Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Münchner Schmuckkunst, Folge 10 und Ende:Freude an verlorenen Dingen

Helen Britton erschafft mit verspieltem Witz Kunst und Schmuck. In diesem Jahr wurden ihre Werke allerdings etwas ernster

Von Ira Mazzoni

Im Überfluss der Ideen zu leben, bekennt Helen Britton, sei unheimlich anstrengend. "Wenn ich mit einem Projekt beginne, gibt es eine Explosion von Möglichkeiten." Sich nur auf eine der aufblitzenden Vorstellungen zu konzentrieren, ist ein fordernder Prozess. Ganz introvertiert, wie ein spielendes Kind, nähert sich die australische Künstlerin ihren Materialien durch genaues Hinschauen, "irgendwann spielt das Objekt zu mir zurück".

Seegetier, bunte Plastikanschwemmungen, alter Weihnachtsschmuck oder schrille Gimmicks fesseln ihre Aufmerksamkeit. Sie sammelt alten Kinder- und Modeschmuck, dessen "unverdorbene" Direktheit und Charme sie liebt. Hinter ihrer Werkbank stehen zwei halbhohen Schränke, in deren Schubladen sich nach Farben sortierte Halbedelsteine und diverse Schmuckkomponenten längst abgelegter Moden sammeln. An einer großen Pinnwand hat die für ihre bisweilen überbordenden Assemblagen weltweit geschätzte Künstlerin Erinnerungsstücke an ihren letzten Heimaturlaub, Prototypen beweglicher Anhänger, ein Eulenamulett für eine Parfüm-Creme, lange weiße Glacéhandschuhe, eine gläserne Meerjungfrau aus Thüringen sowie kleine Grafiken zu einem wundersamen Orbis pictus montiert.

Wenn sich die Künstlerin den verlorenen und vergessenen Dingen widmet, fragt sie nach deren Geschichte, nach den Umständen ihrer Herstellung, nach den damit verbundenen Schicksalen. Ihre Recherchen begleitet sie häufig fotografisch. Der Fotoapparat ist dann Notizbuch und Skizzenblock zugleich. Wie bei der Serie Wildstone, die anlässlich eines Artist-in-Residence-Aufenthalts in der Villa Bengel in Idar-Oberstein entstand. Dort half die Kamera Eigentümlichkeiten des Städtchens zu fokussieren, das einmal Weltzentrum des Steinschliffs und der Bijouteriewaren-Industrie war. Materialität, Strukturen und Farben der fotografierten Landschaft, der Straßen, Häuserfronten und Plätze fanden ihren Niederschlag in den Schmuckkompositionen mit denen Helen Britton den aussortierten oder weggeworfenen Halbedelsteinen ein überraschend neues Leben schenkte. Das Bild von regenverhangenen Waldrücken der Eifel etwa stand Pate für in eine wolkig bauchenden Blechbrosche, in die die Künstlerin tropfenförmige Lapis-Steine einhängte. Die Fotos sind Teil des Werks. Sie unterstützen die berührende Erzählung von verschwendeten Ressourcen, von vergessener Erfindergabe, von Überproduktion und achtlos Verramschten. Indem Helen Britton die ausgemusterten Achate, Tigeraugen, Japis aufhebt und ihnen mit Hilfe der alten Maschinen und Stanzformen zu einer überraschend starken Präsenz verhilft, versucht sie den Frevel der Achtlosigkeit wieder gut zu machen.

Helen Britton sagt von sich, sie sei "pathologisch optimistisch". Aber in diesem Jahr sei sie an einen Punkt gekommen, wo ihr das nicht mehr gelänge. Da waren die Busch- und Waldbrände in Australien. 18,6 Millionen Hektar Land seien zerstört, drei Milliarden Tiere entweder verbrannt oder vertrieben. Die Nahrungsgrundlage vieler Arten sei vernichtet. Das alles nur wegen der Dummheit der Politik und der Märkte. "Mein Land war ein großer, überwältigender Garten, über 60 000 Jahre von den Menschen der First Nation gepflegt." Diesem Garten, pars pro toto für unsere Welt, hat Helen Britton in einer Ausstellung in der Galleria Villanova in Florenz mit einer Installation ein Denkmal gesetzt. Mit den schwärzesten Steinen ihrer Sammlung hat sie betont naiv kleinste fragilen Blumen mit gebrochenen Stengeln und Blättern geformt und damit ein Tableau gezeichnet. Wer in Zukunft eine dieser Blüten aus dem "Dunklen Garten" als Brosche oder Anhänger tragen wird, wird ganz bescheiden in aller Öffentlichkeit für mehr Achtsamkeit werben. Die Ausstellung musste, wie so viele im Corona-Jahr, kurz vor der Eröffnung im Oktober abgesagt und auf das Frühjahr verschoben werden. Bis dahin möchte die Künstlerin ihren notorischen Optimismus zumindest teilweise zurückgewinnen. Die ersten farbigen Blüten hat sie nach Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA gefertigt.

Helen Britton zeichnet, malt, fertigt Installationen und neuerdings auch Skulpturen. Schmuck bietet ihr ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten. Die Kunstform hat eigene Parameter. Es gibt Themen, die sich in Form von Schmuck direkter ausdrücken lassen als in jedem anderen Medium. Denn niemand, der Schmuck trägt, kann sich von ihm distanzieren. Dass Autoren-Schmuck immer noch nicht als eigenständiges Medium der Kunst wahrgenommen werde, empört die Künstlerin. Es herrsche diesbezüglich in der Kunsttheorie "eine intellektuelle Wüste".

Helen Britton kam als Kunststudentin nach München. Ihre Professoren an der Curtin-University in Perth hatten ohne ihr Wissen Arbeiten für den internationalen "Talente"-Wettbewerb der Handwerkskammer für München und Oberbayern eingereicht. Als sie 1979 zur Talente-Sonderschau auf die Internationale Handwerksmesse eingeladen wurde, hatte sie noch nicht einmal einen Reisepass. Diesen Herbst übertrug die Handwerkskammer Helen Britton die ehrenvolle Aufgabe, aus 700 Einreichungen die Schmuckstücke auszuwählen, die im März 2021 auf der zentralen Sonderschau "Schmuck" gezeigt werden sollen, die schon lange das "Epizentrum Internationaler Schmuckkunst" ist. Man darf gespannt sein, welche 60 Positionen Helen Britton vorstellen wird, die Schmuck, die älteste Kommunikationsform der Menschheit, liebt.

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Quelle:
SZ vom 22.12.2020
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