Lieder der Stadt Dieses Dach inspiriert zum Schweben

"Nach oben musst du": "Mundhaarmonika" sind ihrem Ziel auf dem oberen Parkdeck gegenüber dem Mandarin Oriental Hotel ein Stück näher gekommen.

(Foto: Robert Haas)

Im gleichnamigen Song der Band "Mundhaarmonika" lässt sich der Rapper von einer Frau auf das höchste Dach Münchens entführen - die Wirklichkeit sieht weniger romantisch aus.

Von Michael Zirnstein

Es ist etwas anderes, ob man das oberste Deck eines Parkhauses mit fünf Haxensemmeln betritt oder ohne. Ob man ein paar Augustiner auspackt oder nicht. Ob man nur seinen Maserati aufsperrt und hinunterkreiselt zur Straße, oder ob man sich mit seinen Freunden auf einer Plattform niederlässt - im Blickfeld einer Überwachungskamera. "Big Brother is watching you", rufen die Burschen und stoßen klirrend mit den Bierflaschen an.

In der kleinen Unsicherheit, ob hier nicht doch gerade Vorschriften gebrochen werden, liegt auch eine Hoffnung: Sich zu trauen, gemeinsam etwas Verbotenes zu tun, birgt einen Nervenkitzel, den Wissenschaftler mit dem Gefühl des Verliebtseins vergleichen. In beiden Fällen schlägt das Herz schneller. Beides hat die Hip-Hop-Band Mundhaarmonika im Stück "Schweben" vereint - was es zu einem beinahe perfekten Pop-Song macht.

Umso ernüchternder ist zunächst dieses asphaltierte Dach, das die Musiker gerade zu ihrem Sonnendeck machen. Denn alles, was sie in ihrem Sommer-Hit so detailliert beschrieben haben, als hätte jemand mitgefilmt, fehlt bei dieser Nicht-Nacht-noch-Nebel-Aktion. Es gibt weder die "süße Weinbar", noch den Hinterhof, in den die junge Frau ihren Begleiter zieht. Anstelle am "duftenden Efeu", jenem "grünen Regenbogen", an "Hausnummer 2" und dem "vorgehängten Stahlbalkon" hinaufzuklettern, begleitet von Musik aus einem der Zimmer und dem Gedanken, wie "geil" es wäre, hier einmal gemeinsam zu leben, um schließlich mit Räuberleiter die letzte Feuerleiter zu erklimmen, ist die Band einfach sieben Stockwerke eines neonkaltes Treppenhaus heraufgeächzt. Also ist das Parkdeck am Ende gar nicht das geheimnisvolle "höchste Dach der Stadt", von dessen Kante aus das abenteuerlustige Pärchen die Beine in den Nachthimmeln baumeln lässt?

Lieder der Stadt "Mach irgendwas, Hauptsache, du bleibst möglichst lange auf der Bühne"
Fredl Fesl

"Mach irgendwas, Hauptsache, du bleibst möglichst lange auf der Bühne"

Die Liedermacher-Karriere von Fredl Fesl begann in Garching-Hochbrück - durch einen Zufall. Sein Lied über den Glockenlärm im Viertel tat das Übrige.   Von Oliver Hochkeppel

Die Geschichte ist ein Märchen, gibt Simon Hofelich zu. "Etwas, das man an einem traumhaft verwunschenen Ort gerne mit einem frechen Stadtgirl erleben würde", erklärt der junge Mann, Markenzeichen: Hipster-Hut und Hornbrille. Übrigens wendet er dabei den im Pop viel zu seltenen Kniff an, dass die Frau die Forsche ist, und der Mann die Memme. So genau der Rapper ihn auch beschrieben hat, diesen geheimen Ort gibt es gar nicht. Oder es kommen einige Dächer Münchens in "Schweben" zusammen: Das Dach eines alten Corps-Hauses an der Dietlindenstraße, wo man gut Bier trinken könne; das Dach der Musikhochschule am Königsplatz, wo die Band einen Teil des Videos zum Song gedreht haben (der Keyboarder Andreas Berger ist dort Dozent für Klavier, der Bassist Felix Rennen studiert dort); und eben auch dieses Parkhausdach im alten Stadtkern. Marcel Chylla, der Video- und Technikmann von Mundhaarmonika, hat sie hier her gelotst.

