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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Der Untergang muss warten

Der 1964 geborene Christian Springer ist Kabarettist und Autor. 2012 gründete er den Verein Orienthelfer, mit dem er humanitäre Projekte im Libanon und in Syrien unterstützt.

(Foto: Sina Schweikle)

Kultur-Lockdown, Tag 73: Der Kabarettist blickt zuversichtlich in die Zukunft

Gastbeitrag von Christian Springer

Der Lockdown ist nicht schlecht, er ist nur schlecht bezahlt. Gäbe es einen vernünftigen Abschluss in Allgemeiner Lockdownistik, hätte ich längst den Inzidenz-Bachelor in der Tasche. Meine Tournee ist nicht mehr, das Leasing-Auto least bewegungslos vor sich hin, aber ich bin in Vollbeschäftigung. Zumindest privat: "Aschre ha-isch aschär lo hallach baatsat rscha-im." Das ist der Psalm 1 auf Hebräisch. Das lerne ich und habe großen Spaß dabei. Übersetzt heißt das: "Glücklich bist, wenn Du die Deppen meidest." Hochaktuell, und auch für Facebook und Co. gültig. Weniger Trump, weniger Wendler, ist mehr vom Leben.

Das Hebräische ist nur ein Mosaikstein unter meinen Vorsätzen für dieses Jahr, aber er hat durchaus mit den kommenden Kabarettauftritten zu tun. Antisemitismus ist in Stadt und Land lauter und gewalttätiger geworden. Dagegen müssen wir aufstehen, in der Schule, in der U-Bahn, und auch durch die Satire. Und ich stehe in den Startlöchern, um mit Kollegen die Bühne zu teilen. Ich plane zwar nicht den gesamten Gefangenenchor zu inszenieren, aber ein Häuflein werden wir schon sein.

Pünktlich zur Pandemie habe ich nämlich ein Buch zur anderen Katastrophe geschrieben: "Bitte sagen Sie die Klimakatastrophe morgen ab! Ich habe wichtige Termine." Menschen in Katastrophen können so lustig sein. Deswegen kommt das Buch mit Kollegen und Musik auf die Bühne. Ich freue mich auf die nächsten Monate, auf dieses Jahr. Leute! Das meiste haben wir überstanden! Aber Vorsicht, diskutieren Sie mit mir nicht darüber, dass Grundgesetz und Demokratie ausgehebelt seien.

Mit meinem Verein Orienthelfer e. V. habe ich mit Syrien, Libanon, Irak, Jemen und etlichen anderen Ländern zu tun. Willkür, Diktatur, Rechtlosigkeit, Pressezensur, Versammlungsverbot sind mir aus der Praxis bekannt. Glauben Sie mir, zwischen Freilassing und Sylt leben wir im demokratischen Paradies.

Was wir wirklich bräuchten, ist mehr Raum für Trauer. Furchtbar viele Menschen verlieren durch Corona ihre Freunde und Angehörigen, aber von den Weltverbesserern höre ich nie: mehr Beistand und Mitgefühl! Es soll ja Zeitgenossen geben, denen es umso besser geht, je schlechter es anderen geht. Denen kann ich meine neue Geschichte nur wärmstens ans Herz legen: "Der unglückliche Prinz und sein Ende". Das Märchen für böse Kinder und Erwachsene wird im Frühjahr erscheinen. Die Illustrationen hat der grandiose Comic-Zeichner Frank Schmolke gezaubert. In Anbetracht aller Umstände musste ich das Märchen ohne Happy End enden lassen. Ich bin hin- und hergerissen.

Corona soll aufhören, damit ich wieder auf die Kabarettbühnen darf! Auf der anderen Seite brauche ich den Lockdown noch ein bisschen, um all meine Geschichten aufzuschreiben. Zum Beispiel, warum bis heute circa 50 Atombomben auf dieser Erde verloren gingen. Hat sie jemand gesehen? Auf Ebay inseriert? Warum man nach Afghanistan und Syrien nicht abschieben, und das Mittelmeer kein Friedhof mehr sein darf. Warum systemrelevant ein idiotischer Begriff ist. Außerdem brauche ich noch Zeit, um Psalm 1 auswendig zu können. Apropos Bibel. Kennen Sie den letzten Satz des Alten Testaments: "Damit ich nicht kommen und das Land dem Untergang weihen muss." Das soll Ihnen eine Vorwarnung auf mein neues Kabarettprogramm sein!

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© SZ vom 13.01.2021
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