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SZ-Serie: Echte Europäer:In voller Blüte

Den Europaplatz zeichnet aus, dass ihn kaum einer kennt. Man kann dort aber durchaus etwas über die Stadt und die europäische Idee erfahren. Oder über Pflanzen, Geld und Schilder.

Von Philipp Crone

Man kann ihre Flügel summen hören, ganz kurz. Was die Hummel da wohl gerade über diesen seltsamen Ort denkt? Sie sitzt am Donnerstagnachmittag um 15.38 Uhr auf einer helllila Blüte des Patagonischen Eisenkrauts, das leicht nachgibt beim Gewicht des Insekts. Die Flügel beginnen zu flirren, die Hummel steuert nach, dann wird weiter Nektar geschlürft. In Stille. Und vier Sekunden später im tosenden Lärm.

Die Hummel sitzt in einem bunt blühenden Blumenbeet. Die Pflanzen sind nichts Besonderes für die gemeine Münchner Hummel, die nun Gesellschaft bekommt von einer Biene. Patagonisches Eisenkraut kommt zwar aus Südamerika, wird aber auch in Münchner Beeten angepflanzt. Der Lärm verebbt, es ist wieder ganz still, die Hummel hüpft zum Mehligen Salbei, der violett blüht und aus Mexiko stammt. Wieder wippt sie kurz durch, dann rollen auch schon die nächsten Autos vorbei. Von den Pflanzen her hat das mit Europa erst einmal nicht viel zu tun. Dabei ist das der Europaplatz, oben hinter dem Friedensengel. Im Zentrum ein Rondell, in der Fachsprache unechter Kreisverkehr genannt, weil die Fahrbahnen sich nur leicht für Hummel, Salbei und Co ausbeulen, umgeben von der zweispurigen Prinzregentenstraße und drei Nebenstraßen, die in luxusvillige Seitenwege führen. Dazu gibt es rot markierte Radwege, Abbiegespuren und genug Platz für all die Orientierungslosen, die erst einmal kurz eine Runde um das Eisenkraut drehen, bis sie weiter zum Friedensengel oder Richtung Südosten rollen.

Die Frage ist schon, was hier eigentlich europäisch ist.

Während Hummel, Biene und jetzt auch eine Wespe Salbei, Dahlien oder Eisenkraut bearbeiten, ist drumherum nicht nur im Minutentakt Verkehrschaos wie am Arc de Triomphe in Paris, denn der Europaplatz liegt für sehr viele, vor allem Autofahrer, in erster Linie auf dem schnellsten Weg aus der oder in die Stadt. Das hört man gleich, weil die Gaspedal-Durchtrete-Frequenz überdurchschnittlich hoch ist, höchstens auf der Maximilianstraße ist sie höher. Hier wird nicht gecruist, wie der Gerade-noch-Europäer aus England sagen würde. Hier wird Zeit aufgeholt. Aber neben den vielen Automobilen und diversen Fahrradkonstruktionen herrscht hier auch ein reges Spazieren und Passieren. Zwar verweilt keiner, was einem Platz, der den Namen verdient, gut anstünde. Dafür eilen sie immerhin. Und kurze Gespräche an den Maximiliansanlagen oder auf den Bürgersteigen der Prinzregentenstraße überraschen nicht nur, weil kaum einer weiß, was das hier für ein Platz ist.

Eine Mutter mit einem Zwillingskinderwagen schiebt in einer Ruhepause den Wagen zügig Richtung Park, in aufwachsicheres Gebiet. Was das für ein Platz ist? Keine Ahnung. Und Europa? "Ach, das ist mir eigentlich gleich." Pause. "Aber das Blumenbeet ist schön." Ansonsten gibt es hier rein optisch auch nicht so viel wirklich Bemerkenswertes. Auf der einen Seite ein herrschaftliches Haus der Schweizer Bank UBS, am Europaplatz 1, schräg gegenüber das mit geschlossenen Gitterzäunen und sechs Kameras noch viel einladendere Generalkonsulat Russlands. Wie UBS und Russland das mit Europa so sehen hier in München? Russland antwortet auf eine Mail erst gar nicht - auch eine Antwort.

Bei der nächsten Ruhephase hört man stampfende Musik aus einem schwarzen Dacia, die Fahrerin brüllt den Beifahrer an, dass es der ganze Platz hört: "Hure! Ich musste mich als Hure anreden lassen von jemandem, mit dem du gearbeitet hast!" Grün, Gaspedaldurchdrücken, in dem das "Halt's Maul!" ein wenig untergeht.

