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SZ-Serie: München natürlich:Wo die Wildbienen wohnen

Professorin Susanne Renner und der Wildbienennistkasten im Botanischen Garten München.

Professorin Susanne Renner und der Wildbienennistkasten im Botanischen Garten in München.

(Foto: Catherina Hess)

In der Stadt sterben weniger Bienen aus als auf dem Land. Allein im Botanischen Garten leben mehr als 100 Arten - besonders wohl fühlt sich in München die Gehörnte Mauerbiene.

Junge Frauen in Bienenkostümen tanzen in der Sonne auf dem Marienplatz, nebenan stehen Hunderte Münchner geduldig in einer Schlange, um das Volksbegehren für den Erhalt der Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen in Bayern zu unterschreiben. Mehr als 1,74 Millionen Menschen stimmten dafür, es ist das erfolgreichste Volksbegehren in der Geschichte des Landes. Anfang April 2019 erklärte Ministerpräsident Markus Söder, dass die Regierung den Gesetzentwurf des Volksbegehrens mit dem Motto "Rettet die Bienen" übernehmen wird. Ein Jahr später ist es höchste Zeit, nachzuschauen, wie es um die Bienen wirklich steht.

Es gibt in München einen Ort, an dem sich vor allem Wildbienen besonders wohl fühlen. Susanne Sabine Renner steht neben einem der schindelgedeckten Bienenhotels im Botanischen Garten. Bienen summen in der Frühlingsluft. Mindestens 106 Arten von Wildbienen leben hier auf 210 000 Quadratmetern Fläche. "Die leben hier sozusagen im Paradies, weil wir draußen keine Pestizide und Insektizide einsetzen und eine ganzjährig hohe Dichte an Blüten haben", erzählt Renner. Die Professorin der Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität ist als Direktorin des Botanischen Gartens in Nymphenburg dort sozusagen die Königin der Bienen.

Neben der Botanik als ihrem eigentlichen Fachgebiet hat sie auch schon verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen über Bienen gemacht. Dabei stellten sie und ihre Kollegen unter anderem fest, dass sich die Populationen der Bienen in den vergangenen vier Jahrzehnten in der Stadt um 30 Prozent besser als auf dem Land entwickelt habe. "Man kann zeigen, dass die Bienen, die in der Stadt leben können, weniger aussterben", sagt Renner. Sie vermutet, dass in einer Großstadt wie München die Menschen auf ihrem Balkon und im Garten weniger Dünger und vor allem weniger Insektizide einsetzen. Naturschutz scheint vielen Münchnern wichtig zu sein. Doch es könnten noch viel mehr Menschen zum Schutz der Bienen beitragen: "Jeder Balkon trägt bei", sagt die Biologin.

Dass auch kleine Parzellen mit Blumen genügen, um Wildbienen anzulocken, hat Renner gemeinsam mit ihrer Kollegin Michaela M. Hofmann in einer in diesem Februar erschienen Studie gezeigt. Die Wissenschaftlerinnen legten in ganz München, darunter in Pasing, Aubing, am Harthof und in der Messestadt, neun jeweils eintausend Quadratmeter große Blühstreifen mit einem Mix aus regionalen Blühpflanzen an. Innerhalb kurzer Zeit fanden sich Dutzende Wildbienenarten auf den kleinen Blumenwiesen ein - fast ein Drittel aller 232 in München bekannten Arten.

"Auch diese kleinen Blühstreifen nützen was", sagt Renner. "Vor zehn Jahren hätte ich darüber gelacht." Tatsächlich haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten sogar deutlich mehr Wildbienenarten in München angesiedelt. Das liegt offenbar am Klimawandel. Andreas Fleischmann, der neben Renner und Hofmann maßgeblich an einer entsprechenden Studie mitgewirkt hat, fasste das Ergebnis so zusammen: "Insekten sind wechselwarme Tiere und deswegen gibt es umso mehr, je wärmer es ist", sagte er vor zwei Jahren der SZ.

Die Gehörnte Mauerbiene ist eine der Arten, die sich auch bei höheren Temperaturen in München wohlfühlen. Bei Hans Greßirer wohnen sie sogar am Balkon, er hat ihnen dort einen Nistplatz aus Holzblöcken gebaut, in die er Löcher gebohrt hat. "Es ist eine sehr schöne Art", sagt Greßirer. Der ehemalige Münchner Schulleiter leitet beim Bund Naturschutz den Arbeitskreis für Hornissen, Bienen und Wespen und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den Insekten. "Die erste Mauerbiene habe ich am 13. März gesehen", erzählt er.

Wie die meisten Wildbienen leben die Gehörnten Mauerbienen, deren Männchen am Kopf einen weißen Pelz und die Weibchen winzige Hörnchen haben, nicht in Staaten, sondern nisten solitär. Sie lieben Weidenkätzchen und Lerchensporn und gelten als gute Bestäuber. "Die werden jetzt auch in der Landwirtschaft genutzt", sagt Greßirer. Denn im Gegensatz zu Honigbienen fliegen die Mauerbienen bereits bei kühlen fünf bis sechs Grad, sammeln Nektar und bestäuben die Obstbäume. Bauern können jetzt im Frühjahr sogar Mauerbienen mieten, die dann in den Obstplantagen ausschwärmen. So helfen Bienen, die durch industrielle Landwirtschaft zunehmend bedroht sind, Bauern beim Obstanbau.

Apropos Obst: Sollte im Hochsommer mal eine Biene um den Zwetschgendatschi schwirren, ist es garantiert keine Gehörnte Mauerbiene. Die fliegt nur bis in die erste Maihälfte und stirbt danach. Im Hochsommer liegt die nächste Generation bis zum nächsten Frühjahr in den Kokons.

© SZ vom 03.04.2020/wean

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