Süddeutsche Zeitung

Fußball in München:Zwei Sportmoderatoren sind die Augen der blinden Fans

Auch sehbehinderte Anhänger gehen zum Fußball - wegen der Stimmung. Für sie kommentieren exklusiv zwei Reporter - in allen Einzelheiten und bei jedem Spiel.

Von Renate Winkler-Schlang

Über dem Rasen schwebt die Fernsehkamera. Wie von Geisterhand gezogen, folgt sie dem Ball. Lautlos. Wenigstens erscheint es so. Vielleicht rattert dieser magisch wirkende Transport an den Stahlseilen auch ein wenig, doch das kann gewiss keiner hören - es ist einfach laut im Stadion. Richtig laut.

Dabei gelten die siegesgewohnten Bayernfans in der Bundesliga als eher ruhige, unenthusiastische Gesellen. In der U-Bahn unterhalten sich zwar einige "Rote" unüberhörbar über die Unterschiede von "Pep und Ancelotti"; mit dem neuen Trainer fremdeln sie offenbar noch, nennen ihn beim Nachnamen. Allerdings haben diese Männer mit der Bierflasche Ruhrpott-Dialekt. Der Mann gegenüber in Lederhose und Bayern-Shirt genießt seine Vorfreude lieber still.

"Ich bind' ihn Dir einfach um, dann kannst' weiteressen": Am Schal- und Käppistand von fanpoint München.de im U-Bahnhof will Andi Zimmermann gut gelaunt "die Leute glücklich machen" - und ist es offenbar selbst. Das Geschäft läuft, gerade hat er einen der sommerlich-roten Schals an den Mann gebracht. Den Strohhut mit dem roten Mia-san-mia-Hutband wird er nicht los, die weiblich-kokette Frage "Host an Spiagl" musste er verneinen. Da half auch kein "Steht da aber guad."

Am Anfang der Esplanade haben sich die Flaschensammler postiert, denn man darf nichts Flüssiges mit rein nehmen. "Krieg' ich Pfand?" - wer das fragt, stammt wohl eher aus der Provinz. Der Treck der Rotgewandeten wandert flaschenlos weiter im Abendlicht der Arena entgegen, man hört Sohlen auf Beton, einige rufen in ihre Handys "Bin auf dem Weg zum Spiel". Sonst meist nur Murmeln. Wo bleiben bloß die Fangesänge?

"FC Bayern, Stern des Südens, Du wirst niemals untergehen": Da haben wir sie ja, die Hymne von Willy Astor und Stephan Lehmann, die sich so gut zum Grölen eignet - aber sie kommt aus der Konserve: Der Lautsprecher unterm Riesenmaskottchen muss richten, wozu die Fans draußen noch zu sangesfaul sind. Es knistert, dann von vorne: "...ja so war es und so ist es und so wird es immer sein. . ." Eine nette Familie mit zwei fahnenschwenkenden Buben kann immerhin den ganzen Text und traut sich auch: "...Weil wir in guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehn..."

Einige Fans müssen sich ganz auf ihr Gehör verlassen

Sie warten geduldig vor der Einlasskontrolle. "Servus" - der Ordner verbrüdert sich gleich mit der Kundschaft, duzt alle, deren Tasche er abmisst und unter deren Käppi er aus Sicherheitsgründen schauen muss. Der Lautsprecher plärrt bis hier: "... FC Bayern, deutscher Meister, ja so heißt er, mein Verein..." Man vernimmt Klatschen: Ein Reporter hat für seinen Sender in bestem Englisch vor einer Kamera seine Prognose abgegeben und bekommt spontan Beifall.

Ja, es gibt viel zu hören und zu sehen schon auf dem Weg zu diesem Bundesligaauftakt. Einige der Fans allerdings sehen weder die Woge roter Shirts noch das bunte Treiben vor der Wabenhülle der Allianz-Arena. Sie sind blind oder stark sehbehindert und müssen sich ganz aufs Hören verlassen. Dennoch ist es für sie keine Alternative, das Spiel nur vor dem Fernsehgerät oder im Radio zu verfolgen. "Die Stimmung kann ich nicht daheim im Wohnzimmer erzeugen", sagt Josef Rohrmüller, den sein Sohn Simon begleitet.

Er holt sich gerade am Desk vor den Drehkreuzen des Logen-Geschosses bei den freundlichen Hostessen seine "Stöpsel" ab und muss fast schreien, denn es hallt in dem ungedämmten Raum. "Live ist live", sagt er, "dabei sein, die Atmosphäre spüren". So geht es auch Ferdinand Stocker, der seit 13 Jahren an Retinitis pigmentosa leidet und durch die Degeneration der Netzhaut sein Augenlicht komplett verloren hat. Seine Frau Irene hat ihm das Stadion-Hörgerät besorgt.

Ein Live-Match in allen Einzelheiten

Aus diesen Ohrhörern bekommen Blinde und Sehbehinderte - egal, ob auf einem der 20 Plätze, die bei jedem Bundesligaspiel stark verbilligt sind, oder als Inhaber einer Dauerkarte - nicht etwa eine normale Radioreportage zu hören. Nur für sie arbeiten exklusiv zwei Experten, die ihnen ehrenamtlich ihren aufmerksamen Blick leihen und das Match in allen Einzelheiten beschreiben. An diesem Tag sind es Simon Köpfer und Leopold Hofgärtner; beide haben Sportwissenschaften studiert und arbeiten als Sportjournalisten, Köpfer selbständig, Hofgärtner bei Pro 7/Sat 1.

