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Sagen und Mythen:Schleierhafte Erscheinung

Residenz mit Hofgarten, um 1701

Ein Blick ins 18. Jahrhundert: Ein alter Stich zeigt die Residenz um das Jahr 1700 herum - bis in unsere Tage eine stolze Adresse mitten in der Stadt.

(Foto: Scherl)

Die Schwarze Frau der Wittelsbacher kündete vom Tod der Könige. Viele wollen ihr in der Residenz begegnet sein.

Sie ist mal schwarz, mal weiß gewandet. Mal kommt sie angeschwebt, mal trippelt sie auf hohen Schuhen. Sie ist mal groß, mal klein, gelegentlich hält sie einen Apfel in der Hand. Wer ist diese sagenhafte Gestalt der "Schwarzen Frau der Wittelsbacher", die als Todesbotin durch die Gänge der Schlösser wandeln soll? Selbst diejenigen, die sie gesehen haben wollen, lösen das Rätsel nicht auf. Da ist Detlef Willand, der ihr begegnet sein will, als er um das Jahr 1958 als Holzschnitzer beim Wiederaufbau der Residenz beschäftigt war. Und es gibt Margot Ilgner, die sagt, sie habe als Aufseherin in der Residenz eine geisterhafte Gestalt im Zimmer der Welt beobachtet. Beide haben versucht, ihr Erlebnis literarisch aufzuarbeiten. Doch während Willand die gespenstische Erscheinung mit einem Todesfall eines Wittelsbachers in Verbindung bringt, muss Ilgner passen. Ihre Schlussfolgerung: "Es muss zwei Schwarze Frauen geben."

Es war ein Frühlingstag im Jahr 2014, Margot Ilgner war neu in der Residenz. Sie arbeitete eigentlich als Aufsicht in der Pinakothek der Moderne, in die Residenz kam sie als Aushilfe: "Ich bin da rein, es war Liebe auf den ersten Blick." An jenem Frühlingstag, als sie die Schwarze Frau gesehen habe, war sie im Zimmer der Elemente. Es war wenig los, sie war allein. In den Augenwinkeln habe sie gesehen, wie sich im Zimmer der Welt etwas bewegt habe: "Es war eine weibliche Gestalt, von Kopf bis Fuß schwarz gewandet mit bodenlangem Kleid und Schleier, etwa so groß wie ein elfjähriges Mädchen. Es war eher ein Gleiten als ein Gehen." Als sie nachschaute, sei das Zimmer leer gewesen. "Ich schwöre, ich habe diese Gestalt gesehen", sagt Ilgner - und betont, sie sei eher ein nüchterner Mensch: "Für mich zählen eigentlich nur Fakten."

Das Erlebnis ließ sie zunächst kalt, erst am Abend in ihrer Wohnung explodierten die Gedanken: "Es hat mich regelrecht umgehauen, ich habe einen Geist gesehen." Seitdem habe sie sich viel mit dem Thema beschäftigt und sich auch in die Geschichte der Wittelsbacher eingelesen. Sie wisse nun, dass Gespenstergeschichten in der Residenz nichts Ungewöhnliches seien, auch andere Mitarbeiter hätten von mysteriösen Begegnungen berichtet, etwa mit einer weißen Frau samt Pudel. Sie wisse auch, dass die Schwarze Frau der Wittelsbacher gesehen worden sei, bevor ein Angehöriger des Adelsgeschlechts starb. So soll sie vor dem Tod von Ludwig II. und auch vor dem von König Max I. Joseph erschienen sein.

Doch wer verbirgt sich hinter dem Schleier der Schwarzen Frau, die den Tod verkündet, und wer ist die Frau, die vielleicht ohne Todesbotschaft durch die Räume der Residenz geistert? Margot Ilgner vermutet, bei ihrer schwarzen Frau könnte es sich um Kurfürstin Maria Anna (1728 bis 1797) handeln, die mit Kurfürst Max III. Joseph verheiratet war. "Sie hat ihn heiß und innig geliebt", sagt Ilgner, aber er sei eher Männern zugetan gewesen, heißt es. Oder aber es war die Kurfürstin Henriette Adelaide von Savoyen (1636 bis 1676). Ilgner verehrt die schöne Französin sehr und beschreibt sie als eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der bayerischen Geschichte. Sie sei unglaublich gebildet gewesen und habe sehr viel für die Kultur getan, schildert sie die Verdienste. Doch viel von der Pracht, die sie in die Residenz gebracht hatte, wurde Opfer von Flammen, als der Sitz der Wittelsbacher 1674 brannte. Wer das Feuer aus Unachtsamkeit verursacht hat, ob die Kurfürstin oder eine ihrer Kammerfrauen, ist ungewiss. Henriette Adelaide soll mit einem Nachthemd bekleidet noch ihre Kinder gerettet haben. "Aber sie hat sich nie wieder von den Folgen des Brandes erholt", sagt Ilgner, Henriette Adelaide starb 1676.

