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Moderne Medizin in München:Stabiler Halt für das Hüftgelenk

Georg Gradl

Wenn vorhandene Implantate auskugeln können, müsse ein neues Produkt her, dachte sich Georg Gradl - und ersann eine neue Prothese.

(Foto: Lukas Barth)
  • Der Chef der Unfallchirurgie am Klinikum Harlaching hat ein künstliches Hüftgelenk entwickelt, das nicht mehr auskugeln kann.
  • Es ist kaum teurer als die gängigen Produkte, dennoch wird es noch nicht flächendeckend eingesetzt.
  • Alle bisherigen Teile der Serie lesen Sie hier.

Georg Gradls Erfindung besteht aus Metall und Kunststoff und passt in eine Manteltasche, ist also weder von der Größe noch von der Erscheinungsform her besonders spektakulär. Zudem existiert ein ähnliches Produkt - noch dazu in unzähligen Varianten -, das normalerweise gut funktioniert und seinen Zweck bestens erfüllt, so dass Gradls Erfindung in diesen Fällen absolut überflüssig ist. Und die Fälle, in denen sie zum Einsatz kommt, weil das Standard-Produkt nicht wunschgemäß arbeitet, machen gerade mal zwei bis drei Prozent der Gesamtmenge aus. Hört sich nicht unbedingt nach einer Erfolgsgeschichte an.

Allerdings ist es mit diesem Ding so wie mit vielen Innovationen in der Medizin: Seine Vorteile kommen nicht vielen Patienten zugute - denen jedoch entscheidend. Georg Gradl, Chef der Unfallchirurgie am Klinikum Harlaching, hat das erste künstliche Hüftgelenk erfunden, dass nicht mehr luxieren kann. Luxation: Das ist der medizinische Fachbegriff für den Vorgang, bei dem - in diesem Fall - der Kopf des Hüftgelenks, also die Fortsetzung des Oberschenkelknochens, die Gelenkpfanne im Beckenknochen verlässt, ein äußerst schmerzhaftes Ereignis, das ohne Narkose des Opfers nicht repariert werden kann.

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Das gesunde Hüftgelenk ist schwer auszukugeln, da müssen schon enorme Kräfte wirken. Anders hingegen ist es bei den Gelenkprothesen, von denen pro Jahr in Deutschland annähernd eine Viertelmillion eingesetzt werden: Bei besagten zwei bis drei Prozent der Fälle springt der Kopf aus der Pfanne. Die Risikofaktoren dafür sind vielfältig - das geht von Ungenauigkeiten bei der Operation bis hin zu anderweitigen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, bei denen die Muskelspannung im Körper vermindert ist.

Wann ein Hüftgelenk auskugeln kann

Übergewicht mit einem Body-Mass-Index von mehr als 35 ist gefährlich, Männer trifft es eher als Frauen, weil Hebelkräfte und Körpergewicht dort zu stärkeren Einwirkungen auf das Implantat führen. Es können aber auch ganz simple Bewegungen sein, die kurz nach der Operation zur Luxation führen: "Da reicht es", sagt Georg Gradl, "sich zum Schuheanziehen oder Zehennägelschneiden zu bücken oder im Sitzen die Beine übereinander zu schlagen."

Das Fatale ist: Wenn das Gelenk einmal ausgekugelt wurde, steigt die Gefahr, dass es ein zweites Mal passiert. Von den höchstens drei Prozent Erstluxationen erleiden wiederum 20 bis 30 Prozent das schmerzvolle Geschehen ein zweites Mal, nun verbunden mit der Angst vor dem Schmerz, plus allen dazugehörigen Vermeidungsstrategien.

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Dabei ist der Ersatz des Hüftgelenks eigentlich eine problemlose Operation: In den Hüftknochen wird eine Halbkugel aus Titan einbetoniert. In ihr wird eine zweite halbe Kugel fixiert, ebenfalls aus Metall oder aus einem Kunststoff, Polyethylen. In den Oberschenkelknochen wird ein zehn bis 20 Zentimeter langer Schaft implantiert, an dessen oberem Ende eine Kugel sitzt. Diese wird in das Kunststoff-Stück eingelegt, kann sich dort in alle Richtungen drehen und erlaubt dem Bein so gut wie alle Bewegungen.

