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SZ-Serie: Münchner Schmuckkunst, Folge 9:Von Wurstketten und Nacktschnecken

David Bielander nutzt Schmuck schelmisch als künstlerisches Medium für politische Diskurse

Von Ira Mazzoni

Zwischen Scherz und Ernst: David Bielanders Schmuck.

(Foto: Catherina Hess)

Im Münchner Westend, unweit der Theresienhöhe, haben die Australierin Helen Britton, der Schweizer David Bielander und der Japaner Yutaka Minegishi im obersten Stock eines Hinterhauses ihre Gemeinschaftswerkstatt eingerichtet. Seit 2002 arbeiten die drei Künstler, die sich seit ihrem Akademie-Studium kennen, in einem Raum zusammen. Die Werke, die vor den Nordfenstern entstehen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Yutaka Minegishi fertigt fast ausschließlich skulpturale, monolithische Ringe. Helen Britton erweckt Vergessenes und Verdrängtes zu sprühend neuem Leben. Und David Bielander liebt geistreiche Transformationen und Grenzgänge zwischen den Genres Design, Schmuck und Skulptur. "Was uns drei verbindet", resümiert Bielander, "ist die ehrliche Faszination für Materialien, das spielerische Ausprobieren, wenn es darum geht wie man eine Sache machen kann und letztlich auch das Interesse an der Geschichte der Materialien."

Hinter Bielanders Werktisch hängt das Plakat, das seine Ausstellung "Der Demiurg" begleitete, die 2013-2016 durch Europa tourte. Es ist ein Selbstporträt zusammengesetzt aus all seinen Werken in der Art des manieristischen Malers Giuseppe Arcimboldo: Weißwürste und Wiener bilden Stirn und Nase, zwei Nacktschnecken die Augenbrauen, Fußball und Enziane die Augen, Himbeerkette und Perlenschwein die Wangen, eine silberne Banane das Kinn, Python und Koy-Karpfen die Schultern des begnadeten Handwerkers, der seiner Nach-Schöpfung durch Verrückung in die Sphäre des Schmucks eigenwilligen Hintersinn verleiht. Bielander spielt gerne mit dem Trompe d'oeil. Was passiert, wenn sich jemand eine metallische Nacktschnecke ans Revers heftet? Mit welchem Bewusstsein und Selbstbewusstsein wählt der Träger dieses perfekte Stück? Wie verändert sich der Blick auf ihn? Gilt doch gerade die Nacktschnecke vielen als eklige Gartenplage, die vernichtet werden muss. Wurstketten hängen normalerweise am Fleischerhaken in der Metzgerei. Schützenvereine ehren den beim Königsschießen Zweitplatzierten mit eben solchen. Aber wie viel Spaß am Thema Schmuck muss jemand haben, der sich eine Wienerwurstkette von David Bielander um den Hals legt, bestehend aus täuschend verarbeiteten und verbundenen Bugholzfragmenten alter Thonet-Stühle?

Berühmtheit erlangte die Wellpappen-Serie: Armbänder, eine Uhr, eine Krone scheinbar nachlässig zusammengetackert. Aber was aussieht wie eine Schlechtwetterbastelei von Kindern entpuppt sich bei der ersten Berührung als schwere Silberarbeit, bräunlich matt patiniert. Die Tacker sind aus Weißgold nachgebildet. Ist das nun das Bravourstück eines gelernten Goldschmieds, der sich über die vielen Edelmetall negierenden Materialexperimente in der Schmuckkunst amüsiert? Zeugt so ein massives Silberarmband am Handgelenk einer Geschäftsfrau von Understatement, von Dekadenz oder von Humor? Ist es von Seiten des Schöpfers wie von Seiten der Trägerin als reflektierter Beitrag zum allgemeinen Thema Werteverfall zu verstehen?

Stücke wie etwa Pinocchios Lügennase sind ambivalent.

(Foto: Catherina Hess)

David Bielander macht keinen Anti-Schmuck. Seine Arbeiten überzeugen ästhetisch, sind anziehend und verführen zum genaueren Hinsehen. "Ich wähle das Medium Schmuck ganz bewusst unter mehreren Disziplinen der Kunst, ich kann damit einen Diskursbeitrag leisten, den ich in keinem anderen künstlerischen Medium leisten kann", betont Bielander. Denn diese Kunst entfaltet ihre subversive Kraft nur am individuellen Körper und in aller Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr als "Fake News" in aller Munde waren, entschloss sich der Künstler zu einer Edition von Pinocchio-Nasen: handgeschnitzt, gefräst, geschliffen, poliert. Der phallische Holzkörper, der an einer elastischen Schnur um den Hals getragen werden soll, ist sinnlich überzeugend und man ist versucht auszuprobieren, ob die lange Lügennase auch so perfekt auf das eigene Gesicht passt, wie die Form suggeriert. Selbst an Nasenlöcher zum freien Atmen hat der Künstler gedacht.

Dieser Hals- und Nasenschmuck ist dabei eindeutig kein Scherzartikel, keine Maske für den Karneval in Venedig. Er ist vielmehr ein Stück, bei dem sich der Träger mit viel Selbstironie schelmisch an die eigene Nase fassen kann. Bei allen Umstehenden wird der schöne, kinderbuchinspirierte Anhänger für Irritationen sorgen. Doch wer nachfragt, könnte schnell in eine hoch politische Diskussion verwickelt werden.

© SZ vom 15.12.2020
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