Auch manche Stadtführer erzählen Geschichten von der Schwarzen Frau. Sie berichten von der unglücklichen Kunigunde oder Agnes von Orlamünde, Herrin der Plassenburg in Franken, die sich in Albrecht den Schönen von Nürnberg verliebt hatte. Die junge Frau machte sich nach dem Tod ihres Mannes Hoffnung auf ein neues Leben mit dem Geliebten. Doch der sagte, es seien vier Augen im Weg - er meinte damit seine Eltern. Die Gräfin jedoch münzte das auf ihre kleinen Kinder und tötete sie, indem sie ihnen eine goldene Nadel durch die Fontanelle stach. Eine Version der Geschichte besagt, sie sei vor Gram gestorben; eine andere, sie habe ein Kloster gestiftet.

Tatsächlich gibt es exakt diese Geschichte als Vorlage für die Weiße Frau der Hohenzollern, die ebenfalls eine eigene Todesbotin haben. Eine Ausstellung auf der Plassenburg beleuchtete 2005 das Thema und zeigte auf, wie sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Sagenmotive miteinander verknüpften. Da gibt es die Weiße Frau der Rosenbergs in Böhmen, die sowohl glückliche Ereignisse als auch den Tod ankündigen soll. Seit 1488 werden die unterschiedlichsten Geschichten von herumgeisternden Weißen Frauen berichtet. Mal handelt es sich um verkleidete Bedienstete oder Scherzbolde, mal sind es unerklärliche Erscheinungen. Daneben gibt es die Sage vom Kindermord in Orlamünde. Dort existieren zwei Klöster. Himmelkron wurde 1279 von Otto III. von Orlamünde gegründet. Himmelsthron dagegen wurde von besagter Kunigunde von Orlamünde (1303 bis 1382) gestiftet, die angeblich aus Liebe zu einem Hohenzollern ihre zwei Kinder umgebracht haben soll, in Wirklichkeit jedoch, wie die Urkunden belegen, kinderlos war. Ihr wurde zum Verhängnis, dass in Himmelkron zwei Kinderleichen in der Gruft des Stifters gefunden wurden. Tatsächlich gehen spätere Forscher davon aus, dass es sich bei den Kindern um Reliquien gehandelt haben könnte, um Opfer des Bethlehemischen Kindermordes. Das erscheint auch deswegen plausibel, da das Kloster Himmelkron am Kindleinstag (28. Dezember) gegründet worden war. Doch das Wissen darum ging wohl mit der Reformation verloren, deswegen suchten die Menschen nach neuen Erklärungen. Seit dem 18. Jahrhundert wurden beide Sagen, die der Weißen Frau und die der angeblichen Kindermörderin, verwoben.

In den Gemächern der Residenz soll die Schwarze Frau gesichtet worden sein.

(Foto: Robert Haas)

Doch was das mit den Wittelsbachern zu tun hat, bleibt im Dunkeln. Die Schwarze Frau der Wittelsbacher bleibt eine sagenhafte Gestalt mit vielen Facetten. Sie muss wohl einen guten Grund haben, die Wittelsbacher zu verfolgen. Genannt wird deswegen etwa Maria von Brabant, von der Heinrich Wutscher glaubt, sie sei die Schwarze Frau von Schloss Schleißheim. Wutscher, der sich schon seit vielen Jahren im Verein der Freunde von Schleißheim engagiert, sagt allerdings: "Da ist nichts bewiesen." Ludwig der Strenge ließ seine Frau enthaupten, weil er glaubte, sie sei ihm untreu.

Und dann ist da auch noch Agnes Bernauer, die schöne Baderstochter, die in der Donau ertränkt wurde. Sie gehöre natürlich zum Kreis der Kandidatinnen, sagt Christopher Weidner. Der Mitbegründer der Stadtspürer, die mystische Stadtführungen in München veranstalten, sieht die Weiße Frau und damit auch die Schwarze in der Tradition des mitteleuropäischen-keltischen Sagenkreises. Er verweist beispielsweise auf die Banshees, die Todesfeen irischer Adelsclans. Weidner vermutet, dass sich im Laufe der Zeit viele Sagenstränge zur Schwarzen Frau der Wittelsbacher verquickt hätten, "aber das ist ja das Charmante an Sagen, dass sie sich immer verändern". Die Schwarze Frau sei ein guter Geist, der keinen Schaden zufügen wolle. Er macht das an ihrem Stillschweigen fest. Dieses Gefühl hatte auch Margot Ilgner, die nichts dagegen hätte, der Frau noch einmal zu begegnen.

Für Stadt- und Schlossführer sind solche Gestalten ein großer Gewinn. Otto Bürger bringt es auf den Punkt. Dem Oberschleißheimer, der schon viele Menschen durch das Schleißheimer Schloss geführt hat, ist es gleichgültig, ob die Frau schwarze oder weiße Kleider trägt. "Gespenstergeschichten sind ein Unterhaltungsfaktor der allergrößten Art bei Schlossführungen." Und Carola Kühberger, die durch München führt, dreht es weiter. Sie nimmt die Erzählung, die Schwarze Frau sei vor dem Tod des Märchenkönigs gesehen worden, als Beleg dafür, dass Ludwig II. ein echter Wittelsbacher war - allen Gerüchten zum Trotz.