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SZ-Serie: Sakrale Glaskunst, Folge 8:Wie die Hand Gottes verschwand

In St. Hildegard in Pasing befinden sich die einzigen Fenster, die der bedeutende Glaskünstler Georg Meistermann für eine Münchner Kirche entworfen hat. Das hat womöglich seinen Grund

Von Jutta Czeguhn

Die Amtskirche ist mein größter Feind, der liebe Gott mein bester Freund." Georg Meistermann, den sein Enkel Justinus Maria Calleen hier zitiert, sei ein "Solinger Sturschädel" gewesen. Calleen, der die rheinländische Direktheit seines Großvaters offenbar geerbt hat, findet am Telefon deutliche Worte, wenn er das Verhältnis Georg Meistermanns zum Katholizismus bayerischer Ausprägung beschreibt. "Der Teufel hält Einzug in den Sakralraum", habe es Mitte der Fünfzigerjahre in Würzburg geheißen, Meistermann hatte dort die Altarwand der Kirche St. Alfons gestaltet. Seine kompromisslos moderne Bildtheologie provozierte die Gläubigen der schwer kriegszerstörten Barockstadt in der restaurativen Adenauer-Ära. Wenige Jahre später dann, Meistermann (1911-1990) gilt da bereits als einer der führenden Glaskünstler seiner Zeit, gestaltet er in München die Fenster eines unkonventionellen Kirchen-Neubaus. Seine Entwürfe für St. Hildegard in Pasing sind Wagnisse und schon heftig umweht vom Aufbruchsgeist des bevorstehenden Zweiten Vatikanums. Es gibt da eine Geschichte zu erzählen zu diesen Fenstern, die einiges über die Zeit aussagt, in der sie entstanden sind, aber auch ein paar Geheimnisse für sich behält. Nur eines steht am Ende fest, die Glaskunst in St. Hildegard wird das einzige Werk bleiben, das Georg Meistermann für eine Münchner Kirche entwirft.

Die Raumerfahrung in St. Hildegard - die Kirche steht seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz - ist heute noch unheimlich sinnlich: Im Fluss der Stunden durchwandert das Licht den quadratischen, kargen Kirchenraum. Selbst an trauergrauen Tagen gibt es dort optische Aktivitäten, die der Mystikerin und Bildvisionärin des Mittelalters, die der kleinen Kirche ihren Namen gab, wohl sehr entsprochen hätten.

Meistermann komponierte mit dem Glas eine Polyfonie an Farben. Wie ein Naturphänomen strömt morgens ein breiter Strahl durch das Ostfenster über die hufeisenförmig um den Altar gruppierten Bänken und verleiht der archaischen Madonna des Holzbildhauers Blasius Gerg einen beinahe psychedelischen Heiligenschein. Auch der Bergkristall auf dem wuchtigen Taufstein von Johannes Dumanski szintilliert in einer Skala von Pfauengrün über Narzissengelb bis zu Tiefseeblau. Und weiter züngelt das Regenbogenlicht über den Fußboden aus toskanischem Travertin und klettert das Bruchsteinmauerwerk empor. Dort sitzt es dann als zartes Echo der Fenster und streichelt die schroffen, unverputzten Blöcke. Irgendwann beginnt auch die Holzdecke des phänomenalen Dachgewölbes von St. Hildegard wie ein Baldachin zu glimmen.

Außergewöhnlich in Kunst und Architektur: Die Glasfenster von Georg Meistermann unter dem Faltdach, entworfen vom Architekten Siegfried Östreicher für die Kirche St. Hildegard an der Paosostraße in Pasing. Hier der Blick auf das Altarfenster.

(Foto: Christoph Brech/oh)

"Abends ist hier ein wunderschönes Licht, ganz warm, wie im Süden", sagt Christoph Brech. Er steht unter dem Westfenster, in dem Meistermann überwiegend rubinrote und gelbe Töne verwendet hat. Brech wohnt nur ein paar Straßen weiter von St. Hildegard. In seiner Kindheit und Jugend war der Video- und Fotokünstler hier Ministrant, er hat in der Pfarrbibliothek gearbeitet, war später Mitglied im Pfarrgemeinderat und in der Kirchenverwaltung. Mittlerweile ist der 55-Jährige beruflich viel unterwegs, für ein Ehrenamt reicht die Zeit nicht mehr, allerdings kümmert er sich so oft es geht um den Blumenschmuck für die Gottesdienste. Und er bietet hin und wieder Führungen durch die "Kunstkirche" an, wie er sie nennt. Dann erzählt er auch davon, dass die Meistermann-Fenster heute noch, beinahe sechzig Jahre nach ihrer Entstehung, ein "Politikum" sind.

St. Hildegard wurde vom Architekten Siegfried Östreicher (1919-2003) konzipiert, als Kirche, die den modernen Geist einer jungen Pfarrgemeinde beflügeln sollte. Auf dem sehr begrenztem Bauplatz hatte er abgesehen von der Kirche auch ein Heim für Studenten der Pädagogischen Hochschule unterzubringen, weshalb Östreicher den Grundriss des Gotteshauses als reines Quadrat angelegt hat.

