SZ-Serie: Schon gehört, Folge 4 Ein Händedruck von Prinz Charles

Geschichten aus dem Leben wecken bei den Zuhörern im immer gut besuchten Erzählcafé der Seidlvilla viele Erinnerungen an eigene Erlebnisse - und sind die Basis für Gespräche über dies und das

Von Franziska Gerlach

Als die Sprache schließlich auf Prinz Charles kommt, kann in der ersten Reihe eine ältere Dame nicht mehr an sich halten. Denn was Hildegard Kronawitter soeben erzählt hat, aktiviert auch ihre Erinnerungen, und nun drängen sie hinaus: Alle in dem dicht bestuhlten Raum der Seidlvilla sollen erfahren, dass der Thronfolger des englischen Königshauses einst quer durch den Asamhof geeilt ist, um sie persönlich zu begrüßen. "Er hat keine andere begrüßt, nur mich", sagt die Münchnerin in der roten Strickjacke. "Das werde ich nie vergessen."

Im Erzählcafé, das verrät ja schon der Name, erzählen Münchner nun schon seit 20 Jahren aus ihrem Leben. Die Veranstaltung für Leute über 60, die der Nachbarschaftstreff Schwabing und das Münchner Bildungswerk acht bis neun Mal pro Jahr organisieren, aber einfach nur als einen Ort zu beschreiben, an dem das Erlebte dem Vergessen entrissen wird, das würde doch zu kurz greifen. "Das ist keine geschlossene Gruppe, sondern ein offenes Miteinander-Umgehen", sagt Dorothee Fichter vom Nachbarschaftstreff. Und natürlich steht das Erzählcafé auch jüngeren Gästen offen. So prominente Gäste wie Hildegard Kronawitter, die wegen des runden Geburtstags der Veranstaltungsreihe da ist, sind allerdings eher die Ausnahme. Generell gilt laut Wimmer-Billeter vom Münchner Bildungswerk: "Wir suchen gerne nach Leuten, die nicht so bekannt sind, aber trotzdem etwas zu sagen haben."

Begegnungsstätte mit Charme: Seit 20 Jahren gibt es das Erzählcafé von Nachbarschaftstreff und Bildungswerk in der Schwabinger Seidlvilla.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

An diesem Nachmittag ist fast jeder Stuhl im Raum besetzt, gespannt folgen die Gäste dem Streifzug durch das Leben von Hildegard Kronawitter, nur ganz hinten ist eine Dame eingedöst. Um ihr Studium der Volkswirtschaftslehre und ihre Promotion, ihre Zeit als SPD-Abgeordnete im Bayerischen Landtag und als Vorsitzende des Münchner Roten Kreuzes geht es zum Beispiel, und natürlich spricht sie auch über die Zeit als First Lady der Stadt München. Gerade steuert Kronawitters Erzählung auf die Olympischen Spiele im Jahr 1972 zu, die ja eigentlich fröhliche Spiele hätten werden sollen, dann aber bekanntermaßen in einem Desaster endeten. Mark Spitz habe sich damals wohl sieben Goldmedaillen erschwommen, meint sie. "Mir ist aber vor allem der Anschlag in Erinnerung, diese schreckliche Katastrophe." Auf den Stühlen um sie herum betroffene Blicke und beipflichtendes Nicken. Im Erzählcafé speist sich Kommunikation, das wird von Minute zu Minute deutlicher, offenbar aus dem Rückgriff auf etwas gemeinsam Erlebtes. Die Vergangenheit verbindet: Da fühlt sich mit einem Mal fast ein wenig als Außenseiter, wer damals noch nicht einmal geboren war.

Notwendig ist das aber gar nicht: Hans Kügle etwa hat mit jüngeren Generationen keine Berührungsängste. "Ihr junges G'müs", das zu sagen, liege ihm fern. Wenn er allerdings von Beschwerden über Funklöcher in der U-Bahn höre, dann denke er sich manchmal schon, mei, wenn ihr sonst keine Probleme habt. Ins Erzählcafé kommen der 84 Jahre alte Mann aus Haar und seine Frau seit vielen Jahren, gerade wegen des Austausches mit anderen. Kügle ist jedes Mal gespannt auf die Geschichte, die ihn dann erwartet. Kommt es nach den Vorträgen noch zu einer Diskussion, bringt er sich gerne ein. "Ich möchte ja teilnehmen und nicht nur stumm da sitzen."

