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SZ-Serie: München natürlich:Das Ameisen-Paradies für Grünspechte

"Der Grünspecht macht sich in München ziemlich gut", sagt Sophia Engel.

(Foto: H. Henderkes/LBV)

Der Vogel, auch "fliegender Zorro" genannt, fühlt sich in München zunehmend wohl. Das liegt vor allem am Nahrungsangebot: Seine Lieblingsmahlzeit gibt es hier in Massen.

Von Thomas Anlauf

Der Grünspecht hat gut lachen. "Kjückkjückkjück", es klingt ein wenig wie ein Kichern auf Isländisch, wenn der Specht etwas zu erzählen hat. Sein Ruf ist derzeit überall in München zu hören. Seit Januar schon singt er in Grünanlagen und Parks, jetzt geht es langsam ans Brüten. Und darin ist der Grünspecht in den vergangenen Jahren ziemlich erfolgreich gewesen.

Der Vogel mit der roten Kappe und der schwarzen Maske, der deshalb auch spaßhalber "fliegender Zorro" genannt wird, "macht sich in München ziemlich gut", wie Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) findet. Der Specht fühlt sich zunehmend wohl in der Stadt, und er findet auch reichlich Nahrung. Seine Lieblingsmahlzeit sind Ameisen und davon gibt es in München Massen.

Experten vermuten, dass im Untergrund der Stadt eine Superkolonie von Grauen Sklavenameisen lebt. In den vergangenen Jahren hat das Baureferat regelmäßig Spielplätze und Sandkästen gesperrt, weil sie von Sklavenameisen bevölkert sind.

Die Invasionen der Ameisen, die sich vor allem auf neu angelegten Grünanlagen und Spielfeldern ausbreiten, ist ein gefundenes Fressen für den meist am Boden lebenden Grünspecht. Mit seiner extrem langen Zunge, die er zehn Zentimeter weit aus dem Schnabel strecken kann, fischt er die Krabbeltiere aus dem Boden oder direkt aus dem Bau. Die Zunge hat sogar einen Widerhaken, damit kann er selbst die widerspenstigsten Ameisen naschen. Die Art ist ihm dabei eigentlich herzlich egal, aber am liebsten futtert er die proteinreichen Puppen.

Der Grünspecht gilt nicht nur wegen seines Lachens als lustiger Vogel. Er ist auch überzeugter Europäer. Mehr als 90 Prozent aller Grünspechte leben auf dem Kontinent, Russland, Irland und Skandinavien scheinen die Vögel aber zu meiden. Sophia Engel schätzt, dass in München "in jeder mittelgroßen Grünanlage mindestens ein Paar" heimisch ist. "Sie sind ziemlich ortstreu und haben feste Plätze zur Futtersuche", sagt die Biologin. Wer also etwa im Westend einen Grünspecht hört oder sieht, der gerade Ameisen im Park pickt, kann davon ausgehen, dass er dort auch daheim ist.

Sophia Engel, Landesbund für Vogelschutz, Grünspecht

Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz schätzt, dass in jeder mittelgroßen Grünanlage in München mindestens ein Grünspecht-Paar heimisch ist.

(Foto: Florian Peljak)

In alten Bäumen fühlt sich der Grünspecht (Picus viridis) normalerweise besonders wohl, wenn er nicht gerade in einer Wiese sitzt. Dort bewohnt er verlassene Bruthöhlen oder hackt sich selbst ein Loch in den Baum. In jüngster Zeit fällt jedoch auf, dass er ebenso wie der Buntspecht Gefallen an modernen Hausaußenwänden gefunden hat. Vor allem die Styroporfassaden gefallen dem Grünspecht, wenn er mit seinem spitzen Schnabel auf die weichen Platten einhämmert, "hört sich das an wie ein morscher Baum", sagt Sophia Engel. Bei Hausbesitzern sind die Hausbesetzer natürlich nicht gern gesehen. "Das hat schon Konfliktpotenzial", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des LBV in München.

Wie man den Grünspecht davon abhalten könnte, nicht mehr in die Plastikwände zu hacken, ist noch nicht ganz klar. Derzeit experimentieren Naturschützer und Immobilienunternehmen damit, spezielle Nistkästen anzulegen. Doch die Vögel scheren sich nicht wirklich darum, in so einen Kasten einzuziehen, wenn es nebenan so schön knirscht. Jetzt gibt es sogar Nistkästen, in denen Styropor ausgelegt wird. "Offensichtlich mögen die das", vermutet Engel. "Man experimentiert damit." Der Ausgang des Experiments mit dem "Fassadenspecht" ist jedoch völlig offen.

Dass sich der Grünspecht so vermehrt, ist eigentlich ein Widerspruch. Denn beim Schwund der Arten überleben grundsätzlich eher Generalisten als Spezialisten wie der Erdspecht oder auch Grasspecht, wie er wegen seines Lebensraums ebenfalls genannt wird.

Doch wegen der steigenden Temperaturen angesichts des Klimawandels und die Tatsache, dass zumindest in dicht bebauten Gegenden weniger Insektizide versprüht werden, scheint es dem Grünspecht ganz gut zu gehen in der Großstadt. Wer die Vögel aber genauer beobachten will, sollte Geduld mitbringen. Die ziemlich vorlaut lachenden Grünspechte sind nämlich in Wahrheit eigentlich verdammt schüchtern.

© SZ vom 06.04.2020/kafe
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