Fünf Meter hohe, massive Umfassungsmauern umschließen den Gebetsraum mit der Altarinsel wehrhaft wie ein Sarazenenturm. Die romanische Gedrungenheit wird aufgebrochen, beinahe gotisch bekrönt durch das bemerkenswerte, hölzerne Dach, das zeltartig wie ein aufgefalteter Fächer über dem Mauerkranz zu schweben scheint. Durch den stählernen Unterbau der Konstruktion schuf Östreicher eine umlaufende Fensterzone aus zwölf dreieckigen Flächen. Für einen meisterhaften Architekten wie ihn war die Glasfensterkunst ganz offensichtlich nicht nur dekoratives Beiwerk, sondern ein substanzielles Element für seinen ungewöhnlichen Kirchenbau.

Georg Meistermann,1990

Künstler Georg Meistermann.

(Foto: Brigitte Friedrich)

Die Bedeutung, welche Georg Meistermanns vielfarbiges, weitgehend abstraktes Rundumpanorama für St. Hildegard hat, erklärt wohl auch, warum sie zum Politikum wurde. Und zwar nachhaltig. Noch am ehesten rekonstruieren lässt sich die komplexe Geschichte, konzentriert man sich auf das Altarfenster. Blautöne in verschiedenen Oktaven umfließen in vertikalen und horizontalen Strömen ein filigranes Lamm Gottes im Zentrum dieses zentralen Dreiecksfensters. Eingesprenkelt in die Komposition sind an den Seiten und an der unteren Bildseite bunte Kaleidoskop-Strukturen. Christoph Brech allerdings besitzt ein Foto, auf dem das Altarfenster deutlich anders aussieht. Es ist der Scan eines nicht mehr farbechten Dias, das zwischen 1962 und 1964 aufgenommen worden sein muss. Denn nur in dieser Zeit konnte man im Fenster eine gewaltige, violettfarbene Hand sehen, die sich von oben schützend um das Lamm legte. Dann aber verschwand die Hand, die Gott Vater symbolisiert, und mit ihr auch die Trinitätsdarstellung in den Fenstern von St. Hildegard. Geblieben sind das Lamm als Symbol für Jesus, und die Feuerzungen als Bild für den Heiligen Geist am gegenüberliegenden Pfingstfenster über dem Eingangsportal, das mit seiner dynamischen Farbigkeit dem Altarfenster heute optisch den Rang abläuft. "Damit ist in dieser doch sehr ausgewogenen Kirche eine Unausgewogenheit entstanden", sagt Christoph Brech. Wirklich schlimm empfindet er das allerdings nicht.

Das Verschwinden der Gotteshand ist der gravierendste Eingriff, der an Meistermanns Fenster-Komposition im Laufe des Jahres 1964 vorgenommen wurde. Es war jedoch offensichtlich nicht der erste. Im November 1962 war Georg Meistermann der Weihe von St. Hildegard ferngeblieben. Offensichtlich aus Verärgerung, so jedenfalls erzählt man es sich heute noch in der Pfarrgemeinde. Etwas Gravierendes musste geschehen sein. Die Spurensuche führt nach Düsseldorf. "Meine Mutter Elsbeth Derix kam nach der Einweihung von München zurück und berichtete, dass die gesamte Farbigkeit sehr laut ist", erinnert sich Elisabeth Derix von der Glasmanufaktur Wilhelm Derix in Düsseldorf, wo damals Meistermanns Entwurf realisiert wurde. Der Künstler selbst, so der Eindruck ihrer Mutter damals, sei mit dem Ergebnis auch nicht glücklich gewesen, berichtet Elisabeth Derix, die das Familienunternehmen in der vierten Generation leitet. Was war geschehen? "Meistermann wurde vom Ordinariat zu Veränderungen aufgefordert, die ihm künstlerisch sehr wichtig waren", schlussfolgert Norbert Jocher, der Leiter des Kunstreferats im Erzbistum München-Freising, nachdem er sich ins Archiv des Ordinariats begeben hat. "Allerdings, Meistermann ist auf diese Veränderungswünsche eingegangen."

Das Altarbild im Original: Nur zwei Jahre, von 1962 bis 1964, war diese schützende Hand über dem Lamm Gottes im Altarbild zu sehen. Dann nahm Meistermann eine Änderung vor.

(Foto: Christoph Brech/oh)

Eben dies ist kaum vorstellbar für Meistermanns Enkel und Nachlassverwalter Justinus Maria Calleen. "In solchen Fällen hätte er es im Zweifel auf einen Eklat ankommen lassen", glaubt der Kunsthistoriker und Publizist, Jahrgang 1960. Anpassung oder Aufgabe der eigenen Haltung sei für Meistermann gleichbedeutend gewesen mit Kapitulation und Selbstzerstörung. Schon gar nicht hätte sich sein Großvater, der damals ein bedeutender Name in der Kunstwelt national wie international gewesen sei, von einem Ordinariatsreferenten in seine Kunst dreinreden lassen. Auch nicht vom Kardinal. Der war damals Julius Döpfner, den Meistermann noch aus Würzburg gekannt haben muss. Allerdings war es nicht Döpfner, der St. Hildegard einweihte, denn dieser war damals als Mitglied der Zentralen Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils anderweitig beschäftigt.

