man das Tier als Gänsesägerweibchen identifiziert, sagt Monika Strell-Winkler von der Untereren Naturschutzbehörde.

Eine Art Hausbesetzung also, denn die beiden Nistkästen im alten Technischen Rathaus, wie das städtische Hochhaus an der Blumenstraße und am Altstadtring auch genannt wird, sind eigentlich für Turmfalken vorgesehen, und ein Paar ist gewöhnlich auch Stammmieter. Sie sei jetzt seit 1987 bei der Stadt, und mindestens 25 Jahre könne sie sich an erfolgreich brütende Falken im Hochhaus erinnern, sagt Monika Strell-Winkler. Es sei schon eine Ritual, wenn Anfang April das Turmfalkenpärchen mit der Balz beginne und dann mit viel Geschrei einziehe. "Jetzt geht's wieder los", meldeten sich dann die Mitarbeiter des Planungsreferats, wenn es im zwölften Stock laut werde. Die schrillen Schreie gehören ebenso zum Balzritual der etwa 35 Zentimeter großen Greifvögel wie ihre waghalsigen Verfolgungsflüge. Wegen dieser Rufe lautet die wissenschaftliche Bezeichnung falco tinnunculus - das bedeutet so viel wie schellend oder klingend.

Anfang April beginnt das Turmfalkenpärchen mit der Balz.

(Foto: Untere Naturschutzbehörde)

Später legt das Weibchen dann gewöhnlich vier bis sechs Eier, alle rötlich gefärbt, und kümmert sich um das Brutgeschäft, das ebenso etwa einen Monat dauert wie dann das Hudern der Jungen. Wenn diese schließlich flügge werden, staunen die Mitarbeiter in den Hochhausbüros nicht schlecht, wenn plötzlich ein Jungfalke nach seinen ersten Flugversuchen auf einem Fensterbrett landet und jämmerlich nach den Eltern schreit. Dieser Bettelschrei ist so etwas wie das Grundgeräusch der ersten Monate, denn satt werden die Jungen, die anfangs ein weißes Dunenkleid tragen, ja nie - da kann das Männchen noch so viel Nahrung herbeischleppen. "Hauptsächlich Mäuse" hat Monika Strell-Winkler beobachtet. Die fange das Terzel - so wird das Männchen auch genannt, weil es rund ein Drittel kleiner ist als das Weibchen - vor allem auf Freiflächen mit niedriger Vegetation in den Isarauen oder im Englischen Garten. Typisch für die Jagd ist der Rüttelflug; angeblich sehen die Falken so gut, dass sie die Urinspur von Mäusen unter einer Schneedecke erkennen.

Die jungen Vögel tragen anfangs ein weißes Daunenkleid.

(Foto: Untere Naturschutzbehörde)

Doch nicht nur in der Größe unterscheiden sich die Geschlechter. Männchen haben einen hellgrauen Kopf und einen rotbraunen Rücken mit kleinen dunklen Flecken. Der Schwanz ist hellblaugrau mit schwarzer Endbinde. Die Unterseite des Körpers ist gelblich mit Längsstreifen und kleinen dunklen Tropfenflecken. Beim Weibchen sind Kopf, Rücken und Schwanz rostbraun gefärbt mit dichter dunkler Fleckung und Querbänderung. Die Körperunterseite ist stärker gefleckt als beim Männchen.

Woher Strell-Winkler das alles so genau weiß? Sie steht jedenfalls nicht mit Fernglas und Spektiv am Rand der Altstadt vor dem Hochhaus, um die Falken zu beobachten. Wer schon einmal versucht hat, inmitten einer Stadt Vögel zu beobachten, weiß, dass wegen der vielen mehr oder weniger geistreichen Kommentare der Vorübergehenden Konzentration unmöglich ist. Nein, im Rathaus sind sie derart stolz auf ihre fliegenden Mieter, dass sie in dem älteren der Kästen eine Webcam installiert haben, die Bilder aus dem Familienleben der Falken liefert: von der Balz über die Brut und Aufzucht bis zu den ersten Flugversuchen.

Doch heuer ist im Gegensatz zu all den Jahren vorher bis jetzt nur ein Standbild mit leerem Kasten zu sehen, wann immer man auch auf die Falken-Webcam schaltet (www.muenchen.de/sehenswuerdigkeiten/falkencam). Einmal gab es Bewegung: Das Weibchen rückte einen größeren Stein in der Höhle nach vorne, vermutlich um es sich hinten mit den Eiern und später den Jungen gemütlich machen zu können. Turmfalken sind eigentlich Felsbrüter, doch, wie der Name sagt, nehmen sie als Kulturfolger auch Nistmöglichkeiten in hohen Gebäuden an. Wobei sie wenig wählerisch sind: Auch Krähennester in hohen Bäumen an Waldrändern verschmähen sie nicht. Und sie sind standorttreu: Hat es eine geeignete Wohnung gefunden, kommt das Paar, das ein Leben lang zusammenbleibt, jedes Jahr wieder zum Brüten.

Dass die Planungsreferatsfalken das heuer nicht taten, ist einem Unglück zuzuschreiben, wie Monika Strell-Winkler sagt. Das Männchen habe sich in einen Taubenabfanggitter verfangen und habe dann von der Berufsfeuerwehr daraus befreit werden müssen. Das hat die Falken wohl so erschreckt, dass ihnen selbst ihr Stammsitz im Hochhaus nicht mehr geheuer war. Die Stadt bietet den Falken auch noch einige andere Nistmöglichkeiten, da heißt es allerdings aufpassen, nicht dem größeren Bruder in die Quere zu kommen - dem Wanderfalken. Auch der ist in München inzwischen heimisch. Er jagt hauptsächlich Vögel.

Monika Strell-Winkler kann sich mindestens 25 Jahre an erfolgreich brütende Falken im Hochhaus erinnern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im zweiten Nistkasten schritten Turmfalken bisher nur sporadisch zur Brut. Ihn hatte die Stadt zusammen mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) später angebracht, als Ersatz für einen Nistkasten im ehemaligen Heizwerk an der Müllerstraße. Diese zweite Vogelwohnung hat keine Kamera, so dass dort alles im Familienkreis bleibt. Man kann beide Kästen aber von innen kontrollieren - und da entdeckten die Naturschutzmitarbeiter heuer das Gänsesägerweibchen. Aus ihrem Gelege von fünf Eiern schlüpften drei dieser Wasservögel, die zu den Enten gehören, aber Höhlenbrüter sind. Auch die Profis vom LBV waren laut Strell-Winkler gespannt darauf, wie die Küken aus 45 Metern Höhe auf den Boden und dann ins Wasser kommen würden. Denn während die jungen Falken wochenlang Flugversuche im Stehen machen, um ihre Brustmuskeln zu trainieren, sind die Gänsesäger Nestflüchter. Die kleinen Federbällchen überstanden den Sturzflug aus großer Höhe und wurden dann von einem Feuerwehrmann zur Isar eskortiert. Kann also gut sein, dass die Hochhausfalken sich an neue Nachbarn gewöhnen müssen, denn auch die Mauerseglernistkästen, die ebenfalls an dem Gebäude hängen, wurden erstmals angenommen. München als Wohnsitz ist eben einfach begehrt.

In der Serie "Wildes München" stellt die SZ besondere Tiere in der Stadt vor. Am Montag lesen Sie: Die Münchner Kuh