SZ-Serie: Sagen und Mythen, Folge 4:Vom Zauber des Erzählens

Lesezeit: 4 min

Sein wahres Leben beherrschen strenge Formeln und unumstößliche Naturgesetze, seine wahre Leidenschaft aber sind Geschichten aus längst vergangenen Tagen. Regelmäßig entführt der Physiker Matthias Stürzer seine Zuhörer in versunkene Welten

Von Franziska Gerlach

Es ist kalt an diesem Nachmittag, eisiger Wind zieht um St. Peter und Paul und wühlt in seinen grauen Locken. Matthias Stürzer, 50, stört die Kälte aber nicht. Und zwar nicht nur wegen des warmen Lodenmantels, den er trägt. Sondern vor allem, weil es in seiner Vorstellung Frühsommer ist.

Wenn Stürzer Sagen erzählt, wie eben jene von der Frau Uta in Trudering, dann ziehen die Motive vor seinem inneren Auge vorbei. Er sieht die gütige Edeldame mit ihrem Lebensmittelkorb durch ein Ährenfeld bei Trudering stapfen, direkt auf die Burg zu, die plötzlich vor ihr im Erdboden versinkt - und ihren gierigen Ehemann, den Ritter Kuno, mitreißt. "Den interessierte nichts als Geld", sagt Stürzer. Ein Geizkragen, und ein grausamer noch dazu. Stürzer faltet die Hände, setzt den Gesichtsausdruck des Wissenden auf, mit einer Atempause staut er noch etwas Spannung auf. Dann nimmt die Erzählung gehörig Fahrt auf - bis hin zum Todeskrater vor dem Truderinger Bahnhof, in dem vor 22 Jahren ein MVG-Bus versank und drei Menschen in den Tod riss.

SZ-Serie: Sagen und Mythen, Folge 4: Als wär's ein Hauch von Nosferatu: Matthias Stürzer, auf den Stufen von St. Peter und Paul in Trudering, erzählt immer wieder gerne die Geschichte von Frau Uta.

Als wär's ein Hauch von Nosferatu: Matthias Stürzer, auf den Stufen von St. Peter und Paul in Trudering, erzählt immer wieder gerne die Geschichte von Frau Uta.

(Foto: Catherina Hess)

Mehr als 100 Geschichten, Märchen, Sagen und Anekdoten umfasst das Repertoire des Physikers, der in seiner Freizeit zu Matthias, dem Erzähler wird - während Stadtführungen, bei Geburtstagen, auf Mittelalter- oder Adventsmärkten oder in Kindergärten zum Beispiel: "Geschichte und Geschichten haben mich schon immer interessiert." Mittlerweile lebt er in Planegg, aufgewachsen ist er aber in Haar. Doch da es dort seinerzeit nichts Spannendes zu tun gab, stromerte er nachmittags immer in die Bibliothek nach Trudering und deckte sich mit Büchern über die alten Ägypter und andere Völker ein. Schon zu Schulzeiten stößt er auf die Sage von der Frau Uta, die er bis heute besonders gern erzählt: "Wegen des Gänsehauteffektes bei den Erwachsenen, wenn es schließlich um das Busunglück geht."

SZ-Serie: Sagen und Mythen, Folge 4: An die sagenumwobene Frau Uta erinnert heute eine Straße.

An die sagenumwobene Frau Uta erinnert heute eine Straße.

(Foto: Catherina Hess)

Ob es eine Verbindung zwischen den Geschichten gibt, sei erst mal dahingestellt. Sicher aber ist: Frau Uta hat ganz deutliche Spuren in Trudering hinterlassen. Die Bezeichnung "Utaische Brüche" zum Beispiel, wie besagte Wiese mit der einstigen Burg im Grundbuch heißt, die kämen sicher nicht von ungefähr, erläutert Stürzer: "Sagen haben typischerweise einen klar definierten Ort, bestenfalls auch noch eine fest umrissene Zeit, in der sie spielen." Im Fall der Frau-Uta-Sage gehören dazu eine Burg, die geknechteten Bauern und natürlich auch die Almosen, die Frau Uta verteilte - für Stürzer klare Indizien für das Mittelalter.

SZ-Serie: Sagen und Mythen, Folge 4: Auch der sogenannte Utabrunnen wurde nach ihr benannt.

Auch der sogenannte Utabrunnen wurde nach ihr benannt.

(Foto: Catherina Hess)

Seine Karriere als Erzähler reicht freilich nicht so weit zurück. Zwölf Jahre ist es her, dass Stürzers Tochter, damals sieben Jahre alt, sich Märchen vom Papa wünschte. Und weil der Winter damals gar so trist und trübe war, versammelte Stürzer alle Kinder aus der Nachbarschaft zu einer Erzählstunde zwischen Kissen und Kuscheltieren auf dem Boden. "Und draußen im Gang standen dann 30 Paar Stiefelchen." Und tatsächlich: Wer sich mit Matthias Stürzer in einer gemütlichen Truderinger Bäckerei vor der Kälte versteckt, der sieht mit einem Mal wirklich eine Reihe von rosa und hellblauen, gestreiften und geblümten Kinderstiefeln. Es ist ein Detail, das Stürzer nur beiläufig erwähnt hat, trotzdem ist es da. Mitsamt der Frage: Wie funktioniert das eigentlich, das Erzählen?