Was Gradl an seinem Gelenk änderte

Im Normalfall ist es nicht notwendig, die Kunststoff- in der metallenen Halbkugel zu fixieren: Muskeln und Bänder halten sie fest, zudem bildet sich mit der Zeit eine neue Gelenkkapsel, die alles am vorgesehenen Ort hält. Allerdings kann auch etwas schiefgehen - wenn zum Beispiel die Pfanne bei der Operation nicht im ganz exakten Winkel eingesetzt wird, was vom Chirurgen mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist, oder wenn die Bildung der neuen Kapsel verhindert wird, indem dem Gelenk zu früh ungesunde Bewegungen zugemutet werden. Dann konnte nur versucht werden, das Versäumte nachträglich zu reparieren, durch eine erneute Operation, durch Bandagen, die das Gelenk festhalten, bis es einigermaßen stabil ist. Das gelang allerdings nicht besonders gut, die Zahl von Zweit-Luxationen ließ sich nicht entscheidend vermindern.

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Wenn also, so dachte sich Georg Gradl, die vorhandenen Implantate nicht dafür taugen, Luxationen zu verhindern, dann muss eben ein neues Produkt erdacht werden. Die Überlegung dabei: Wenn der Gelenkkopf, der sich in dem Kunststoff-Bett dreht, dort herausspringt - dann müsste er dauerhaft fixiert werden, und drehen soll sich stattdessen die Halbkugel aus Kunststoff. Sie wird nun bei der Herstellung bereits so in ihr metallenes Gegenstück eingefügt, dass sie zwar beweglich ist, aber diese Ersatz-Pfanne nicht verlassen kann, weil deren Öffnung kleiner ist als der Durchmesser des Kunststoff-Stücks.

Warum das Gelenk nicht flächendeckend eingesetzt wird

Fixiert wird nun der Gelenkkopf in der drehbaren Kunststoffpfanne. Damit er nicht herausspringen kann, wird er zusätzlich mit einem Kunststoffring gesichert. Problem gelöst, außer der Patient fiele aus dem zehnten Stock oder führe mit 120 Kilometern pro Stunde gegen eine Wand. Danach hätte er aber, wenn überhaupt, wahrscheinlich andere Sorgen als ein ausgekugeltes Hüftgelenk.

Wie oft Gradl sein neues Hüftgelenk schon implantiert hat, hat er nicht mitgezählt, er schätzt mehrere Dutzend Mal. Für wissenschaftlich fundierte Aussagen über den Wirkungsgrad sind die Zahl der Fälle und die vergangene Zeit noch zu gering. Die Operation unterscheidet sich nur unwesentlich von einer "normalen" Hüftgelenks-Implantation. Gradls Gelenk ist, obwohl momentan noch individuell für jeden Patienten angefertigt, kaum teurer als die gängigen Produkte.

Bleibt die Frage: Wenn die Innovation Luxationen verhindert und sonst keine Nachteile hat, warum bekommen sie dann nicht alle Patienten? Gradl: "Die Operation mit den marktüblichen Produkten ist sicher, erprobt und unproblematisch. Es gibt keinen Grund, eine bewährte Methode zu ändern oder abzuschaffen." Außer für zwei bis drei Prozent der Fälle - für die lohnt es sich entscheidend.

Gelenkersatz

Der häufigste Grund für den Gelenkersatz an der Hüfte ist Arthrose, was im volkstümlichen Sinn als Verschleiß des natürlichen Gelenkes verstanden wird. Ihr kann zunächst durch Knorpeltherapie, mit Medikamenten oder durch physiotherapeutische Methoden begegnet werden. Häufig wird kritisiert, dass in Deutschland zu schnell operiert wird - das könnte daran liegen, dass der Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks relativ problemlos und zudem für die Kliniken recht einträglich ist.

Viele Patienten, denen der Eingriff empfohlen wird, fragen sich ob der Vielzahl der Angebote, von welchem Arzt sie sich operieren lassen sollten. Studien dazu zeigen, dass der sogenannte outcome, also sozusagen das Ergebnis der Operation, umso besser ist, je mehr Eingriffe der Arzt beziehungsweise das entsprechende Krankenhaus durchführen und durchgeführt haben. Dem entgegnen Häuser mit geringeren Fallzahlen, bei ihnen gebe es keine "Fließband-Medizin" - ein Argument jedoch, dass sich in der Qualitäts-Überprüfung bislang nicht entscheidend niederschlägt, im Gegenteil. Vielmehr lassen die Studien nur einen Schluss zu: Wer oft operiert, der kann's auch besser.

Seit einiger Zeit sammelt das "Endoprothesen-Register Deutschland" Daten über die Qualität der Operationen - sie wird vor allem daran gemessen, wie oft Zweit-Operationen notwendig sind. Zunächst erfasst das Register hauptsächlich die unterschiedlichen Hersteller, die den Markt mit einer Vielzahl unterschiedlicher Prothesen versorgen. Auf lange Sicht soll die Datensammlung aber auch auf eventuelle vorhandene Qualitätsprobleme bei Kliniken und/oder Ärzten aufmerksam machen. stha