Eher die Ausnahme: prominente Gäste wie Hildegard Kronawitter.

(Foto: Catherina Hess)

Auch Hildegard Kronawitter bekommt etliche Fragen gestellt, vor allem über ihr Privatleben - ob sie Geschwister habe, aus welchem Dorf im Bayerischen Wald genau sie stamme? Andere erinnern sich daran, dass der verstorbene Ex-Oberbürgermeister Georg Kronawitter, ihr Ehemann, seinerzeit den Behrpark in Berg am Laim gerettet hat, wieder andere verfolgen das Ganze eher still. Es sei sogar schon vorgekommen, sagt etwa Erika Schmitt, dass sie mit den Gedanken abgeschweift sei. Das konzentrierte Zuhören fällt ihr mit ihren 88 Jahren verständlicherweise schwer. Trotzdem sagt sie: Die Begegnung mit anderen Menschen tue ihr einfach gut. Verabreden muss sie sich übrigens nie, wenn sie in die Seidlvilla geht, irgendeiner oder irgendeine sei immer da. Ob sie hier Freunde gefunden hat? Die Münchnerin blickt auf ihren sauber aufgegessenen Kuchenteller, offenbar geht ihr dieses Wort nicht so einfach über die korallenrot geschminkten Lippen wie der Facebook-Generation. "Freunde nicht direkt", sagt sie dann. "Aber wir duzen uns."

Wer sich im Erzählcafé als Zeitzeuge ans Mikrofon setzt und aus seinem Leben erzählt, der wird sich ganz automatisch noch einmal mit den Ereignissen auseinander setzen, von denen er berichtet, seien es nun die Familienverstrickungen, eine Weltreise oder das Engagement in einem sozialen Projekt. Und wer die Position des Zuhörers einnimmt, bei dem werden - so zeigt das Beispiel mit Prinz Charles - wohl gerade durch den Vergleich mit den Erlebnissen des Erzählers eigene Gedanken freigelegt. "Erinnerungen aus dem Leben heraus sind etwas anderes, als ein Buch zu lesen", sagt Peter Benthues, der Vorsitzende des Münchner Bildungswerks.

Meistens kommen in dieser Runde Menschen wie du und ich zu Wort.

(Foto: Catherina Hess)

Er selbst hat vor einigen Jahren mal im Erzählcafé von seiner Flucht aus Schlesien berichtet und weiß daher: Da geht einem ganz schön die Pumpe vor Aufregung. Gerade durch das Erzählen vollziehe sich aber auch eine tiefere Aufarbeitung der Geschehnisse. Erst der Dialog bringt manchmal den Knoten zum Platzen - man sortiert sich, überdenkt und bewertet die eigene Geschichte neu.

Ganz so therapeutisch sieht Hans Kügle das Erzählcafé nicht. Er steht jetzt vor einer Tafel im Foyer, die Namen aller Vortragenden seit 1997 sind hier aufgelistet. Er deutet auf eine Zeile, Susi Piruoé steht da, "Mein Vater dachte oft an Piroschka." Spannend sei das gewesen, sagt Kügle, als die Tochter des Schriftstellers Hugo Hartung über ihren Vater gesprochen habe. Bittet man Kügle, über sein Leben zu erzählen, schaut er zunächst ein wenig verwundert. Was passiere in so einem Menschenleben denn schon? Die eigenen Kinder kommen zur Welt, die eigenen Eltern sterben - das sei doch ganz normal. Dann fällt ihm doch ein Schwank aus seinem Leben ein. Es ist "a Gschichterl" aus der Zeit, als er noch als Vermessungsingenieur tätig war. Da hätten er und seine Kollegen einmal ein Auto, das "ein Hanswurscht" quer auf einem Waldweg geparkt hätte, zack, einfach zur Seite getragen. Diese Anekdote ist vielleicht nicht so glamourös wie eine Politikerkarriere, aber nicht weniger unterhaltsam.

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