Die Sage von der guten Frau Uta

Vor langer Zeit stand bei Trudering eine mächtige Burg, in der die Frau Uta und ihr Mann lebten, der Ritter Kuno. Doch anders als seine Frau war dieser ein ausgemachter Geizhals. Er beutete die Truderinger Bauern aus, und wer die Steuern nicht zahlen konnte, den behandelte der Ritter mit einer Grausamkeit, die ihresgleichen suchte. Seine Frau Uta versuchte allerdings, das Unrecht immer wieder gut zu machen: Sie kümmerte sich um die Armen und Kranken, an jedem Sonntag packte sie heimlich Lebensmittel in einen Korb und verteilte sie nach dem Kirchgang an die Bedürftigen. Als der Ritter Kuno ihr schließlich auf die Schliche kam, gab es nicht nur ein gewaltiges Donnerwetter - er verbot Frau Uta auch, weiterhin Almosen zu verteilen.

Die fromme Uta ließ sich aber nicht beirren und machte weiter mit ihren Wohltaten, Sonntag für Sonntag. Eines Tages, sie ist mit ihrem leeren Korb auf dem Weg nach Hause, da hört sie plötzlich ein tiefes Grollen. Vor ihren Augen öffnete sich die Erde und verschluckte die Burg mitsamt dem geizigen Ritter Kuno und seinem Geld. Da stand sie nun also, die gute Frau, mit nichts als ihren Kleidern am Leib. Die Truderinger boten ihr ein Obdach. Im Gegenzug verschenkte sie den verbliebenen Grundbesitz an die Ortskirche in Trudering. Aus Dank hielten die Truderinger noch lange Jahre Gottesdienste für ihre Wohltäterin ab. An der Stelle, an der einst die Burg stand, soll noch lange Zeit eine Senke sichtbar gewesen sein - die sogenannte "Uta-Höhle".frg

Stürzer ist Autodidakt. Aber er schafft es, ein Detail zum Bild und dieses Bild wiederum zu einem Film zu verdichten, den das Kopfkino sozusagen auf Breitwand abspielt. Vor anderen zu reden, das sei ihm schon in der Schule leicht gefallen. Ohne größeres Aufhebens habe er Referate über Mineralien gehalten, ohne zu wissen, was ein Referat überhaupt ist. Das Erzählen ist sein Ding, egal ob Erwachsene oder Kinder ihm lauschen. Denn anders als beim Vorlesen, wenn Letztere etwa mucksmäuschenstill sind und ihm im besten Fall an den Lippen hängen, gehen die Jüngeren beim Erzählen richtig mit, lassen die kleinen Fäustchen durch die Luft fliegen und reißen die Augen auf. "Da ist ein Austausch da", sagt μMatthias Stürzer.

Allerdings: "Es war einmal..." - dieser verheißungsvolle Einstieg in eine zurückliegende Handlung, dieser Satz sei dann doch dem Märchen vorbehalten. Bei der Sage dagegen gilt es, sparsam zu hantieren mit blumigen Adjektiven und wilden Ausschmückungen. Andernfalls, sagt Stürzer, nehme man dem Zuhörer die Chance, sich in der Fantasie Protagonisten und Kulisse zu erschaffen. Und das sei doch gerade das Schöne am Zuhören - selbst zu entscheiden, ob die Frau Uta denn nun in einem Kleid aus blauem Samt durch die Truderinger Felder schreitet oder vielleicht doch in einem rotem mit goldener Borte. Und wenn Stürzer selbst sich seine Sagen und Märchen auch in Motiven merkt, so sagt er doch: "Ich werde der Frau Uta kein schönes Gesicht und keine Sommersprossen andichten." Erzählen: Das ist ganz offenbar weniger die Kunst, Worte aneinander zu reihen, die sich möglichst erlesen anhören. Es ist vielmehr die Kunst, den Zuhörer in eine längst vergangene Zeit zu verfrachten. Und an einen Ort, den er womöglich sogar kennt, aber eben so, wie er heute aussieht. Überhaupt erzähle es sich am besten dort, wo sich die Sage zugetragen habe. Wenn der Zuhörer also auf jenem Stückchen Wiese steht, auf dem auch die Frau Uta gestanden haben könnte. Dann kann die Erzählung ihren Zauber am besten entfalten.

Das führt zu der Frage, was zuerst da war - die Sage oder die Geschichtsforschung. Stürzer muss da nicht lange überlegen - die Sage natürlich. Als historische Quelle tauge diese nämlich nicht, sagt er und schlägt den Bogen zu Homer und Troja. Sie sei kein Beweis, höchstens ein Hinweis auf die Ereignisse: "Und mit viel Glück findet die Geschichtsforschung oder die Archäologie dann eine Bestätigung für die Sage." Historisches Wissen erfordert das Erzählen aber dennoch, und hat Stürzer dieses nicht parat, befragt er schon mal das Internet. Zu einem Abenteuer wird die Sage aber wohl erst durch die Mimik und Gestik, mit der er seine Erzählungen begleitet. Stürzer legt dann die Stirn in Falten oder schimpft mit seinen badeseeblauen Augen. Und wenn der Ritter Kuno zornig wird, sein Schwert zieht und seiner Frau Uta den Kirchgang verbieten will, dann kann auch Stützer nicht mehr "stad" halten, wie er sagt.

Nur ganz am Ende, wenn die Erzählung Kurs nimmt auf die Ereignisse um den Stadtbus der Linie 192, der am 20. September 1994 am Truderinger Bahnhof urplötzlich in den Asphalt einbrach, wird er wieder ruhig. Drei Menschen wurden damals vom Kies verschluckt, 34 teils schwer verletzt. Geologen fanden anschließend heraus, dass Risse im Untergrund zu der Katastrophe geführt hatten.

Frau Uta und der schreckliche Kuno können also sehr wahrscheinlich nichts für dieses Unglück. Aber wer weiß: Ein Körnchen Wahrheit schlummert ja in jeder Sage.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB