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SZ-Serie: Aus den Augen, noch im Sinn, Folge 7:Bravourstück eines Stiefkinds

Vor 20 Jahren nahmen Bürger und Lokalpolitiker die Zukunft ihres Stadtteils kurzerhand in die eigenen Hände: Die "Perspektive Freimann" gilt heute immer noch als beispielhaftes Stadtplanungsprojekt. Doch was wurde aus den ambitionierten Plänen? Eine Spurensuche

Es gibt viele Bilder von diesen denkwürdigen Tagen im März 1999. Zu sehen sind Frauen und Männer, wie sie sich über Pläne und Zeichnungen beugen, meist Stifte in der Hand. Und förmlich mit Händen zu greifen ist die legendäre Atmosphäre, die damals im Messezentrum MOC an der Lilienthalallee in Freimann herrschte. Hunderte Besucher, hoffnungsfroh und hochgestimmt. Aufbruchstimmung. "Wir müssen erfinderisch sein", verkündete jemand eifrig an einem der vielen Tische dieses für viele Freimanner unvergessenen Super-Workshop-Wochenendes, das unter dem Titel "Perspektive Freimann" modellhaft werden sollte für eine bürgerschaftlich getragene Stadtentwicklung.

Sie waren damals außerordentlich erfinderisch, die Freimanner Bürger und ihre politischen Vertreter im Bezirksausschuss. Es ging darum, die Geschicke des Stadtteils in die eigenen Hände zu nehmen, dieses Stiefkind der Stadtplanung endlich zu seinem Recht kommen zu lassen - und selbst ein Leitprogramm zu entwerfen, um die infrastrukturellen Wunden zu heilen. "Das war richtig gut, eine großartige Leistung der Freimanner und des Bezirksausschusses", zeigt sich die damalige Stadtbaurätin Christiane Thalgott heute immer noch begeistert. Zwei Jahrzehnte später lohnt sich eine Rückschau auf das einzigartige Projekt - und eine Spurensuche, was aus all den ambitionierten Plänen wurde.

Vor der Begeisterung stand zunächst allerdings kollektiver Frust. Nirgends in München durfte die industrielle Entwicklung mit seinen stinkenden, lärmenden, flächenverschlingenden Auswüchsen einen Stadtteil so massiv zerpflügen: Da ist die riesige Werksanlage des ehemaligen Ausbesserungswerks der Reichsbahn (später der Deutschen Bahn) mit der monströsen Dampflokrichthalle ("Lokhalle"), dazu die militärisch genutzten Flächen von Bayern- und Funkkaserne sowie die Autobahn A 9, welche den Stadtteil in zwei Hälften teilt, der Euro-Industriepark, ein Müllberg, eine Kläranlage. Als Sahnehäubchen gab's noch die Geringschätzung der Stadtspitze oben drauf. "Wo's so stinkt", artikulierte Ex-OB Christian Ude einmal seine Freimann-Assoziation.

Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf: Im Stil der Asterix-Comics illustrierte ein Zeichner damals den Selbstbehauptungswillen der Freimanner. Illustration: John Thompson & Partners

Im Bezirksausschuss (BA) Schwabing-Freimann reifte Ende der Neunzigerjahre der Entschluss: Es muss endlich etwas mit diesem gebeutelten Stück Stadt passieren. "Wir sind uns einig geworden, dass wir ein Gesamtkonzept für Freimann brauchen", sagt der damalige wie heutige BA-Vorsitzende Werner Lederer-Piloty (SPD).

Das Besondere dabei: Die Lokalpolitiker forderten das nicht einfach nur per Eingabe, sie legten selber los - ohne eigenes Budget und zunächst ohne Unterstützung der Stadtverwaltung. Erster Schritt: Sie luden sich den Berliner Unternehmensberater Andreas von Zadow ein; er sollte ein neuartiges Verfahren aus den USA und England vorstellen, das er mit dem britischen Stadtplanungsteam um John Thompson schon einige Male durchgezogen hatte: eine "Perspektivenwerkstatt" nach dem Prinzip des "Community Planing". Der Ansatz: Möglichst alle Betroffenen - Anwohner, Geschäftsleute, Vereine, Grundstückseigentümer, Baugesellschaften, Verwaltung, Politik - sollen ihre Perspektive auf die Probleme darlegen. Dabei wird nicht lamentiert und palavert, sondern diskutiert und geplant, in Arbeitsgruppen, die auch Planungsskizzen anfertigen ("Hands on Planning"). Alle werden ernst genommen, alle arbeiten ernsthaft mit - und liefern ein ernst zu nehmendes Ergebnis ab, im Fall der "Perspektive Freimann" umfasst es 120 Seiten.

