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SZ-Serie: Kommen und gehen:"Es sollte nicht so ein Betroffenheitsding werden"

Fotograf und Musiker Nikolas Fabian Kammerer.

(Foto: Nikolas Fabian Kammerer)

Auch wenn der Fotograf Nikolas Fabian Kammerer jetzt in Leipzig wohnt, arbeitet er gemeinsam mit Freunden aus Münchner Zeiten an Projekten

Interview von Celine Weiser, München/Leipzig

Nikolas Fabian Kammerer ist Fotograf und von München nach Leipzig gezogen. Im Laufe des vergangenen Jahres hat er zwei Projekte realisiert, die unter anderem auf die Pandemie und ihre Auswirkungen eingehen. Im Gespräch erzählt er von diesen Projekten, von der Situation der Künstler während der Krise - und auch von den Herausforderungen für ihn als Fotografen.

SZ: Du bist ja vor einiger Zeit weggezogen. Was hat dich damals dazu bewegt, München zu verlassen?

Nikolas Fabian Kammerer: Der Grund war eigentlich, dass ich in Leipzig einen Platz auf der Kunstakademie bekommen habe. Da habe ich, quasi als Gaststudium, das weitergemacht, was ich in München an der Akademie angefangen hatte. Das war der ausschlaggebende Punkt, hier herzuziehen. Dann habe ich an der Musikhochschule als Kameramann gearbeitet und fand einfach die Stadt so toll, dass ich da bleiben wollte.

Vermisst du München?

Die Stadt so an sich - nö, eigentlich nicht.

Nicht mal deine alten Freunde?

Die vermisse ich auf jeden Fall.

Momentan ziehen ja einige Musiker von München nach Leipzig. Würdest du sagen Leipzig ist das neue Berlin?

Oh, schwierig zu beantworten. Ich weiß nicht, was Berlin sein soll. Das, was Berlin mal war, ist ja auch schon zehn Jahre her, oder mehr. Klar, musikalisch ist Leipzig auf jeden Fall sehr gut aufgestellt. Viel Jazz, viele experimentelle Sachen, viel neue Musik. Da kann man zweifellos viel Spaß haben. Den Vergleich mit Berlin finde ich nicht passend. Das hat irgendwie überhaupt nichts miteinander zu tun. Sonst würde ich mich hier auch nicht so wohlfühlen, weil ich einfach keinen Bock habe auf eine Großstadt.

Durch Corona hat sich viel verändert, auch in der Kulturszene. Daher hast du das Projekt "Und bei dir so?" ins Leben gerufen.

Die Kunst- und Kulturszene begleitet mich schon die ganze Zeit, schon in München. Da war ich in der Musikszene aktiv, hatte angefangen, Bands und Künstler zu fotografieren. Deswegen lag es nahe zu schauen, wie es den anderen Leuten mit dieser Situation geht.

Und wo hat dein Projekt seinen Anfang genommen?

Zuerst habe ich eine befreundete Modedesignerin fotografiert, das war zu Beginn der Corona-Krise. Während des ersten Lockdowns musste ihr Laden schließen. Und da habe ich sie durch die Fensterscheibe ihres Ladens fotografiert. Und dann dachte ich mir: Ich muss jetzt eigentlich mal sehen, wie es anderen Leuten so geht. Für dieses Projekt habe ich das Stipendium von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen bekommen. Ich habe das dann in einer relativ kurzen Zeit umgesetzt.

Was bedeutet das?

Deswegen ist es noch recht überschaubar. Mein Konzept sah vor, in Leipzig zu beginnen, dann Sachsen, Deutschland und die Welt zu porträtieren. Das ging natürlich in zwei Monaten nicht. Es wurde kompliziert genug, die Termine zu koordinieren und mit den Abstandsregeln alles sicher zu gestalten. Aber ich finde es ganz gelungen, so diese Bandbreite zu zeigen. Viel Musik, weil es aus meinem Umfeld begründet ist. Natürlich aber auch bildende Künstler und was damit so zusammenhängt.

