SZ-Serie: Erfolgshungrig:Rendezvous in der Box

Wie Münchner Start-ups den Lebensmittelmarkt erobern wollen. Heute: Das junge Unternehmen Vegan Lunch Date liefert kreativ zusammengestellte Menüs ohne tierische Produkte. Die beiden Gründerinnen sagen, in ihr Essen könne man sich verlieben

Von Jacqueline Lang

Jeder, der schon mal auf einem Date war, weiß, dass das auch ziemlich in die Hose gehen kann. Andererseits: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Warum also nicht einfach mal jemandem eine Chance geben, der normalerweise nicht ins Beuteschema passt - und so vielleicht die Liebe fürs Leben finden? Marion Obermaier und Tereza Pavouková, die beiden Gründerinnen von Vegan Lunch Date, jedenfalls sind überzeugt, dass, wer sich auf ein Date mit ihren veganen Lunchboxen einlässt, auch wenn er sonst mittags am liebsten seine Leberkassemmel isst, sich in veganes Essen verlieben wird - genauso wie sie das getan haben.

Entstanden ist die Idee, einen veganen Lieferservice auf die Beine zu stellen, bereits im vergangenen Herbst. Ihr kleines Unternehmen gegründet haben Obermaier und Pavouková dann aber erst im März dieses Jahres. Seitdem ist viel passiert: Zunächst gab es einen Pop-up-Laden im Glockenbachviertel. Mit einer eigenen Lieferflotte wurden vor allem Privatleute versorgt, die im Home-Office festsaßen. Im Lockdown boomte das Geschäft. 15 Euro hat jede Box gekostet, im Nachhinein sagt Obermaier, dass das eigentlich zu günstig gewesen sei.

Foodserie - Vegan Lunch Date

Marion Obermaier und Tereza Pavouková (rechts) haben ihr kleines Unternehmen Vegan Lunch Date im März 2021 gegründet und zunächst Essen an Privatleute ausgeliefert.

(Foto: Friedrich Bungert)

Mit den zunehmenden Lockerungen und der Wiedereröffnung der Gastronomie schrumpfte die Zahl ihrer Kundinnen und Kunden aber genauso schnell, wie sie anfangs in die Höhe geschnellt war. Also haben sie ihr Konzept noch einmal komplett umgekrempelt und machen jetzt das, was ohnehin mal der ursprüngliche Plan gewesen ist: Sie kochen in ihrer Küche in Laim, die sie im Juli bezogen haben, ab sofort nur noch für Firmen. Zudem wollen sie Catering und Kochkurse anbieten. Immerhin wollen die beiden Frauen von ihrer Geschäftsidee auch leben können. Bislang habe das Geld nämlich nur gereicht, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bezahlen - sie selbst lebten derzeit noch von ihren Ersparnissen. Das macht Obermaier, die erst vor drei Jahren die vegane Küche für sich entdeckt hat, und Pavouková, die sich seit ihrer Jugend mal vegetarisch, mal rein pflanzlich ernährt, aber offenbar wenig aus. Wenn man sie nach Zukunftsängsten fragt, zucken sie nur mit den Schultern und lächeln. Sie glauben an ihr Konzept, der Rest wird sich fügen.

Was aber kann man sich genau unter so einer veganen Lunchbox vorstellen? Ihre eigens kreierten Boxen aus BPA-freiem Kunststoff, die sich modular zusammensetzen lassen, bestehen immer im Wesentlichen aus drei Bausteinen: ganz viel Grünzeug, ein paar Kohlenhydrate und dann etwas, das Pavouková den "Star der Box" nennt, also ein besonderes Schmankerl. Dazu gibt es - separat verpackt, damit nicht alles schon matschig ist, wenn es bei der Kundschaft eintrifft - selbstgemachte Soßen und Dips sowie noch etwas Süßes. Immerhin hat Pavouková nicht umsonst eine Zeitlang die Pâtisserie im vegetarisch-veganen Hotel Weißensee in Österreich geleitet.

Foodserie - Vegan Lunch Date

Weil die Nachfrage deutlich zurückging, als die Restaurants wieder öffnen durften, haben die Gründerinnen nun umgesattelt auf Firmenkunden, Catering und Kochkurse.

(Foto: Friedrich Bungert)

Als Menü liest sich das dann so: Sushi-Sandwich mit Süßkartoffel und Avocado, dazu Tamari-Dip, Hot-Pink-Slaw mit Kokos-Topping, grüne Miso-Bohnen und Salted-Caramel-Popcorn. Oder wie wäre es mit knusprigen Polenta-Sticks mit Salbei-Dip, Gartenkräutersalat mit Sellerie, Fenchel und Orangenvinaigrette, sizilianische Caponata mit Tomaten, Aubergine und Kapern und Müsli-Cookies? Kulinarisch, das fällt auf, reist Pavouková gerne um die Welt.

Gekocht wird bevorzugt mit regionalen, saisonalen und Bio-Produkten. Fertig- und vegetarische Ersatzprodukte kommen ihnen kaum in die Küche. "Bei uns wird man nicht die vegane Currywurst mit Pommes finden", sagt Obermaier. Denn nicht nur vegan, vor allem auch gesund soll ihr Mittagessen sein - und das "ganz ohne schlechtes Gewissen". Denn das Duo versucht auch noch, möglichst wenig Müll zu produzieren. Deshalb gibt es auch nicht endlos viele Gerichte, die im schlimmsten Fall nicht alle gleich gut vom Kunden angenommen werden und dann übrig bleiben, sondern pro Tag nur eins. Dafür muss sich Pavouková für jeden Tag im Monat etwas Neues einfallen lassen. Genau das ist es aber, was ihr im Gegensatz zum klassischen Restaurantbetrieb so viel Freude bereitet: Sie kann wirklich kreativ sein.

Kennengelernt haben sich Obermaier und Pavouková "über drei Ecken", wie die Markenstrategin Obermaier es formuliert. Sie und die damals noch dritte im Bunde, Martina Brunner, eine gute Freundin von Obermaier, waren nämlich für ihre Idee auf der Suche nach einer veganen Köchin. Und es sollte sich schnell herausstellen: "Es gibt nicht viele Köche, die vegan kochen können." Umso mehr bezeichnet die 46-Jährige es als "perfekten Match", dass sie Pavouková gefunden hat. Immerhin stand die 33-Jährige auch schon in einem Sterne-Restaurant wie dem Tian in der Küche - und das, obwohl sie nie eine klassische Kochausbildung gemacht, sondern sich alles selbst beigebracht hat.

Foodserie - Vegan Lunch Date

Die Gerichte sind vegan, die Zutaten bio.

(Foto: Friedrich Bungert)

Nur noch zu zweit sind sie nicht wegen eines Streits, sondern weil Brunner es sich finanziell nicht leisten konnte zu warten, bis das Unternehmen genügend Geld für alle drei abwirft. Weil das Start-up nun von Privatkunden auf Firmen umgestellt hat, wird es wohl auch noch eine Weile dauern, bis es rentabel ist. Pavouková und Obermaier aber sind zuversichtlich, dass sich das Warten lohnt. Immerhin gehe es ihnen nicht allein ums Geld, sondern auch um ein Umdenken auf dem Teller, ja um gesellschaftlichen Wandel. Und der braucht bekanntlich Zeit.

© SZ vom 22.09.2021
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