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SZ-Serie: München erlesen, Folge 4:Herrlich blau

Walter Rufer - ein Künstlerleben im Schwabing der Sechzigerjahre

Das Leben der Boheme ist kein leichtes. Oder sagen wir: Es ist nicht immer so einfach, wie es scheint. Denn es kann schon mal sein, dass man in der Kneipe sehr viel trinkt und sonst viel Zeit im Bett verbringt. Aber als Quittung folgt dann doch meistens der Kater. "Kater", das ist auch das erste Wort in den "Schwabinger Tagebüchern" von Walter Rufer, die 1963 unter dem Titel "Der Himmel ist blau. Ich auch" im Münchner Kreisselmeier-Verlag herauskamen. Der nächste, am folgenden Tag, 2. Januar, eingetragene Passus lautet: "Um zehn erwacht / und gedacht: Noch etwas liegen bleiben / und sich mit liegen bleiben / die Zeit vertreiben." Und in diesem Duktus geht es dann Tag für Tag und insgesamt fünf Jahre lang so weiter.

Das heißt, es wird über das Saufen, Schlafen, Träumen, Schreiben und Lieben gedichtet, über die Freuden und manchmal auch das Leiden einer Schwabinger Schriftstellerexistenz in der Zeit um 1960. Man erfährt, dass Rufer oft die Nächte durchmachte, eine Schreibmaschine und nur wenig Geld hatte. Er lebte in "wilder Ehe" mit einer Künstlerin namens Marie, die "einen Paps in der Stahlindustrie" hatte ("Ich dichte und sie malt / und der Stahlpapa bezahlt"). Rufer erzählt von sich wiederholenden Träumen, in denen er den Literatur-Nobelpreis bekommt.

Man erhält kleine Einblicke in den Münchner Alltag, etwa wenn am Odeonsplatz die "Tauben gurren" und "Grantler murren" oder Rufer die "schmutzigen Hemden" der Schwabinger Jugend beschreibt. Ein bisschen Sozialkritik gibt es ebenfalls, wenn es heißt, dass "Tausendundein Schwabinger" mit ihrem Zeigefinger deuten, weil auf dem Feilitzschplatz "ein Neger seinen Schatz" küsst. Auch die Zeitgeschichte lugt rein, wenn sich Rufer bei den "herzallerliebsten" Russen für die Abrüstung bedankt. Der Rest sind charmante, leichtfüßige Schelmenstücke, in einem Ton, der an Ringelnatz oder Kästner erinnert. Da es keine Jahreszahlen gibt und sich die Gedankengänge oft über mehrere Tage erstrecken, darf man annehmen, dass die Tagebücher von der Struktur, vom Aufbau her fiktiv sind. Trotzdem kommen sie als "Verdichtung" dem damaligen Leben von Rufer wohl sehr nahe.

Über dessen gescheitertes Schriftstellerdasein wusste man sehr lange nichts. Bis vor rund 15 Jahren die Münchner Musiker Jörg Wizigmann und Andreas Stäbler alias die Dos Hermanos die "Tagebücher" antiquarisch entdeckten. Sie brachten erst sich selbst und dann ihr Publikum durch in ihre Konzerte eingebaute Lesungen zum Lachen und regten schließlich 2007 den Blumenbar-Verlag zu einer Wiederveröffentlichung des dünnen Büchleins an. Inklusive des schönen Originaleinbandes, den die Filmarchitektin und Kostümbildnerin Maleen Pacha gestaltet hat, und einer CD mit sechs Country-Trash-Stückchen der Dos Hermanos und einem kurzen Lesestück des Schauspielers und Kabarettisten Andreas Giebel.

Die Wiederveröffentlichung führte zu journalistischen Recherchen, und so weiß man heute, dass Walter Rufer 1931 in Zürich in einem konservativen Elternhaus zur Welt kam. Er machte eine Schauspiellehre und landete durch eine Rolle an den Kammerspielen Ende der Fünfzigerjahre in München. Als er den damaligen Schauspieldirektor August Everding ein "Arschloch" nannte, war es mit der Schauspielkarriere vorbei.

Rufer schrieb Lyrik und Theaterstücke, bis auf die Tagebücher blieb das alles aber unveröffentlicht. Er zog unter anderem mit dem Schauspieler Otto Sander durch Schwabings Kneipen, landete 1965 völlig abgerissen wieder in Zürich. Dort heiratete er, bekam zwei Kinder und starb 1975 mit nur 44 Jahren. "Der Himmel ist blau. Ich auch" ist sein literarisches Vermächtnis, aber auch das einer beschwingten, leichtlebigen Zeit, die heute so unendlich entfernt wirkt.

Walter Rufer: "Der Himmel ist blau - Ich auch", Blumenbar Verlag, 128 Seiten mit CD, 14,90 Euro, erhältlich unter www.gutfeeling.de

© SZ vom 06.04.2020

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