SZ Gute WerkeEr lag im Koma und musste danach alles neu lernen

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Tagelang lag Martin K. im künstlichen Koma (Symbolbild).
Tagelang lag Martin K. im künstlichen Koma (Symbolbild). (Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Nachdem Martin K. von einer Treppe gestürzt war, konnte er nicht mehr sprechen und laufen. Er fing sein Leben noch einmal von vorn an – und das war alles andere als einfach.

Von Sebastian Strauß

Als er zum zweiten Mal in seinem Leben sprechen lernte, ist er 36 Jahre alt. Ein Sturz von einer Treppe hatte sein Leben innerhalb weniger Sekunden für immer verändert. Tagelang lag er im künstlichen Koma. „Ich musste alles neu lernen“, sagt Martin K. (Name von der Redaktion geändert). Gehen, sprechen, selbst einfache Bewegungsabläufe. Bis heute hört er auf dem rechten Ohr kaum noch etwas. Töne kann er nur schwer einordnen.

Am meisten aber, sagt er am Telefon, habe er gefürchtet, nie wieder zeichnen zu können. Schon als Kind verbrachte K. Stunden damit, Figuren zu skizzieren. Während andere draußen spielten, saß er am Schreibtisch und malte. Das Zeichnen, das sei schon immer sein Rückzugsort gewesen, sagt der 51-Jährige. Wenn ihm alles zu viel wird, greift er zum Stift. „Dabei kann ich abschalten.“

Dass er künstlerisch begabt ist, merkte K. schon früh. Nach der Schule entschied er sich für eine Ausbildung zum Kommunikationsdesigner. Es folgten Jahre in Agenturen, freiberufliche Projekte, später auch die Position als Art Director. „Ich hatte Ideen und wollte sie umsetzen“, sagt er. Doch kreative Berufe sind selten berechenbar: Viele Aufträge kamen aus dem Bekanntenkreis, bezahlt wurde nicht immer zuverlässig.

Um seine Miete zahlen zu können, begann er, abends in der Gastronomie zu arbeiten. Doch was als Nebenjob begann, wurde bald zu seinem zweiten Zuhause. „Es war laut, es war lustig und ich war mittendrin“, sagt er. Die Abende dauerten länger, das Trinken wurde selbstverständlicher. „Ich bin da hineingerutscht.“ Die Arbeit, der Druck, dazu der Alkohol. Das sei ein Kreislauf gewesen, der sich immer schneller drehte. Irgendwann habe er gemerkt, „dass das so nicht weitergeht“, sagt Martin K. Er schloss sich den Anonymen Alkoholikern an und entschied sich für einen Entzug.

Wer Martin K. oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.

Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck am Marienplatz, Eingang Dienerstraße, 1. OG, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

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Spenden sind steuerlich abzugsfähig; bis zu einem Betrag in Höhe von 300 Euro reicht der vereinfachte Nachweis. Bei Spenden in Höhe von mehr als 300 Euro senden wir Ihnen die Spendenbestätigung zu, sofern auf der Überweisung der Absender vollständig angegeben ist.

Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag.

Die Freunde von damals feierten weiter, er nicht mehr. Heute trinkt Martin K. gar keinen Alkohol mehr. Von seinen früheren Weggefährten hat er sich getrennt. Geblieben aber sind die Folgen: Rechnungen, Briefe, Mahnungen. Irgendwann waren es Forderungen von etwa 20 000 Euro. Geld, das er nicht hatte. Es folgte die Privatinsolvenz. Drei Jahre dauerte die Phase, in der jeder Euro dokumentiert, jeder Kauf überlegt sein musste. Seit ein paar Wochen ist er schuldenfrei.

Der Sturz, die Sucht, die Schulden: All das hat Spuren hinterlassen. Und doch hat Martin K. nie aufgehört, sich weiterzubilden, „am Ball zu bleiben“, wie er sagt. Seit April dieses Jahres ist er bei einem Programm der Stadt angebunden, das Menschen mit gesundheitlichen oder sozialen Einschränkungen beim Wiedereinstieg in die Arbeitswelt unterstützt. Seit September arbeitet er im Printbereich der Stadt München, 15 Stunden pro Woche. Ein Anfang, mehr nicht.

Sein Ziel ist klar: wieder als Grafikdesigner arbeiten, in Teilzeit oder Vollzeit. Die Ideen hat er, die Erfahrung auch. Doch Martin K. weiß, dass er mit seiner Biografie nicht einfach dort weitermachen kann, wo er einmal war. Die Branche hat sich verändert, Programme sind komplexer geworden. Für einen echten Neustart müsste er die Software neu erlernen, üben, sich fortbilden. Doch die Programme sind teuer. Gerne würde er sich die neueste Software anschaffen und endlich wieder arbeiten.

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