Weil er alles dokumentiert und gleich ein paar Aufnahmen vom Haxensemmelessen dreht, und weil dieses Dach noch für etwas anderes steht: "Wir sind vielleicht die erste und letzte Band, die hier oben ein Interview gibt", das Parkhaus werde bald abgerissen, um Platz zu machen für ein zweites Gebäude des Luxushotels Mandarin Oriental auf der anderen Straßenseite, wie er gehört hat. Die Dachterrasse des Hotels liegt zwei Etagen über dem "höchsten Dach der Stadt", man sieht die Oberkörper von Kellnern zwischen weißen Quadratschirmen Tabletts balancieren, Gesprächsfetzen auf Englisch wehen herunter. "Schau, die trinken da oben ihren Aperol Sprizz, wir hier unser Bier", sagt Simon Hofelich, "wir genießen den Kontrast, nur eine Straße getrennt, das kann inspirierend sein."

Er schaut sich kurz um, und hat gleich eine Idee: Auf der Teerpappe ließen sich prima Gemüsebeete für die Städter anlegen. Damit kennt er sich aus. Nach einer Schreinerlehrer in seiner Heimstadt Augsburg hat der Rapper in München Produktdesign und Marketing studiert, er arbeitet jetzt für eine Startup-Firma, die einen "Gewächsschrank" zur Aufzucht von Salat in Wohnungen auf dem Markt bringen will.

Auch die Band will Hofelich nach einem anfänglichen Alleingang nun großziehen: "Wir haben auf jeder Position Vollprofis." Vom Manager und DJ Tem Demirbolat über den Filmer bis zu den Musikern und ihm als Rapper und Texter: "Wir alle kämpfen für dasselbe, das schweißt zusammen - das ist viel intensiver, als nur wie andere am Eisbach abzuhängen." Der erste Schritt nach oben wahr wohl "Schweben": Gewollt poppig mit Swing und einem unverschämt gut gelaunten Saxofon wurde die Nummer 2015 ein von Radios bis Hamburg gespielter Mini-Hit. Es ist das Ziel des Hip-Hop: Nach oben musst du. Das höchste Dach der Stadt ist der Topos dafür. Auch wenn es "beschwerlich" und "bestimmt gefährlich" ist, wie im Song, "du musst deinen Weg gehen", sagt Hofelich. Die Inspiration hat er von den eingemotteten Münchner Rap-Stars Blumentopf, in "Die City schläft" fabulierten die: "Wir klettern auf das höchste Dach der Stadt und schauen runter auf die City und die Lichter bei Nacht."

Jetzt ist es Tag, die fünf lassen den Blick schweifen von Turm zu Turm. Einer erzählt von einem Schreiner, der auf seinem Balkon gern nackt herumläuft, dafür angezeigt wurde, aber lieber die Strafe bezahlte, als damit aufzuhören. Finden sie gut. Sie schauen weiter, seltsam, dass es so wenige begehbare Dächer in München gibt, immerhin der Gasteig soll bald ein Panoramarestaurant bekommen. Die Band ist mit dem Blick von oben wieder frisch verliebt in ihre Stadt. Mundhaarmonika zeigen in ihren Videos gerne Lieblingsstellen wie den Kabelsteig oder das Busbahnhäuschen am Chinesischen Turm. Für sie gehört Heimatliebe zum Hip-Hop: "Unser Block, unsere Hood. Man muss die schönen Plätze suchen!".

Da baut sich plötzlich ein kleiner Mann mit neongelber Weste vor ihnen auf. Sie müssten hier verschwinden, sagt er so schulterzuckend wie bestimmt. "Warum?", fragt die Band. "Weil: verboten", erklärt der Mann aufschlussreich und deutet auf die Überwachungskamera. Sie sind gute Jungs, keine Gangsterrapper. Mundhaarmonika packen die Alufolien und Flaschen zusammen und machen sich fast stolz an den Abstieg. Jetzt, wo ihnen der Aufenthalt untersagt ist, sind sie noch verliebter in das beinahe höchste Dach der Stadt.