Was willst du mit diesem Projekt bewirken?

Im besten Fall natürlich eine Aufmerksamkeit auf die Situation lenken und vielleicht sogar eine Änderung oder ein Bewusstsein dafür schaffen. Mir ist aber auch bewusst, dass die Idee oder das Konzept nicht so bahnbrechend ist, dass nur ich das alleine mache. Das gab es ganz viel in den Medien, zum Glück! Es ist gut, dass darüber gesprochen wurde, wie es der Kulturlandschaft geht. Auf jeden Fall sollte es nicht so ein Betroffenheitsding werden.

Wie schlimm siehst du dich denn selbst von der aktuellen Situation betroffen?

Gerade ist es ziemlich schwierig. Es ist kalt draußen und sieht grau aus. Outdoor irgendwie fancy Fotos zu machen, ist nicht drin. Wenn das Studio klein ist, sollte man aus Sicherheitsgründen lieber nicht dort fotografieren. Oder es ist sogar verboten. Deswegen muss man sich neue Konzepte überlegen, vielleicht eher Still Lifes machen. Und im Moment lieber drinnen für sich selber fotografieren. Das ist alles schon nicht einfach.

Während des vergangenen Jahres hast du zusammen mit dem Musiker Nils Panda noch ein anderes Projekt realisiert. Wie habt ihr euch überhaupt kennengelernt?

Wir kennen uns noch aus München. Beziehungsweise aus Germering, aber wir waren eher Bekannte in dieser Zeit. Er hat zum Beispiel in der Glockenbachwerkstatt Konzerte veranstaltet. Dann war er eine Zeit lang in Berlin und wir sind uns in Leipzig wieder begegnet, als er hier aufgetaucht ist. Und da sind wir eigentlich erst richtige Freunde geworden.

Und wie seid ihr dann auf die Idee für das Projekt gekommen?

Wir haben vor dem Projekt bereits zusammen in einer Band gespielt. Projektmäßig waren wir nicht sonderlich aktiv. Das war einfach immer begrenzt auf da mal ein Konzert spielen und hier mal eine Platte aufnehmen. Nils kam dann mit dieser Idee an, dass er gerne eine Art Soloalbum machen würde. Aber bereits mit diesem Konzept, dass jeden Monat ein Song entsteht. Im Prinzip saßen wir dann zusammen und bei verschiedenen Treffen ist uns die Idee gekommen. Wir machen das monatlich als Single-Release und es gibt zu jedem Song ein Bild. Und im Laufe der Zeit hat es sich dann entwickelt, dass Gastmusiker dazu gekommen sind. Und ich habe teilweise auch Musik beigesteuert, aber hauptsächlich die Fotos.

Sollen die jeweiligen Bilder darstellen, wie du die Musik empfindest?

Jein. Sie sind nur teilweise durch die Musik inspiriert. Es wurde meistens parallel gearbeitet. Ich habe die Songs nicht so früh gehört, dass ich dann darauf das Bild hätte machen können. Die stilistische Richtung, in die Nils gehen würde, war mir aber immer klar. Von dem her war bereits klar, dass es jetzt nicht komplett aneinander vorbeilaufen wird. Entscheidend war dann, glaube ich, eher die Bildauswahl am Schluss. Manchmal gab es dann in einem Monat drei verschiedene Bilder zur Auswahl und dann hat man aber gemerkt: Jetzt, wo ich den Song höre, will ich eigentlich lieber dieses Foto.

An diesem Projekt sind nicht nur Menschen aus Leipzig beteiligt, sondern auch aus München, Berlin und Wien. Warum?

Das hat mit den Städten nichts zu tun. Nur mit den Leuten, die da wohnen. Da wohnen Freunde, die Musik machen und mit denen man schon mal was zusammen produziert hat. Eigentlich eher Zufall. Und klar, die Verbindung nach München ist einfach da.

© SZ vom 25.01.2021
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