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SZ-Serie: Gut ausgedacht, Folge 6:Unzufriedenheit macht Erfinder

Ein Weißbierglas, das in der Spülmaschine ständig umgekippt: Solche Dinge sind für Hendrik Meyl der Auslöser zum Grübeln. Drei Patente hat er angemeldet, in Serie ging keines

Von Christina Seipel, Neuaubing

"Papa, was ist das?", fragt Frederick fast beiläufig. Ohne die Antwort abzuwarten, wirbelt der Vierjährige dann mit einem lauten "Hui" einen dünnen Draht mit einer Spirale an dessen Ende durch das Wohnzimmer des Reihenhauses. Dass es sich dabei um eine von Papas Erfindungen handelt, scheint ihn nicht zu interessieren. Der Weißbierglashalter für die Spülmaschine gehört zu den Ideen, für die Hendrik Meyl ein Patent angemeldet hat. Mehr als fünf Jahre war der zweifache Familienvater hauptberuflich als Erfinder tätig. Der große Erfolg allerdings blieb aus. Es sei nicht ganz so gelaufen wie erhofft, gibt Meyl zu. Auf seine berufliche Laufbahn blickt der leidenschaftliche Erfinder dennoch mit einer guten Portion Gelassenheit zurück: "Ich trauere der Zeit und auch dem ausgebliebenen Erfolg nicht nach. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin."

Heute ist der 41-Jährige ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einem kleinen Eigenheim im Münchner Westen. Im vergangenen Jahr hat sich der diplomierte Elektroingenieur mit einer eigenen Firma selbständig gemacht. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, die ebenfalls Ingenieurin ist, prüft er die funktionale Sicherheit bei technischen Systemen von Fahrzeugen. Das Geschäft laufe trotz Corona-Krise gut, sagt Meyl. So gut, dass er sein Unternehmen nun vergrößern wolle. Das Leben des einstigen Erfinders wirkt sehr bodenständig. Das war nicht immer so.

Ein Draht, eine Spirale - und fertig ist der Weißbierglashalter für die Spülmaschine. Jahrelang hat Hendrik Meyl versucht, sich beruflich mit Erfindungen über Wasser zu halten. Bis er erkannte: Irgendwann ist es genug.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nach dem Studium der Elektrotechnik im niederländischen Delft lockte ihn das Abenteuer. Hendrik Meyl hatte schon immer viele Ideen im Kopf und wollte diese nun als Erfinder umsetzen. Um sich seinen Berufswunsch zu verwirklichen, zog er zu seinen Eltern nach München. Im Hobbyraum habe dann alles angefangen, erzählt er, bei der Erinnerung funkeln seine Augen. Gemeinsam mit seinem Bruder Christoph, der auch Ingenieur ist, arbeitete er an der Umsetzung verschiedener Ideen, fertigte Zeichnungen an, erstellte Berechnungen, baute Prototypen. Viel Arbeit, kein Verdienst über fünf Jahre hinweg. Freunde und Verwandte haben sie in dieser Zeit finanziell unterstützt. "Es war ein Auf und Ab", berichtet der Familienvater. "Vieles ging über die Idee nicht hinaus."

Doch was bringt jemanden dazu, Erfinder zu werden? Viele Ideen seien aus einer gewissen Grundunzufriedenheit heraus entstanden, sagt Meyl augenzwinkernd. Etwa der Spülmaschinenhalter für hohes Geschirr. Irgendwann habe es ihn gestört, dass es nicht klappte, ein Weißbierglas aufrecht in die Spülmaschine zu stellen, ständig kippte es. Ein paar Wochen tüftelte er mit einem Haushaltsdraht, bis eine Lösung geboren war.

Über mehrere Jahre arbeiteten die Meyl-Brüder an einem Espresso-Zubereiter für die Mikrowelle. Eine handliche Tasse samt Aufsatz und Filter, die binnen Sekunden einen schmackhaften Mokka herstellt - mit Pulver oder Pads. Während Meyl Fotos verschiedener Prototypen zeigt, lehnt er sich genüsslich auf sein Ledersofa zurück. Er zeigt das Bild eines Einmachglases, in dessen Deckel Löcher gebohrt sind: "Das war der erste Prototyp." Irgendwann haben die Brüder Designer und auf Kunststofftechnik spezialisierte Ingenieure ins Boot geholt, um ein Serienprodukt zu entwickeln. Zu einer kommerziellen Vermarktung ist es jedoch nicht gekommen. Auch ein Patent hat Meyl für diese und zwei weitere Erfindungen angemeldet, in Serie gegangen ist jedoch keine. Der Grund: Es habe an Geld gemangelt und an der zündenden Idee, wie man die Erfindungen auf dem Markt bringt. "Und das gewisse Quäntchen Glück hat vielleicht auch gefehlt", spekuliert Hendrik Meyl.

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Punkt, Punkt, Komma, Strich: An Anfang des Prozesses steht eine eher flüchtig hingeworfene Skizze.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Lange hatten die Brüder an ihrer Vision, neue Dinge zu erschaffen, festgehalten. Irgendwann müsse man jedoch wissen, wann es genug sei, sagt der 41-Jährige. Sein Bruder hat sich mittlerweile umorientiert und eine eigene Kaffeerösterei im Spreewald aufgebaut. Für Meyl gab es den Aha-Moment 2011 auf der Promotionsfeier eines Freundes. Dort erzählte ihm jemand von seinem Onkel, der ebenfalls als Erfinder arbeitete und sich nach Jahren immer noch Geld borgen musste. Meyl entschied, seine hauptberufliche Erfinder-Karriere zu beenden und fing in einem Ingenieurbüro an.

Ganz lassen kann er das Tüfteln jedoch nicht. "Man macht mal hier, mal da was", gibt Meyl schmunzelnd preis. Momentan laufe es jedoch auf Sparflamme. Auch den Erfinder-Stammtisch besucht der 41-Jährige weiterhin regelmäßig. An Einfällen mangelt es nicht. Seine neueste Idee: die physikalische Welt der Zertifikate zu digitalisieren.

"Guck mal, ein Kran", unterbricht Meyls jüngster Spross Raphael das Gespräch. Begeistert lässt der Dreijährige den Draht der Geschirrhalterung vor seinem Kopf gleiten. "Papas Sachen werden gern mal zum Kinderspielzeug umgewandelt", sagt Meyls Frau lachend. Der Erfindergeist liegt offenbar in der Familie.

© SZ vom 14.09.2020

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