Eine ältere Dame spaziert mit ihrer Freundin in Richtung Maximiliansanlagen und sagt: "So lang ist das noch gar nicht der Europaplatz." Seit 1986 genau genommen, Namensgebung war in dem Jahr am 5. Mai, zum 35. Jahrestag der Gründung des Europarats. Während die Frau über den Europaplatz nachdenkt, kommt ein Mann mit einem Metallkoffer aus dem UBS-Haus heraus, es ist das einzige Lebenszeichen an diesem Nachmittag von einem der anliegenden Gebäude. "Man hat hier gar kein Platzgefühl", sagt sie, "man ist froh, wenn man über die Straße kommt." Eine leichte Anspannung liegt über allem, bei den Autofahrern, bei den Passanten, das ist auf jeden Fall derzeit total europäisch.

"Europa ist für mich eine Hoffnung", sagt die Frau noch. Die beiden waren gerade im Museum der Villa Stuck. "Dass es nicht auseinandergeht, gerade in der jetzigen Situation, sondern zusammenfindet." Wie angenehm es doch sei, dass es ein Europa gibt und nicht mehr nur Nationalstaaten. Ihre Begleitung, die beiden sind seit der Schule befreundet, schaut etwas skeptisch und schweigt. "Nein? Oder bist du etwa noch Bundesdeutsche?" Ist die Freundin nicht. Sie findet die Idee von Europa auch gut, hat vor allem skeptisch auf den Platz geschaut. "Der hat schon auch etwas Bedrohliches." Die beiden betrachten zusammen die vorbeirollenden Wagen, die rund um die kleine Blumenoase rollen. Bedrohlich, unübersichtlich, da kommt man Europa schon wieder näher.

Die Mutter mit den Zwillingen kommt um 16.12 Uhr wieder zurück, schiebt den Kinderwagen mit den schlafenden Zwillingen am roten Radweg entlang. An einer der neun Straßenlaternen um den Platz hängt ein weißblaues Radfahrer-Fußgänger-Schild. Es ist eines von 71 Schildern am Europaplatz, was natürlich wunderbar zur Krumme-Gurken-Union passt und seiner Regelwut. Auf dem der UBS stehen nur die drei Buchstaben, dafür spricht der Sprecher des Unternehmens am Telefon gerne über Europa und den Platz.

"Wir sind seit dem Jahr 2000 hier, auch weil wir es ein für unsere Kunden gut erreichbares Standort ist", sagt Claus-Peter Schrack. Die Kunden, das sind vermögende Menschen "ab zwei Millionen Euro Liquidität". Wer mehr als 50 Millionen hat, wird noch einmal gesondert behandelt. Man trifft sich zu Beratungen am Europaplatz 1, dafür ist das Haus da. 2016 hat die UBS eine Europäische Bank gegründet, "um die Regularien deutlich zu vereinfachen". Vorher musste man in jedem Land unterschiedlichste Regeln beachten. Um beim Europaplatz zu bleiben, die neue UBS-Bank braucht jetzt nicht mehr 70, sondern nur noch sieben Schilder, damit der Bankverkehr läuft. "Wir sind zutiefst überzeugte Europäer", sagt der 50-jährige Schrack, der 20 Jahre in München gelebt hat und nun in Frankfurt arbeitet. Weil Europa noch immer "ein großer Wachstumsmarkt" ist. Aus Bankensicht gibt es aber noch immer die uralten Probleme: keine richtige Union, "kein einheitlicher Wirtschafts- und Bankenraum". Von einer wahren Staatenunion sei Europa noch weit entfernt, weil die staatlichen Interessen nach wie vor im Vordergrund stünden.

Es gibt in Deutschland jede Menge Europaplätze. In Berlin klebt er irgendwie undefiniert nördlich am Hauptbahnhof dran, ein Gefängnis in der Nähe, auch in Mönchengladbach oder in Wien liegt der Platz am Bahnhof, in Bonn ist es eigentlich nur eine Kreuzung der A 562 und der B 9, da ist der in Karlsruhe, durchzogen von der Kaiserstraße, an der alten Hauptpost und sehr belebt, deutlich wertiger präsentiert. Und in Bad Reichenhall liegt er passenderweise direkt an der österreichischen Grenze. München liegt bei den Europaplätzen in den Kategorien Ästhetik und Repräsentanz eher im vorderen Mittelfeld, sieht man einmal davon ab, dass es gar kein Platz ist. Dass niemand dort hingeht, sondern nur daran vorbei. Wobei das am Montagmittag ausnahmsweise anders ist. Da ist hier eine Demo, was mit Europa aber weniger zu tun hat, mehr mit Russland.