Woher rührt Meistermanns Abneigung, dieser heilige Zorn auf die Amtskirche, aber auch anderen Autoritäten gegenüber? Justinus Maria Calleen, der über seinen Großvater auch promoviert hat, beschreibt Meistermann als Sanguiniker, als Genussmenschen, der jedoch schon früh im Leben tiefe Verletzungen erfahren hatte: Aufgewachsen in Solingen, der Vater stand der Zentrumspartei nahe, erfuhr die Familie mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus soziale Ächtung. Georg, künstlerisch außergewöhnlich begabt, musste auf politischen Druck hin 1933 die Kunstakademie in Düsseldorf verlassen. Er hatte den Eid auf Hitler verweigert. Zu jung und zu unbekannt, um als "entartet" verfolgt zu werden, so schreibt Calleen, habe Meistermann dennoch erhebliche Repressionen erfahren in seinem künstlerischen Schaffen. Die "wölfische Haltungslosigkeit" seiner Zeitgenossen damals, und auch die Rolle der Amtskirche während des NS-Terrorregimes habe seinen Großvater tief betroffen gemacht. Er habe den Deutschen nicht mehr über den Weg getraut, formuliert es der Enkel.

St. Hildegard Pasing

Auch heute noch erzeugen die Fenster von St. Hildegard faszinierende Lichteffekte.

(Foto: Privat)

Und doch oder gerade deswegen gehörte Meistermann nach dem Weltkrieg zu jenen, die die Rückkehr Deutschlands in die internationale Kunstszene vorantrieben und auch den Impuls zu einem Zentrum für verfolgte Künste gab. Meistermann war Teilnehmer der ersten Documenta 1955, er lehrte an etlichen Kunstakademien, auch an der in München, er war Trauzeuge von Margarete und Alexander Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu trauern"), er porträtierte Willy Brandt so eigenwillig für die Galerie im Kanzleramt, dass Helmut Kohl das Bild später abhängen ließ, und er war lange Jahre streitbarer Künstlerbundpräsident.

Bei all dem, so Justinus Maria Calleen, müsse man Meistermann als einen tiefgläubigen Katholiken begreifen, der mit seiner Kirche haderte. Und den die Fenster in St. Hildegard offensichtlich nicht losließen. Es gibt nun mehrere Theorien, wie es zum Eingriff 1964 in die Fenster hat kommen können, jenem, bei dem die Hand Gottes und diverse feurige Strahlenbündel im Ostfenster verschwanden. "Wissen Sie, dass man mir zu verstehen gegeben hat, ich würde keinen Auftrag bekommen, bevor das nicht in Ordnung gebracht sei?" kann Christoph Brech aus einem Brief Meistermanns vom 4. Juli 1964 an ein Pfarrgemeinderatsmitglied zitieren. Erfolgte der Eingriff also erneut auf Druck des Ordinariats? Kunstbeauftragter Jocher kann das nach Akteneinsicht nicht bestätigen. Korrespondenzen, auf die Elisabeth Derix in ihrem Firmenarchiv gestoßen ist, legen wiederum nahe, dass Meistermann zusammen mit Architekt Östreicher und ihrer Mutter im März 1964 noch einmal Veränderungen festlegte. Ohne Zutun des Ordinariats. Die Fenster waren ihnen wohl schlichtweg zu laut. Und die Hand, aber das ist Spekulation, zu wuchtig und plakativ.

In den Neunzigerjahren, erinnert sich Norbert Jocher, sei man relativ knapp davor gewesen, die Meistermann-Fenster in St. Hildegard nach der Version zum Zeitpunkt der Kirchenweihe zu rekonstruieren. Angesichts der Qualität der Glaskunst dort sei es durchaus lohnend, weiter darüber zu diskutieren, selbst wenn so ein Projekt finanziell kaum vorstellbar sei. Auch Nachlassverwalter Calleen, bei dem die Urheberrechte liegen, signalisiert "Offenheit", was eine Rekonstruktion angeht. In der Gemeinde selbst, das berichten Christoph Brech und der zuständige Pfarrer Thomas Dallos, gebe es bis heute kein klares Meinungsbild. Zumal sich mittlerweile die Frage stelle, was nun eigentlich als Originalzustand der Fenster anzusehen sei. Die Mehrheit der Gläubigen in St. Hildegard kenne Georg Meistermanns gläsernes Glaubenszeugnis schließlich nur im Gestaltungszustand seit 1964.

Fenster mit einem geheimnisvollen, tiefen Leuchten, das je nach Lichteinfall und Seelenverfasstheit des Betrachters mal temperamentvoll fröhlich und dann wieder ungeheuer besänftigend sein kann.

In der SZ-Serie "Lichtspiele" wurde zuletzt unter dem Titel "Gläsernes Meer" die Glaskunst in der Evangeliumskirche im Hasenbergl vorgestellt. Die Serie wird in loser Folge fortgesetzt.

© SZ vom 22.06.2019

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