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SZ-Serie: München erlesen, Folge 18:Die Außenseite des Lebens

Ernst-Wilhelm Händlers Gesellschaftsroman "München"

Man trinkt im Schumann's oder Mandarin Oriental, tanzt im P1 oder im Heart, shoppt bei Prada, trägt Ballerinas von Bottega Veneta und fährt am Wochenende mit dem Porsche Panamera zu einer Ausstellung auf Schloss Herrenchiemsee - die Münchner Oberschicht zu charakterisieren, scheint nicht schwer. Was kann man also von einem Roman erwarten, der plakativ "München" heißt und genau in diese Gesellschaft führt? Mehr als ein verklärtes Klischee der High Society, das wird in Ernst-Wilhelm Händlers Gesellschaftsroman spätestens klar, wenn "eine Gruppe von Jungen und Mädchen, die offensichtlich dem Gymnasialalter noch nicht entwachsen waren" die Tanzfläche des P1 betritt.

Vielmehr ist Händlers anspruchsvoller Roman eine gnadenlos genaue Beobachtung der Oberschicht und ihrer Verweilorte. 2016 ist "München" erschienen, aber er bleibt, Corona beiseite, 2020 noch aktuell. Durch die Münchner Schickeria spaziert die reiche Erbin Thaddea Klock, Anfang 30, freie Therapeutin, gebeutelt von zwei Krisen. Die eine: Ihr Freund betrog sie mit ihrer Architektin und besten, einzigen Freundin Kata in der Garderobe der Pinakothek der Moderne. Die andere: In Thaddeas Praxis, die sich in der von Kata entworfenen "Struktur" befindet, einem futuristischen Glasbau, tröpfeln die Patienten höchstens ein. Kurzum, in Thaddeas Leben läuft es suboptimal, was sie dadurch kompensiert, sich in die Kunstszene und High Society zu stürzen.

Händler zeichnet ein so exaktes Bild von der Stadt und Thaddeas beiden Stadthäusern in Grünwald und in Schwabing, dass einen zuweilen das Gefühl beschleicht, ein Navi leite einen zu den Schauplätzen. Gespickt von Anglizismen und beinahe quälend detailliert beschreibt der Autor die Statussymbole Kunst, Architektur und Mode. Die analytische Detailtreue könnte nerven, wäre sie nicht so treffend, zum Beispiel wenn Thaddea zynisch feststellt: "Die meisten Wahrheiten hielten nicht länger vor als ein Paar Tod's, mit denen man in den Regen geriet." Dieses Externalitätsprinzip, das Händler hier anwendet, beschreibt er auch in einem Aufsatz für die Literaturzeitschrift Volltext: "Die Protagonisten wissen: Was sie ausmacht, ist nicht innen in ihnen aufgestiegen. Wenn die Protagonisten etwas über sich selbst erfahren wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich in möglichst allem, was außen ist, zu fühlen."

Der Autor lässt Thaddea die Konzeptkunst-Installation einer fiktiven Künstlerin im Haus der Kunst durchlaufen, die aber dank all der realen Orte und Personen den Leser verleitet, kurz zu googeln, ob sie nicht doch existiert. Ein andermal besucht Thaddea den Tierpark Hellabrunn und man glaubt, den bairisch sprechenden Tierpfleger selbst zu hören. Erfrischend allerdings ist "München", wenn es von den Wegen des schönen Scheins abkommt. Nach Neuperlach zum Beispiel, "kein Ort, für den Thaddea sich interessieren musste", mehr noch: "Neuperlach und hässlich waren Synonyme."

Trotz all der Oberflächlichkeit werden in "München" auch Abgründe ergründet. Als Kind verlor Thaddea bei einem Unfall mehrere Zehen, ein Umstand, den sie durch kontrolliertes Gehen unterdrückt. Die Kontrolle entgleitet ihr nur, als ein Patient mit einem halben Gesicht ihre Praxis aufsucht und Thaddea zu humpeln beginnt. Während sie ihre wenigen Kunden therapiert und versucht, einen Roman zu schreiben, stolpert sie immer wieder über die grundlegende Frage: "Was ist die Wahrheit? Aber was war das neben der anderen Frage: Wie kann ich das Leben ertragen?"

Man fragt sich, wie man dieses München, diese Gesellschaft ertragen kann. Die Antwort liefert Thaddea selbst: "Eine unangenehme Nebenwirkung war das Gefühl, sie würde aufhören zu existieren, sobald sie aufhören würde zu leiden." Als Leser ist dies einfacher: Wenn man nicht mehr leiden will, kann man nach der Lektüre immer noch in das München flüchten, das in Händlers teils befremdlichem Roman in Vergessenheit gerät, nämlich das jenseits von Schumann's und Schuhen von Tod's.

Ernst-Wilhelm Händler: München, S. Fischer 2016, 23 Euro

© SZ vom 05.08.2020

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