Welcher Spieler trägt rosa-neon-farbene Schuhe? Wie agiert der Trainer? Wer macht sich warm? Wo steht Lahm? Was macht Lewandowski? Jede kleine Beobachtung ist ein Puzzleteil des großen ganzen Bildes, das im Kopf der Blinden entsteht.

Die beiden Sprecher wechseln sich ab. Hohe Konzentration ist gefragt in einer Umgebung, die kocht und bebt. Da drüben auf den Stehplätzen in der Linkskurve haben die Fanclubs gerade die Echo-Phase angestimmt: "Bayyyern" brüllen alle im Basston, und aus der Gegenkurve kommt das Echo "Bayyyern". Genau 18 Mal geht das hin und wieder her, intensiver als am Königssee. Der Einpeitscher mit dem Megafon muss es nicht mehr vorbeten. Er steht mit dem Rücken zum Spiel, kann also, genau wie die Blinden, den Ball nicht verfolgen. So ergeht es wohl auch denen, die hinter den Fahnenschwingern ihre Plätze haben. Sie hüpfen jetzt alle, das Stadion vibriert - oder meint man das bloß?

"Ole, ole, ole, ole", neuer Text, gleiche Lautstärke. Mancher Fangesang ist auch schlicht unverständlich. Aber kommt es auf den Inhalt an, wenn Dezibel zählen? Es ist rundum so laut, dass man schon vom Zuhören heiser wird und das Geräuschbild am Handy, mit dem man den Sprechgesang als Andenken aufnehmen will, eine Amplitude erzeugt, die nicht mehr aufs Display passt. Vor allem jetzt, da Alonso mit einem Volleyschuss trifft - und dann noch fünf Mal, drei Tore von Lewandowski, je eines von Lahm und Ribéry. Als Lahm zum 4 : 0 gegen kopflose Bremer trifft, schreit der Stadionsprecher drei Mal "Philipp", und 75 000 Menschen brüllen drei Mal "Lahm" zurück. "Lahm" ertönt es auch aus dem Mund von Blindenkommentator Köpfer, der gerade übernommen hat, der Rest des Satzes geht unter. "Schöner Ball" schreit einer von hinten. "War das Cathy Hummels?", fragt eine Frauenstimme weiter unten. "Sie hat gar nicht Hummels auf dem T-Shirt, sondern Wiffy". "Aber die Nummer stimmt, vielleicht ist Wiffy ihr Hund", schreit jemand zurück.

Wieder scheint es so, als würde die Erde beben und das ganze Stadion einstürzen: "TOOOOOOR". Dann drei Mal die Antwort "Ribéry" auf das "Franck" des Stadionsprechers: . Die beiden Blinden-Kommentatoren halten inne. Da braucht es kein Wort, das erleben und verstehen ihre Zuhörer live. Die Sprechgesänge des Brüll-Chores dauern an, manchmal unterbrochen von enttäuschtem Stöhnen, wenn ein Ball knapp am Pfosten vorbei geht, dann wieder vom Klatschen bei einer guten Szene. Eine einstudierte Choreografie gibt es nicht, dennoch kommt es synchron.

Neutral und spannend bis zum Schluss

Spannung geht trotzdem anders, höchstens eine paar grüne Werder-Fans hoffen noch auf ein Ehren-Törchen - im Sound des Stadions spielen sie keine Rolle. Für Simon und Leo ist es wichtig, nun nicht nachzulassen, auch wenn alles klar ist und der Sieger feststeht. Sie heben die Stimme, wenn es ernst wird, reden schneller. "Das war super", sagt Leo am Ende, als die Ränge sich leeren, und fügt an: "...aus Sicht der Bayern". Den Kommentatoren ist es wichtig, neutral zu erscheinen, denn unter ihren Hörern sind auch Anhänger des Gegners. Simon erinnert sich an das im Elfmeterschießen verlorene Champions-League-Finale dahoam gegen den FC Chelsea 2012: Er kommentierte damals in Englisch für die Gäste: "Ich war so drin, dass ich die Bedeutung für die Bayern und die Trauer der Fans erst gar nicht erfasst habe."

Am Stöpsel-Desk geben Bernd Lunkenheimer und Hermann Scherf ihre Hörgeräte ab. Die beiden mit den gelben Buttons und den drei schwarzen Punkten sind im Stadion Freunde geworden - und sie sind Fans "ihrer" Reporter: "Radioreporter können ein wenig hinterherhinken, unsere aber müssen fix sein, damit die Sätze genau zu den Reaktionen passen, die wir hören", sagt der eine. "Dass der Rasen grün ist, wissen wir. Aber wo Müller steht und was Neuer macht, das muss uns einer beschreiben", sagt der andere. Auf www.fussball-blinden-reportage.de suchen blinde Fußballfreunde immer wieder das "T-Ohr" des Monats. "Köpfer und Hofgärtner haben da wohl große Chancen", meint einer. Die beiden Sprecher strahlen und gönnen sich ein Weißbier.

"So ein Tag, so wunderschön wie heute", tönt es später aus dem Rück-Zug der Besucher. In der U-Bahn dann Wortfetzen wie "Bremer Arbeitsverweigerung", "... klappt gut hier mit dem MVV" und "... bin eigentlich Lautern-Fan". Ein Vater mit zwei kleinen Buben in Bremen-Trikots versucht es mit pädagogischem Unterton - das 6 : 0 sei auch für sie toll gewesen: "Wir haben heute verlieren gelernt." Was man dann noch hört, ist nur noch der Ohrwurm im eigenen Kopf: "FC Bayern, Stern des Südens".

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Quelle:
SZ vom 02.09.2016/vewo
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