SZ-Serie: Münchner SchmuckkunstMit Anziehungskraft

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Die mit dem Danner-Preis ausgezeichnete Brosche "Wohin".
Die mit dem Danner-Preis ausgezeichnete Brosche "Wohin". Danner Stiftung München/Eva Jünger

Die Goldschmiedin Bettina Dittlmann arbeitet seit 2017 mit Neodymmagneten. Ihre Brosche "Wohin" wurde nun mit dem Danner-Preis ausgezeichnet

Von Ira Mazzoni

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Der Amboss steht, aufgebockt auf einem Holzstamm, mitten im Wohn- und Essbereich des kleinen Dreiseithofes. Griffbereit hängen kleine und große Hämmer an fahrbaren Gestellen. Kästen mit unterschiedlich dicken Stahldornen liegen bereit. Wohnen und Arbeiten gehören für Bettina Dittlmann und ihren Partner Michael Jank zusammen. Das gemeinsame Schmieden hat für die beiden Künstler seit ihrem Kennenlernen vor 22 Jahren eine zentrale Bedeutung. Wie in der Frühzeit der Metallverarbeitung durchstoßen die beiden Gold-, Silber-, Kupfer- oder Reineisenschmelzlinge, dornen sie auf, glühen das Metall aus, hämmern es, glühen weiter aus, bis ein Ring entstanden ist mit Schrunden, Rissen, Kanten, ohne Naht, ohne Anfang und Ende. Kein Ring gleicht dem anderen. Manche wirken versteinert. Die Kupferringe scheinen erkaltet noch zu glühen. Mit jedem der "Fürimmerringe" wagt sich das Paar weiter über die üblichen Grenzen der Metallverarbeitung hinaus. Für dieses Projekt wurde das Künstlerpaar 2008 mit dem Bayerischen Staatspreis geehrt. Dabei bekennen Dittlmann und Jank, dass das Schmieden nicht nur Ritual ihrer Beziehung ist, sondern für den Lebensunterhalt sorgt.

Neben der Schmiede im Wohnzimmer bietet das Haus im niederbayerischen Rottal weitere Arbeitsplätze, die zugleich auch Lebensräume sind. Dittlmanns Atelier für filigrane Drahtarbeiten befindet sich im Spitzgiebel über dem ehemaligen Stall, nur über eine enge, eiserne Wendeltreppe erreichbar. Die Künstlerin, auf Unabhängigkeit bedacht, braucht nicht viel Platz: Ein Tisch unter dem Licht des Himmels reicht. Mit Draht können ihre Hände in unendlichem Zeitflug kostbarste Broschengespinste wirken, deren Knotenpunkte sie für den Zusammenhalt sorgfältig verlötet. Dabei fließen in die laufende Drahtarbeit Literarisches und Philosophisches, Gedanken an Renaissanceschmuck und Sepulkralkultur. Über das laufende Radio sickert das politische Jetzt ein. Man könnte Dittlmanns Arbeiten, die sie gelegentlich abschließend emailliert, auch als seismische Gebilde betrachten.

Bettina Dittlmann schmiedet mit ihrem Partner Martin Jank "Fürimmerringe".
Bettina Dittlmann schmiedet mit ihrem Partner Martin Jank "Fürimmerringe". Danner Stiftung München/Eva Jünger

Vor gut zwei Jahren begann die Goldschmiedin sich mit den Neodymmagneten zu befassen, die ihr Vater, ein Elektroingenieur, hinterlassen hat. Ihr Vater konnte nicht zusehen, wie wertvolle Ressourcen auf dem Müll geworfen werden. So baute er die starken Dauermagnete, für die seltene Erden unter unwürdigen Bedingungen abgebaut werden, aus den veralteten Bildschirmen und Computern aus. In den Sechzigerjahren schon war er mit seiner kleinen Tochter auf Schrottplätzen unterwegs, schlachtete Herde und Kühlschränke aus, wickelte dann die Kupferdrähte von den Motorspulen, schlitzte Kabelisolierungen, um das blanke Metall zu gewinnen. Heute nennt man so etwas Urban Mining. Als Künstlerin nutzt Bettina Dittlmann das hinterlassene Rohstofflager des Vaters bis heute.

Die Beschäftigung mit den Starkmagneten begann 2017 mit der Vereidigung Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem unmittelbar folgenden Women's March on Washington. Damals - erzählt die Künstlerin, die durch ihr Studium an der State University of New York in New Paltz, ihr zeitweiliges Studio in Brooklyn, die Gastprofessur an der State University of Oregon und zahlreiche Workshops eine starke Beziehung zu den USA hat -, damals habe sie das Gefühl gehabt: "Da kommt etwas ins Rutschen, da kommen Dinge hoch, die man längst für überwunden glaubte." Dieses Gefühl der Instabilität wollte Dittlmann in Schmuck fassen.

Die Goldschmiedin setzt Starkmagnete ein.
Die Goldschmiedin setzt Starkmagnete ein. Danner Stiftung München/Eva Jünger

Für den Danner-Preis 2020 reichte die Künstlerin fünf Magnet-Arbeiten ein. Eine Brosche wird dabei in drei Kästchen geliefert: In einem ruht die Eisenfassung mit Nadel, in dem nächsten der Scheibenmagnet, der so stark ist, dass Abstand zu elektronischen Geräten dringend geboten ist. Wie von selbst schlüpft der Magnet in die Fassung. In einer dritten Schachtel liegen zuhauf die Elemente, die sich nach physikalischen Gesetzen auf der Magnetscheibe formieren: fein gemörserter und gesiebter Eisenzunder aus einer Glockenklöppelschmiede, der sich zur betörend tiefgründigen Rosette formt. Eine Handbewegung und die schöne Rosette der Brosche "Notre Dame" zerfällt zu Eisenstaub. In einem anderen Kästchen warten durch rote Emaille zusammengebackene Eisenspäne auf die Polung durch eine Neodym-Magnetkugel. Die fragilen Farbblättchen richten sich dabei auf wie die Eisschollen vor dem zerschellten Segler auf Kaspar David Friedrichs Gemälde "Eismeer". Mit dem Danner Preis ausgezeichnet wurde die Brosche mit dem Titel "Wohin", die filigrane Drahtelemente, wie sie die Goldschmiedin üblicherweise für ihre Granatsplitterfassungen verwendet, auf sich zieht. Auch diese meist leeren Fassungen geraten zum irritierenden Sinnbild unserer Zeit. Wie bei der gerade im Kloster Beuerberg ausgestellten, von Dittlmann neu eingekleideten Schwarzen Madonna, bleibt bei all den magnetisierten Vanitas-Motiven ein Fünkchen Hoffnung: Die betörende Schönheit der fragilen Objekte lässt weiter an die Kraft der Kunst glauben.

© SZ vom 15.10.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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