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Wohnungsmarkt in München:"Verdrängung ist das ehrlichere Wort"

Die Entwicklung des Mietspiegels scheint in München nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Ein Gespräch mit der Metropolenforscherin Ilse Helbrecht über die Gentrifizierung der Stadt, historische Ursachen und Möglichkeiten des Gegensteuerns.

Ilse Helbrecht ist Professorin für Metropolenforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und gilt als versierte Kennerin der Münchner Verhältnisse. Sie promovierte und habilitierte in München und war danach bis 2002 Privatdozentin am Geographischen Institut der Technischen Universität München.

SZ: Wie lange werden sich Menschen mit mittleren Einkommen München noch leisten können?

Ilse Helbrecht: In München ist das Thema Gentrifizierung keinesfalls neu, es gibt sie schon lange. In den Neunzigerjahren gab es von Empirica eine Studie zu Lebensqualität und Wachstumsstress. Dort hieß es, bald könne sich keine Krankenschwester, auch kein Finanzberater noch München leisten. Wir hatten damals im Institut eine Postkarte hängen, sie war einfach schwarz. Darauf stand in weißer Schrift "München, man gönnt sich ja sonst nichts". Das bedeutet: Wer die Miete gezahlt hat, hat für anderes nicht mehr viel übrig.

Mit klarem Blick: Ilse Helbrecht gilt als versierte Kennerin der Münchner Verhältnisse.

(Foto: Heyde)

Was ist Gentrifizierung?

Wissenschaftlich betrachtet ist es ein stadtteilbezogener Austausch- und Aufwertungsprozess. Verdrängung ist das ehrlichere Wort, Arm wird durch Reich ersetzt. Im Zuge der Verdrängung findet eine Aufwertung der Bausubstanz und der Infrastruktur statt. Dann kommen die Cappuccino-Läden und die Antiquitätenhändler. Schon in der Definition von Gentrifizierung steckt das soziale Problem: Einkommensstärkere verdrängen Einkommensschwächere.

Seit wann gibt es Gentrifizierung?

Der Begriff wurde vor 51 Jahren erstmals benutzt. Von Ruth Glass in London. Sie beobachtete, wie der Altbaugürtel, der sich kreisförmig um die Innenstadt herausgebildet hatte, aufgewertet wurde. Damals, zur Hochzeit der späten Industrialisierung, wohnten dort die vier großen "A": Arme, Alte, Arbeitslose und Ausländer. Sie waren dort angesiedelt worden, damit sie es nicht weit zu ihren Arbeitsplätzen hatten. Dann kam die industrielle Krise, in den Städten wurde Platz frei, den die Mittelschichten und Reicheren nutzten, die bis dahin am Stadtrand gewohnt hatten. Das lief in vielen Städten so.

München hatte aber nie einen hochverdichteten Kern mit Industrie . . .

Nein, München hatte keine Schwerindustrie, aber die Stadt hatte auch ihre Arbeiterviertel um die Innenstadt, die sogenannten Glasscherbenviertel. München profitierte sogar von der industriellen Krise, die andere Großstädte erfasste. In den Sechzigerjahren erwischte sie London, New York, danach Deutschland. In den Achtzigerjahren hatte der Norden der Republik mit Bremen, Bremerhaven, Hamburg die Werftenkrise, das Ruhrgebiet als stärkste industrielle Region geriet mit dem Niedergang der Montanindustrie in eine Subventionswelle nach der anderen. In den Zeiten, als die alten industriellen Zentren kriselten, erlebte München seinen größten Aufstieg.

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Welche Gründe gibt es für Münchens eigene Form der Gentrifizierung?

München war nicht Sitz der Schwerindustrie, aber mit der sogenannten weißen Industrie viel früher dran. Seit den Sechzigerjahren ist die Stadt konstant gewachsen. München profitierte enorm von der deutschen Teilung, vom Mauerbau. Betriebe wie Siemens verließen Berlin und zogen nach München. Hochkarätige Innovationsbetriebe siedelten sich an, Dienstleistung, Wissen und Information. Unterstützt durch die Rüstungsindustrie und die finanzielle Förderung dieser Hochtechnologie durch den Staat. Das war ein großer Vorteil für die Stadt.