SZ-Serie: Juden in München Münchens erster Meistertrainer

Sein Stil erinnert an Pep Guardiola, dabei ist es eine Ewigkeit her, dass Richard Kohn den FC Bayern coachte. 1932 holte er den Titel - und musste das Land wenige Jahre später verlassen. "Dombi" war Jude

Von Udo Watter

Der schöne Fußball kam nicht aus Spanien, auch nicht aus den Niederlanden, sondern er kam aus Österreich. Als der FC Bayern München 1932 seine erste deutsche Meisterschaft feierte, hieß es, er stelle die am schönsten spielende Elf in Deutschland. "Wir wollten spielen, stürmen, nicht Fußball rackern oder arbeiten", beschrieb der Bayern-Verteidiger und Nationalspieler Sigmund Haringer die Idee dieses Spiels. Verantwortlich für den erfolgreichen wie ansprechenden Stil war der jüdische Trainer Richard Dombi, der 1888 als Richard Kohn in Wien geboren wurde. Als Spieler wie als Übungsleiter stand er für den sogenannten Donaufußball.

Elegant war dieser Fußball, technisch fein und fast körperlos. Hochburgen dieser Spielkultur waren Städte wie Budapest, Wien oder Prag. Ihre Protagonisten waren nicht selten Juden - Funktionäre, Trainer und auch die Spieler. Dombi, der zwischen 1908 und 1912 unter dem Namen Kohn sechs Länderspiele für Österreich machte, erhielt seinen Spitznamen "Little" Dombi später als Spieler von MTK Budapest; er bedeutet soviel wie "Kleine Eminenz".

Nach München geholt hat Dombi der ebenfalls jüdische, in Planegg geborene Präsident Kurt Landauer, der "seinen" FC Bayern als weltoffenen, liberalen Club führte und die Mannschaft durch Einflüsse auch aus dem Ausland verbessern wollte. Perfektes Positionsspiel sowie Ballkontrolle auf engstem Raum und unter Druck waren oberste Maximen des Trainers Dombi. "Vor allem kommt es darauf an, das Training mit dem Ball dem Spiel im Wettkampf anzupassen. Ich lasse nur in Bedrängnis stoppen oder köpfen, wie es eben während eines ernsten Spiels der Fall ist", erklärte er.

Es erinnert an den heutigen Bayern-Trainer Pep Guardiola, was Dombi trainieren ließ. Und er war nicht nur in dieser Hinsicht modern: Ein echter Tausendsassa, erwarb er sportmedizinische und psychologische Kompetenzen. Und er schuf wichtige Voraussetzungen für den FC Bayern, etwa als er 1932 mit Club-Vizepräsident Siegfried Herrmann eine Geschäftsstelle einrichtete. "Er war Trainer, Fitmacher, Masseur, Geschäftsführer und Organisator", heißt es in der Chronik "50 Jahre FC Bayern". Auch die Vorbereitung auf das Finale um die deutsche Meisterschaft 1932 gegen Eintracht Frankfurt lief professionell, von den Mahlzeiten über die Spaziergänge bis zur Unterkunft. Nachzulesen ist dies in dem prämierten Buch "Der FC Bayern und seine Juden" des Fußballhistorikers Dietrich Schulze-Marmeling. Die Bayern besiegten Frankfurt mit 2:0.

Neben Dombi waren mit Landauer und dem Jugendleiter Otto Albert Beer weitere Juden Architekten des ersten Bayern-Meistertitels. Vor allem Landauer ist heute wieder im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent. Dombi, der von 1928 bis 1930 auch den Lokalrivalen TSV 1860 München trainierte, ist weniger bekannt, auch wenn ihm die Bayern-Ultra-Gruppierung "Schickeria" im Januar 2013 beim Auswärtsspiel in Stuttgart eine Choreografie widmete und er einen Ehrenplatz im FC Bayern-Museum hat.

Übungsleiter, Spieler, Funktionäre

Richard "Dombi" war nicht der einzige jüdische Trainer des FC Bayern. Auch Izidor Kürschner, Leo Weisz, mit dem die Bayern 1928 Süddeutsche Meister wurden, und Kálmán Kónrad trainierten die Roten in der Zeit der Weimarer Republik. Sie alle waren Lehrer des "Donaufußballs". In den Zwanzigerjahren setzten die Bayern auch auf die Nachwuchsarbeit. Verantwortlich hierfür war Otto Albert Beer. Im Gegensatz zu Kurt Landauer und Dombi überlebte Beer den Holocaust nicht. Er wurde 1941 im litauischen Kaunas ermordet.

Aktive Sportler mit jüdischen Wurzeln sind aus dieser Zeit nicht viele bekannt. Obwohl manchmal als "Judenklub" bezeichnet - schon bei der Gründung des FC Bayern im Jahr 1900 spielten die jüdischen Fußball-Enthusiasten Gus Manning und Josef Pollack eine Rolle - waren die meisten Spieler Nicht-Juden, im Gegensatz zu Vereinen wie MTK Budapest oder dem SC Hakoah Wien, der mit einer rein jüdischen Mannschaft 1925 österreichischer Meister wurde. Der Torhüter Alfred Bernstein, der mit dem FC Bayern 1926 und 1928 Süddeutscher Meister wurde, ist eine Ausnahme.

Auch beim TSV 1860, in dem es schon vor 1933 starke nationalistische Strömungen gab, wirkten einzelne jüdische Funktionäre und Sportler. Zu ihnen gehörte Julius Gerstle, damals einer der besten deutschen Sprinter. Er emigrierte 1938 in die USA, 1964 kehrte er zurück. Dombi trainierte kurze Zeit die Fußballer von 1860.

Für jüdischen Sport heute steht der TSV Maccabi München. Den Grundstein für den Verein legte 1965 Fred Brauner; die erste Fußballmannschaft trägt ihre Heimspiele seit 2010 auf dem "Kurt-Landauer-Sportplatz" in Riem aus. wat

Dombi war in den Zwanziger- und Dreißigerjahren einer der begehrtesten Trainer Europas. Beim FC Bayern hätte er eine Ära prägen können. Doch nach dem Beginn der NS-Herrschaft 1933 gab es für Juden auch im deutschen Fußball keine Zukunft. Landauer legte im März 1933 sein Amt als Bayern-Präsident nieder, 1939 emigrierte er in die Schweiz. Dombi verließ München bereits im Sommer 1933. Nach Stationen in der Schweiz und in Spanien landete er in Rotterdam, wo er mit Feyenoord 1936 und 1938 niederländischer Meister wurde und sich ob seiner medizinischen Fähigkeiten den Spitznamen "Wonderdokter" erwarb. In den Fünfzigerjahren wurde er erneut Trainer bei Feyenoord. 1963 starb er.

An der Fröttmaninger Fußball-Arena erinnert der Kurt-Landauer-Weg an Dombis ehemaligen Präsidenten beim FC Bayern, ein Kurt-Landauer-Platz soll bald noch folgen. Dem Trainer ist keine Straße in München gewidmet - dafür in Rotterdam: Hier gibt es seit 1997 eine "Richard Dombistraat".