Der professionelle Ansatz war aber zugleich auch ein Problem. Der Kostenrahmen lag bei 300 000 Mark für Organisation, Flüge der auswärtigen Planer, Mietkosten, Ausstattung, Catering. "Wir haben dann erfahren, dass der Bezirksausschuss das selber gar nicht beauftragen darf", erinnert sich Lederer-Piloty. Die Lösung: Eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit beschränkter Haftung (GbR mbH) wurde gegründet, mit je einem Vertreter der drei großen BA-Fraktionen als Gesellschafter. Die konnte nun das Projekt ausschreiben, die Planungs- und Beratungsbüros aus London und Berlin engagieren sowie die Projektmanagementagentur Kyrein aus München für die Organisation mit ins Boot holen. "Und dann gingen wir auf Betteltour", formuliert es Petra Piloty, wie ihr Mann Architektin und schon damals im Bezirksausschuss. Die Steuerungsgruppe legte BMW, Stadtsparkasse, Münchner Rück sowie weiteren großen und kleineren Firmen den Businessplan vor; am Ende sollten die eingesammelten Sponsorengelder die Perspektivenwerkstatt voll finanzieren.

"Rasanter Auftakt zum dauerhaften Bürgerdialog", lautete die Überschrift im SZ-Lokalteil am 24. Februar 1999 zur ersten Veranstaltung. 150 Freimanner kamen zu diesem ersten einer ganzen Reihe von Vorbereitungstreffen, um die Befindlichkeiten der Ortsteile offen zu legen. Zum eigentlichen Workshop brachten die englischen Stadtplaner ein Grußwort von Prinz Charles mit, bekennender Fan des "Community Planning". Er schreibt da von "enormen wirtschaftlichen Entwicklungschancen in diesem Bezirk" sowie von "beachtlichen Aktivitäten" des Bezirksausschusses und dass er, Charles, sich freuen würde, von den Ergebnissen der Perspektivenwerkstatt zu erfahren.

Selbstbehauptungswillen stellten die Freimanner beim Workshop unter Beweis, wo konzentriert debattiert und geplant wurde.

(Foto: John Thompson & Partners)

Er sollte folgendes zu hören bekommen: Freimann hat immense Probleme, aber auch gigantische Entwicklungspotenziale. Dreh- und Angelpunkt des Strukturkonzepts ist die grundlegende Metamorphose des ehemaligen Ausbesserungswerks. Das vor sich hindümpelnde Areal soll zur "neuen urbanen Mitte" Freimanns, zu einem Komplex mit Wohnungen und Gewerbe entwickelt werden, wobei man sich die große Lokhalle als zentrales kulturelles Stadtteilzentrum vorstellt, mit Schwimmbad, Kino, Bibliothek, Cafés. Der Arbeitstitel des neuen Viertels: Neufreimann.

Die strukturelle Misere des Stadtteils beschrieb Stadtplaner John Thompson treffend als "eine Ansammlung von Inseln, getrennt von feindlichen Gewässern", gemeint sind die Verkehrsadern, welche Freimann wie Flussläufe zerschneiden. Die Idee der Perspektivenwerkstatt: eine Flaniermeile, ausgehend von der "neuen Mitte", über Edmund-Rumpler-Straße und (den noch aufzuwertenden) Harnierplatz durch die Autobahnunterführung zum (noch zu verschönernden) Heinrich-Groh-Platz. Perspektivisch soll zudem die Autobahn in einen Tunnel verlegt, der Stadtteil durch den S-Bahn-Nordring besser angebunden werden.

Das Strukturkonzept drang auch auf eine Grünplanung in diesem versiegelten Stadtteil, was den Blick der Planer auf die anderen mächtigen städtebaulichen Reservoirs lenkt: die damals noch militärisch genutzten Areale der Funk- und Bayernkaserne. Diese gelte es, "wiederzubeleben", konkret: zu Wohngebieten zu entwickeln. All diese Punkte waren nicht nur detailliert ausgearbeitet, sondern auch eingebettet in einen innovativen Ansatz für die Durchführung. Als Motor des Wandels soll eine "Entwicklungsagentur" die Stadtteilkonversion managen, als Schaltstelle zwischen Investoren, Bürgern, Politik und Verwaltung.

