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Fußball in München:Zwei Sportmoderatoren sind die Augen der blinden Fans

Die Sportmoderatoren Simon Köpfer (graues Shirt) und Leopold Hofgärtner.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auch sehbehinderte Anhänger gehen zum Fußball - wegen der Stimmung. Für sie kommentieren exklusiv zwei Reporter - in allen Einzelheiten und bei jedem Spiel.

Von Renate Winkler-Schlang

Über dem Rasen schwebt die Fernsehkamera. Wie von Geisterhand gezogen, folgt sie dem Ball. Lautlos. Wenigstens erscheint es so. Vielleicht rattert dieser magisch wirkende Transport an den Stahlseilen auch ein wenig, doch das kann gewiss keiner hören - es ist einfach laut im Stadion. Richtig laut.

Dabei gelten die siegesgewohnten Bayernfans in der Bundesliga als eher ruhige, unenthusiastische Gesellen. In der U-Bahn unterhalten sich zwar einige "Rote" unüberhörbar über die Unterschiede von "Pep und Ancelotti"; mit dem neuen Trainer fremdeln sie offenbar noch, nennen ihn beim Nachnamen. Allerdings haben diese Männer mit der Bierflasche Ruhrpott-Dialekt. Der Mann gegenüber in Lederhose und Bayern-Shirt genießt seine Vorfreude lieber still.

"Ich bind' ihn Dir einfach um, dann kannst' weiteressen": Am Schal- und Käppistand von fanpoint München.de im U-Bahnhof will Andi Zimmermann gut gelaunt "die Leute glücklich machen" - und ist es offenbar selbst. Das Geschäft läuft, gerade hat er einen der sommerlich-roten Schals an den Mann gebracht. Den Strohhut mit dem roten Mia-san-mia-Hutband wird er nicht los, die weiblich-kokette Frage "Host an Spiagl" musste er verneinen. Da half auch kein "Steht da aber guad."

Am Anfang der Esplanade haben sich die Flaschensammler postiert, denn man darf nichts Flüssiges mit rein nehmen. "Krieg' ich Pfand?" - wer das fragt, stammt wohl eher aus der Provinz. Der Treck der Rotgewandeten wandert flaschenlos weiter im Abendlicht der Arena entgegen, man hört Sohlen auf Beton, einige rufen in ihre Handys "Bin auf dem Weg zum Spiel". Sonst meist nur Murmeln. Wo bleiben bloß die Fangesänge?

"FC Bayern, Stern des Südens, Du wirst niemals untergehen": Da haben wir sie ja, die Hymne von Willy Astor und Stephan Lehmann, die sich so gut zum Grölen eignet - aber sie kommt aus der Konserve: Der Lautsprecher unterm Riesenmaskottchen muss richten, wozu die Fans draußen noch zu sangesfaul sind. Es knistert, dann von vorne: "...ja so war es und so ist es und so wird es immer sein. . ." Eine nette Familie mit zwei fahnenschwenkenden Buben kann immerhin den ganzen Text und traut sich auch: "...Weil wir in guten wie in schlechten Zeiten zueinander stehn..."

Einige Fans müssen sich ganz auf ihr Gehör verlassen

Sie warten geduldig vor der Einlasskontrolle. "Servus" - der Ordner verbrüdert sich gleich mit der Kundschaft, duzt alle, deren Tasche er abmisst und unter deren Käppi er aus Sicherheitsgründen schauen muss. Der Lautsprecher plärrt bis hier: "... FC Bayern, deutscher Meister, ja so heißt er, mein Verein..." Man vernimmt Klatschen: Ein Reporter hat für seinen Sender in bestem Englisch vor einer Kamera seine Prognose abgegeben und bekommt spontan Beifall.

Ja, es gibt viel zu hören und zu sehen schon auf dem Weg zu diesem Bundesligaauftakt. Einige der Fans allerdings sehen weder die Woge roter Shirts noch das bunte Treiben vor der Wabenhülle der Allianz-Arena. Sie sind blind oder stark sehbehindert und müssen sich ganz aufs Hören verlassen. Dennoch ist es für sie keine Alternative, das Spiel nur vor dem Fernsehgerät oder im Radio zu verfolgen. "Die Stimmung kann ich nicht daheim im Wohnzimmer erzeugen", sagt Josef Rohrmüller, den sein Sohn Simon begleitet.

Der sehbehinderte Bernd Lunkenheimer kommt ins Stadion.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Er holt sich gerade am Desk vor den Drehkreuzen des Logen-Geschosses bei den freundlichen Hostessen seine "Stöpsel" ab und muss fast schreien, denn es hallt in dem ungedämmten Raum. "Live ist live", sagt er, "dabei sein, die Atmosphäre spüren". So geht es auch Ferdinand Stocker, der seit 13 Jahren an Retinitis pigmentosa leidet und durch die Degeneration der Netzhaut sein Augenlicht komplett verloren hat. Seine Frau Irene hat ihm das Stadion-Hörgerät besorgt.

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