Balkone in München:Lust auf Luft

Balkonserie Häuser zusammengestellt für Ipad

Balkone und Erker an den Türmen auf der Theresienhöhe (links) und Am Hirschgarten.

(Foto: Imago/Brigida Gonzales)

Als herausragendes Gestaltungselement prägen Balkone die Architektur moderner Wohntürme. Der Freiraum kann dicht bebauten Quartieren etwas vom Gefühl der Enge nehmen, sofern es sich nicht um Massenware handelt.

Von Alfred Dürr

Er ist ein buchstäblich herausragendes Gestaltungselement der Architektur - der Balkon. Wo könnte man das klarer erkennen als bei dem im Jahr 2002 fertiggestellten Wohnturm in dem damals neuen Stadtquartier auf der Theresienhöhe. Das 43 Meter hohe Gebäude, das vom Büro Steidle und Partner Architekten entworfen wurde, bekam durch die in unregelmäßigen Abständen förmlich aus der Fassade hervorspringenden, bis zu zehn Quadratmeter großen Balkone seine ganz besondere Prägung und wurde zu einem Wahrzeichen des Wohngebiets.

Die mächtige Gebäudewand lässt sich durch die hervorstehenden Bauteile interessant gliedern und strukturieren, das zeigt dieses Bauwerk auf beeindruckende Art. Der Wohnturm akzentuiert zudem die Verbindung zwischen den Bürobauten und den alten Messehallen. Aber nicht nur im Fall des prägnanten Turms auf der Theresienhöhe ergibt sich durch Balkone ein weiterer Aspekt. "Wir schaffen für die Wohnungen einen zusätzlichen Raum mit Freiluftqualität", sagt Johannes Ernst aus dem Büro Steidle Architekten. Mitten in dem dicht bebauten Quartier kann der Balkon auch etwas vom Gefühl der Enge nehmen.

Das Draußensitzen ist freilich nicht immer ein reines Vergnügen. Nicht nur weil man die Privatheit der Wohnung verlassen hat und einen die Nachbarn auf dem Balkon gut beobachten können. In luftiger Höhe ist es mitunter auch ganz schön zugig. Mit Blumenkästen und anderem beweglichen Material auf dem Balkon sollte man vorsichtig sein. Die Gefahr, dass etwas herabstürzen kann, ist durchaus real.

Die Architekten von Wohnhochhäusern der neusten Generation gehen andere Wege und berücksichtigen auch solche Bedenken. Die herausragenden Gebäudeteile an den Fassaden sind daher überdacht und von eigenen Wänden umgeben - sie haben also Erker statt Balkone.

Balkonserie Häuser zusammengestellt für Ipad

Balkone und Erker an den Türmen auf der Theresienhöhe (links) und Am Hirschgarten.

(Foto: Imago/Brigida Gonzales)

Die beiden Wohntürme, die im Quartier Am Hirschgarten unter dem Namen Friends vermarktet worden sind, sorgen mit ihrem "gefalteten Erkermotiv" für Aufmerksamkeit. Das Büro Allmann Sattler Wappner hat in den mittleren und oberen Stockwerken der jeweils 53 Meter hohen Gebäude die Fassaden in freien Variationen mit Vorsprüngen ausgebildet. Diese bewirken nicht nur eine spezielle Struktur und eine ungewöhnliche Erscheinungsform. "Man kann aus seiner Wohnung hinaustreten und einen spektakulären Panoramablick über die Stadt genießen", sagt Architekt Ludwig Wappner.

Auf etwas andere Weise ist das Erker-Motiv bei der Wohnhochhaus-Siedlung auf dem ehemaligen Siemensareal in Obersendling gestaltet. Hierl Architekten haben einen 48 Meter hohen Baukörper entworfen, der durch die Anordnung der diagonal verlaufenden Erker seine Prägung erhält. Die eingefassten Balkone sollen wie Aussichtskanzeln wirken. Sie sind mehr als ein optisches Element, sie wahren auch die Privatsphäre.

Ein Platz mit Frischluft und dem Gefühl, der Natur ein Stück näher zu sein - diese Aspekte verbindet Stefan Höglmaier mit dem Balkon. Höglmaier ist Immobilienentwickler mit sehr hohen Ansprüchen an die architektonische Gestaltung seiner Häuser. In dem Bunker an der Ungererstraße, den er zu einem exklusiven Büro- und Wohnturm umbauen ließ (Raumstation Architekten, Starnberg) und in dem er auch selbst wohnt, gibt es Loggien und tiefe Fensternischen, die viel Licht in die einst stockdunklen Räume lassen.

Der Clou ist eine Freiraum-Zirbenstube auf dem Dach des ehemaligen Bunkers. Das ist ein windgeschützter Essplatz mit Eckbank und Holzvertäfelung, den man von außen nicht einsehen kann. "Solche Außenbereiche schaffen ein angenehmes Wohngefühl - und das spielt bei unseren Projekten immer eine wesentliche Rolle", sagt Höglmaier. Standardlösungen kommen für ihn bei Balkonen nicht in Frage: "Die Konstruktion muss immer zu dem jeweiligen Projekt passen."

Balkonserie Balkone zusammengestellt für Ipad

Die Zirbenstube auf dem Bunker an der Ungererstraße und die Balkone an der Reichenbachstraße.

(Foto: Sebastian Klich/ Mierswa Kluska)

Dass Balkone keineswegs langweilige architektonische Einheits- und Massenware darstellen müssen, zeigt das Beispiel des umgebauten Wohnhauses an der Reichenbachstraße im Gärtnerplatzviertel. Das Büro Hild und K Architekten konzipierte die ungewöhnliche Fassade des Hauses wie ein wellenförmiges Relief. Und genau dieses schwungvolle Gestaltungsmotiv fand seine Fortsetzung im Innenhof. Die Balkonflächen an der rückwärtigen Front des Gebäudes weiten und verengen sich und sie sind in den Etagen zueinander versetzt. So entsteht ein bewegtes Spiel der Formen, zu denen die filigranen Gitter an den Balkonen gehören.

Nicht immer und überall sind solche ästhetisch hochwertigen Lösungen zu realisieren. Gerade in der dicht bebauten Innenstadt oder an großen Gebäuderiegeln verfügen die kleinen Wohnungen oft über keine Balkone. Dieses Problem versucht eine argentinische Architektin mit ihrer Erfindung zu lösen: mit dem sogenannten Balkonfenster. Die Konstruktion lässt sich wie eine Ziehharmonika nach außen klappen. Wie in einem Liegestuhl soll man dann in dieser Nische den Blick zum Himmel genießen und sogar ein Sonnenbad nehmen können. Ob sich dieses Idee durchsetzt und solche Objekte dann auch dazu beitragen, den Fassaden der Häuser schöne architektonische Akzente zu verleihen, darf allerdings bezweifelt werden.

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