Gentrifizierung in München:Der Trend geht zur Abschottung

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Gegenüber sind schon 2004 teure Apartments entstanden. Rückblickend war es damals fast noch ein Billigangebot, als Peter Wasner die Penthouse-Wohnung seines Renommierprojekts Feilitzschhöfe auf dem ehemaligen Schwabinger E-Werke-Gelände der Stadtwerke, nur wenige Schritte von der Münchner Freiheit entfernt, für knapp zwei Millionen Euro anbot. Dafür völlig unmöbliert, ohne Böden und ohne Wandgestaltung.

Käufer derartiger, knapp 300 Quadratmeter großer Apartments mit zwei Dachterrassen und unverbaubarem Blick auf die Altstadt-Silhouette wollten, so erläuterte der Eiwobau-Chef damals beim Lokaltermin, ihr Wohnumfeld selbst gestalten, bis zur Fliese an der Wand und dem Belag auf dem Boden. Und sie wollen absolute Diskretion, wofür der schlüsselgesicherte Direktaufzug in die Tiefgarage sorgt. Selbstverständlich schirmen die Dachterrasse trotz der Penthouse-Lage heute zwei Meter hohe Hecken ab.

Das hat nichts mehr mit dem zu tun, was OB Christian Ude vor Jahren mit dem wohnungspolitischen Handlungsprogramm zur Chefsache erklärt hat. Wohnungen wie an der Feilitzschstraße, im ehemaligen Heizkraftwerk "The Seven", in den Lenbach-Gärten oder dem Isar-Palais kauft oder mietet nicht einmal mehr der gehobene Mittelständler.

Der Maxvorstädter Werner Stadler kennt einen Opern-Fotografen, der mit seiner Lebensgefährtin in der City verzweifelt eine Wohnung sucht. "Da ist nicht das Finanzielle das Problem." Die Zukunft, glaubte er, werde eher noch härter für Leute, die innenstadtnah leben wollten. "Selbst Wohnungen mit großen Mängeln ziehen Interessenten an."

Wer will noch in einer Stadt wie München leben?

Der Trend zur Abschottung ist ein anderes Phänomen, das es früher so nicht gab an der Isar, inzwischen wird es kräftig vermarktet. Die 150 Wohnungen am Fuße des Olympiabergs, Winzererstraße 115 bis 129, waren die erste sogenannte "gated Community" - also ein ganzes Quartier, das für Besucher erst einmal am verschlossenen Eingangstor endet. Die hübsch inszenierte Wasserbecken dahinter kann man nur durch den schmiedeeisernen Zaun sehen. Nun gibt es mehr solcher abgeschlossener Bereiche: Im Foyer des Wohnturms "The Seven" sitzt eine Concierge, ebenso wie im Max-Palais der Lenbach-Gärten, das zudem Anschluss an den Hotelservice von "The Charles" hat.

Während die Entwicklung auf dem Wohnungssektor ihren Weg geht, bleibt die damit einhergehende schleichende Vernichtung privater Rückzugsflächen, halböffentlicher und öffentlicher Grünzüge nicht unbemerkt. Im Olympischen Dorf wachen die Bewohner eifersüchtig über jede Veränderung des Parks vor ihrer Haustür - sie haben aber auch in den vergangenen Jahren ein Dutzend Eingriffe in die Parklandschaft miterlebt und dokumentiert - von temporären Veränderungen, etwa für die X-Games oder Munich Mash, bis hin zum Sea Life Center und dem Coubertin-Restaurant. Wie mag das weitergehen?

Wer will noch in einer Stadt leben, die immer mehr zugebaut, nachverdichtet, luxussaniert, segmentiert wird?

In seinem Mikrokosmos erlebt diese Entwicklung gerade hautnah Werner Stadler. Gerade erst hat er, SPD-Fraktionsmitglied im Bezirksausschuss Maxvorstadt, selbst dem Neubau eines Wohnhauses im benachbarten Innenhof zustimmen müssen. Die Auswahl, sagt er, habe darin bestanden, für einen schmaleren oder einen etwas breiteren Durchgang zu votieren. Baurecht eben.

Noch befindet sich der Flachbau eines Lebensmitteldiscounters dort, wo ein mehrgeschossiges Wohnhaus entstehen soll - wenn das realisiert wird, ist es für die meisten Mieter im Haus von Werner Stadler und in den Nachbargebäuden vorbei mit dem freien Blick aus dem Fenster. Er selbst könnte glimpflich davon kommen, in seiner 120-Quadratmeter-Wohnung im obersten, dem sechsten Stock. Zumindest bis seine Wohnung vielleicht einmal den Eigentümer wechselt, und der Vermieter dann die Mietpreisschraube anzieht.

Getrübter Ausblick: Der Flachbau mit dem schwarzen Dach soll einem Wohnhaus weichen.

Getrübter Ausblick: Der Flachbau mit dem schwarzen Dach soll einem Wohnhaus weichen.

(Foto: Stephan Rumpf)
Veranstaltungshinweis:
SZ-Forum

Das Thema Gentrifizierung bewegt die Münchner wie kaum ein anderes. Am 24. Juni 2015 lädt die Süddeutsche Zeitung zu einem SZ-Forum unter dem Titel "Unbezahlbar schön. Und wo bleiben die Münchner?" ein. Bei der Podiumsdiskussion soll es um explodierende Mieten, die Macht der Investoren und die Rolle der Politik gehen - um Ängste der Münchner, aber auch um Ideen, die Mut machen.

Wer diskutiert? Matthias Lilienthal, designierter Intendant der Münchner Kammerspiele; Elisabeth Merk, Stadtbaurätin; Josef Schmid (CSU), Bürgermeister Stadt München; Jürgen Schorn, Gesellschafter Bauwerk Capital; Christian Stupka, Vorstand Wogeno und Gima; Moderation: Tom Soyer und Thomas Kronewiter, Süddeutsche Zeitung

Wann und wo? 24. Juni 2015, 19 Uhr im Freiheiz, Rainer-Werner-Fassbinder-Platz 1, München. Der Eintritt ist frei.

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