Claus-Peter Schrack hat lange in München gelebt und heute ist Sprecher der Bank UBS, die aber eine repräsentative Filiale in München hat, und zwar am Europaplatz 1.

(Foto: OH)

Auf dem Platz ist alles wie immer, Autorauschen bis -rasen, ein paar geparkte Wagen, ansonsten passierendes Volk. Die Donnerstagshummel hat das Beet verlassen und das Patagonische Eisenkraut einem weißen Rapsweißling überlassen. Der Schmetterling flattert über die Blüten, während ein paar Meter weiter unter den Augen von Polizeihauptkommissar Tobias Heider und zwei seiner Kollegen zwanzig Demonstranten ihre Schilder hochhalten. "Hands of Belarus" steht da zum Beispiel, einer hat einen Hokkaido-Kürbis so gekonnt mit Edding veredelt, dass einen das Gesicht von Weißrusslands Präsident Lukaschenko anschaut. Der trifft sich an diesem Tag mit Putin, weshalb die Demonstranten dann auch gleich zum russischen Konsulat ziehen.

Nadzeya Laurentsyeva sagt, während Lukaschenkos Kürbiskopf auf der Hand eines Mannes neben ihr auf- und abtanzt: "Wir brauchen Unterstützung von Europa, dass Lukaschenko nicht als Präsident anerkannt wird." Nach einer Wahl, die unter Manipulationsverdacht steht. Die 31-Jährige trägt ein Schild, auf dem auf Russisch steht: Wir sind keine Feinde. "Das ist entscheidend: Wir protestieren friedlich." Hinter ihr strahlt der Friedensengel in der Sonne und schaut stoisch gen Frankreich. Laurentsyeva sagt: "Und Europa hat eben Werte und Menschenrechte, die so wichtig sind für die europäische Zivilisation." Und so wichtig wären für die belarussische Bevölkerung. Die schmale Frau arbeitet als Postdoc am Institut für Organisationsökonomik der LMU, sie stammt aus Minsk, wo ihre ganze restliche Familie lebt.

Laurentsyeva und die anderen Demonstranten warten an der roten Fußgängerampel, an der auch zwei Radfahrer stehen. Eine ältere Frau in vollem Schmuck- und Kosmetik-Ornat und ein junger bärtiger Mann. Sie zu ihm: Schön, dass sich die Leute engagieren." Er: "Total!" Der Europaplatz verbindet also schon ein bisschen, auch wenn sie dann gleich wieder losdüsen. Nur Tobias Heider bleibt zurück.

Der 40-Jährige ist ein stämmiger Polizist mit einem Lächeln, das selbst durch die Maske klar zu erkennen ist und vielleicht schon so manche Konflikte in seinen 19 Jahren bei der Polizei im Keim erstickt hat. Verständnisvoll und streng zugleich blicken, das muss man können, und dann auch noch dabei lächeln. "Normalerweise sind hier keine Demonstrationen", sagt er, "es ist einfach viel zu weit ab vom Schuss." Eine interessante Formulierung für einen, der eine Waffe trägt, aber bei dem Mann mit der offenbar angeborenen Deeskalationsaura auch wieder schlüssig. Er sagt, was Sache ist. Das schätzen ja die meisten doch sehr. Zum Beispiel, dass er "von der Idee Europa überzeugt" ist, und dass der Europaplatz kein Unfallschwerpunkt ist. Auch wenn das wundert, denn so viele herumirrende Autofahrer wie hier sieht man selten. Aber weil die Situation ein bisschen unklar ist, "nehmen die meisten mehr Rücksicht aufeinander". Auch irgendwie europäisch.

Von Hummel bis Heider, vom röhrenden Cayenne-Rempler bis zum Rostlaubenfahrer, vom auskunftsunfreudigen Generalkonsul bis zur ratschenden Rentnerin, der Europaplatz ist, streng genommen, ein Münchner Drive-by-Soziotop in voller Blüte. Und, weniger streng genommen, auch europäisch mit seinem Durcheinander, seiner Ruhelosigkeit und auch mit seiner Schilderitis. Und ganz europäisch ist der Platz dann am Ende auf jeden Fall, denn bei diesem blumigen Rondell am Isarhochufer ist es wie mit der europäischen Idee: Es ist immer das, was man darin sehen möchte.

© SZ vom 16.09.2020

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