Insgesamt war dies ein wuchtiges Bravourstück, wie auch Stadtbaurätin Thalgott im März 2000 in einer Stadtratsvorlage deutlich machte. "Beispielgebend", sagte sie damals, "stilbildend", nennt sie das Projekt heute. Obwohl sie selbst zunächst Vorbehalte hatte, wie sie selbst zugibt. "Ein so komplexes Thema wie die Entwicklung eines Stadtteils entzieht sich eigentlich der bürgerschaftlichen Diskussion", gibt sie ihre anfänglich Skepsis wieder, fügt aber sofort an: "Ich habe mich getäuscht." Sie erkannte, dass die Perspektivenwerkstatt ein großer Wurf war - der in der Realität allerdings auf lauter kleine Würfchen zusammenschnurren sollte.

Zwar wurde dieser Masterplan zum Reverenzpapier für das Planungsreferat und dessen Beschlussvorlagen. Doch das mächtige und entscheidende Herzstück zerbröselte: Aus der "neuen Mitte" auf dem Gelände des Ausbesserungswerks wurde nichts. Das Gelände gehörte der aus der Bahn-Privatisierung hervorgegangenen Vivico (später CA Immo). Die Verwertungsgesellschaft mühte sich lange vergeblich um eine Vermarktung; als Klotz am Bein erwies sich die denkmalgeschützte Lokhalle: Markthallen, Modezentrum, Volksmusik-Tempel - alles scheiterte, begleitet vom lauten Pochen des Bezirksausschusses auf eine bürgerschaftliche Nutzung. Nun teilt sich ein Baumarkt und das fast fertige Auto-Eventensemble "Motorworld" das Bauwerk. "Es ist aus unserer Sicht nicht ideal, aber immerhin ist die Halle öffentlich zugänglich", resümiert Petra Piloty.

Nach Thalgotts Worten platzte der Traum vom neuen Quartier wegen der Festsetzungen in Flächennutzungs- und Bebauungsplan als gewerblich ausgerichtetes Gelände - und dass die Stadt auf diese Privatflächen keinen Zugriff hat. Allerdings fragen sich so manche, ob die Politik nicht hätte sanften Druck ausüben können, damit der Eigentümer von dieser Ausrichtung abrückt. Der Bezirksausschuss wurde bis in jüngste Zeit nicht müde, zumindest zu appellieren. Es nutzte nichts. Südlich der Halle soll nun ein Campus für die Automobilindustrie entstehen.

Dreh- und Angelpunkt der Diskussion war das riesige Ausbesserungswerk an der Lilienthalallee.

(Foto: Catherina Hess)

Ohnehin hatte sich bereits 2003 die Schlüsselkomponente in Luft aufgelöst: Der Stadtrat beerdigte die "Entwicklungsagentur", nachdem dazu eigens ein Workshop abgehalten worden war. Zu teuer, hieß es. Manche glauben, dass die Stadtpolitik in Wahrheit nicht Planungshoheit aus den Händen der Verwaltung geben wollte. Thalgott sagt hingegen: Das damalige Rathausgremium habe Angst vor Begehrlichkeiten gehabt, also "in einem Stadtteil etwas zu tun, was man auch in anderen tun könnte oder gar müsste". Dann geht's halt in kleinen Schritten, tröste sich der Bezirksausschuss über all die Jahre und organisierte Folgeworkshops für tatsächlich realisierte Projekte: die Umgestaltung des Heinrich-Groh-Platzes und der Autobahn-Unterführung. Auch ein effektiver Lärmschutz für die A 9 konnte erreicht werden.

Freimann ist heute also immer noch ein in Inseln zergliederter Stadtteil. Dennoch hat sich der Aufwand gelohnt, glauben sowohl Thalgott als auch die BA-Politiker: Denn der Spirit der "Perspektive Freimann" ist noch immer lebendig. "Es ist damals eine Mitmachmentalität entstanden", sagt Petra Piloty. Die Bürger, sie engagieren sich immer noch. Und die Stadtverwaltung weiß jetzt, dass sie die Bürger und ihre politischen Vertreter miteinbeziehen muss. Und auch wenn die "neue Mitte" rund um die Lokhalle perdu ist - es gibt längst eine neue Perspektive. War schon beim Domagkpark, der einstigen Funkkaserne, energisch mitgeredet worden, geschieht das erneut bei der Planung für das Bayernkasernenareal, wo dereinst 15 000 Menschen leben sollen. Denn hier entsteht jenes urbane "Neufreimann", das sich die Bürgerschaft schon so lange wünscht.