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SZ-Lesercafé:Lücken im Netz

Aufgepasst: In Solln zählt die Siemensallee zu den riskanten Radwegen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Beim "SZ-Lesercafé" klagen viele Bürger über stadtweite Lücken im Radwegenetz und wünschen sich die Entdeckung des Verkehrsmittels Fahrrad durch die Politik

Von Thomas Kronewiter Und Jürgen Wolfram, Obersendling

Wer behauptet, dass München Radlhauptstadt ist, der muss mehr als eine Schraube locker haben. So ungefähr lautet die Meinung von Besuchern des "SZ-Lesercafés" in Obersendling. Aus ihrer Sicht weist nicht nur das Zentrum, sondern auch der Süden der Stadt noch derart viele Lücken im Wegenetz auf, dass sich Vergleiche mit wirklichen Kapitalen einer fahrradorientierten Verkehrspolitik wie Münster oder Kopenhagen von selbst verbieten. Wer etwa vom S-Bahnhof Solln via Harras ins Zentrum unterwegs ist, der muss eine geradezu abenteuerliche Tour absolvieren, findet Andreas Barth.

Vor allem die Wolfratshauser Straße ist für viele eine Sicherheitsfalle. Dort, wo sie in letzter Zeit erneuert worden ist, wie im Mündungsbereich der Siemensallee, hat man zwar auch an die Radler gedacht. An anderen Stellen jedoch, wie auf Höhe des Krankenhauses Martha Maria, fehlen Velo-Spuren gänzlich Der Pedaleur wird auf den Gehsteig gedrängt, wo an Buswartehäuschen Leute stehen, die ihm was husten. Über die Josephinen- und Ludwigshöher Straße auszuweichen, ist höchstens eine theoretische Alternative. Denn beide verfügen über keine Radspuren, dafür sind sie in einer Weise zugeparkt, dass Verkehrsteilnehmern jede Übersicht genommen wird. Kenner der Örtlichkeiten nutzen auf dem Weg von Solln ins Zentrum einen Pfad westlich der S-Bahn-Trasse. Doch der versinkt bei Regen rasch im Matsch. Alois Englmair schlägt deshalb vor, den Weg bis zur Siemensallee wenigstens mit Kies aufzuschütten, damit Radler die belebte Wolfratshauser Straße meiden können.

Häufig beklagt wird der Zustand des Radwegs an der gleichfalls turbulenten Boschetsrieder Straße. Der sei viel zu schmal, oft durch Lieferwagen, Passanten und Falschparker blockiert, und vor spontan aufspringenden Autotüren sei man hier ebenfalls nie sicher. Die Lokalpolitiker des Bezirksausschusses haben genau diese Mängel wiederholt zur Sprache gebracht. Doch auf der Prioritätenliste der städtischen Verkehrspolitik ist das Thema offenbar nie angekommen.

Seit dem 1. Mai hat die Stadt einen offiziellen Radlbeauftragten, Florian Paul. Der weiß schon jetzt vor lauter Gefahrenzonen kaum noch, wo ihm der Kopf steht. Denn im Radlnetz lauern durchaus noch größere Lücken als diejenigen in Obersendling oder Solln. Die Rosenheimer Straße, die Gegend um den Hauptbahnhof, die Garmischer Straße, die Werinherstraße beispielsweise sind solche Brennpunkte. Und dann wäre natürlich der Winterdienst zu optimieren, was die ungeteilte Zustimmung auch der SZ-Leser finden würde. Bei einer Umfrage des Fahrradvereins ADFC zum Thema hatten unlängst 62 Prozent von tausend Teilnehmern angegeben, der Winterdienst für Radler sei "schlecht".

Sicherheitsbedenken sind für Radler in München ständige Begleiter. Sie quälen alle, die im Sattel sitzen, besonders intensiv in dunklen Unterführungen. Wo die Eichhornallee die Garmischer Autobahn unterquert, soll es mit am schlimmsten sein. Die Unfallgefahr wächst ansonsten dort rapide, wo nicht dafür gesorgt wird, dass sich die Autofahrer an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, vor allem in Tempo-30-Zonen. Bei den Verkehrsunfällen in München war im vergangenen Jahr jeder zweite Schwerverletzte ein Radfahrer. Diese Statistik lenkt den Blick unweigerlich auf die Straßenkreuzungen, an denen Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen immer wieder schwächere Verkehrsteilnehmer übersehen und überrollen. An der Ecke Aidenbachstraße/Siemensallee, aber bei weitem nicht nur dort, lässt sich gut studieren, wie schnell sich solche Unfälle entwickeln können.

Birgit Oswald, eine Vielradlerin aus Harlaching, versteht die zögerliche Haltung der Stadt bei der Privilegierung des Radverkehrs allein schon deshalb nicht, weil es für sie durchaus positive Beispiele gibt, die man an anderen Stellen in München eigentlich nur kopieren müsste. Sie nennt in diesem Zusammenhang die Isar-Parallele auf der östlichen Flussseite zwischen Marienklause und dem Deutschen Museum. Wenn sich dort nicht gerade Radlrambos austoben, sei dies geradezu eine Paradepiste zukunftstauglicher Verkehrspolitik, findet Oswald. Dem Radweg entlang der Naupliastraße würde sie dieses Prädikat eher nicht verleihen. Zu viele Blockaden durch Lieferwagen und andere. Siehe Boschetsrieder Straße.

Im Süden von München gibt es nach Ansicht unzähliger Radler einen weiteren Vorzeigeradweg. Er verläuft auf der ehemaligen Isartalbahn-Trasse zwischen der Stadtgrenze bei Großhesselohe und der Thalkirchner Brücke. Also, geht doch. Der Anspruch, Radlhauptstadt zu sein, muss nicht zwangsläufig ein bloßer Marketinggag bleiben.

© SZ vom 10.06.2017
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