Wie ein Schwarm Zugvögel, so erscheint ein Symphonieorchester an einem geglückten Konzertabend: Viele Individuen – und doch fliegen sie zusammen in eine Richtung. Symphoniekonzerte sind mehr als schöne Musik, sie zeigen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie gemeinsam an einer Sache wirken. Dafür steht auch das Spendenhilfswerk der Süddeutschen Zeitung, der Verein SZ Gute Werke. Seit 1948 unterstützt er bedürftige Menschen in München und im Umland. Einen Partner hat der Verein im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO), das seit 2009 mit einem jährlichen Benefizkonzert Geld für das Hilfswerk sammelt.
Sir Simon Rattle tritt mit einem Lächeln auf. Das tut er meistens, aber heute wirkt es noch ein wenig wärmer als sonst. Dynamisch gibt er den Einsatz zu Robert Schumanns zweiter Symphonie. Die Einleitung, oft eher vergrübelt, bekommt hier von Anfang an eine optimistische Färbung. Wenn das Orchester dann im Allegro ankommt, ist kein Halten mehr: Brausende Streicher, präzis artikulierte Holzbläser und strahlendes Blech. Das BRSO zeigt sich von seiner besten Seite, auch weil seinem Chef viel an diesem Abend liegt.

Einen großen Teil seiner Energie wendet Simon Rattle für soziale Projekte auf, vor allem für solche, die der Vermittlung von Musik dienen. Die von seinem Vorgänger Mariss Jansons begründete Reihe der Benefizkonzerte fortzusetzen, versteht sich für ihn deshalb von selbst. Schließlich kommt der Erlös dieser Konzerte der Aktion „Musik für alle Kinder“ zugute. Mit dem Geld können Familien, die nur über ein knappes Einkommen verfügen, ihren Kindern den Musikunterricht bezahlen oder ein Instrument finanzieren.
„Musik kann uns helfen, bessere Menschen zu werden“, zitiert Sandra Geisler, Geschäftsführerin von SZ Gute Werke, in ihrer Begrüßung Simon Rattle. In einem Interview mit der SZ zum 75. Jubiläum des Spendenhilfswerks, hatte der BRSO-Chef über die verbindende Kraft der Musik gesprochen. Außerdem darüber, wie ein Benefizkonzert den Normalbetrieb des Konzertkalenders auflockert, weil es etwas Größeres berührt als den Musikgenuss. Das belebt auch den zweiten Schumann-Satz, ein rasantes Perpetuum Mobile, das Rattle mit motorischer Energie vorantreibt bis zu einem überschäumenden Schluss-Sprint. „Krass“, hört man eine Zuhörerin flüstern.

Herzstück der Symphonie bleibt das Adagio, das bei Rattle zu einer schimmernden, ausdrucksvollen Klang-Meditation wird. Flott führt er dann durchs Finale, setzt markante Akzente, indem er mit dem Zeigefinger der linken Hand auf Einzelne deutet, als wolle er sagen „Jetzt kommt es besonders auf dich an!“. Als nach leuchtendem C-Dur der Applaus anschwillt, geht Rattle durchs Orchester, bedankt sich bei den Holzbläsern – eine Geste der Wertschätzung für diese Interpretation aus dem Geist des Gemeinschaftlichen.
In den vergangenen Jahren hat sich das BRSO zum Benefizkonzert gerne Gäste auf die Bühne geholt, zum Beispiel die Weltgeigerin Veronika Eberle oder den Pianisten und Chopin-Preisträger Seong-Jin Cho. Dieses Jahr sprechen die Orchesterwerke für sich, nicht nur als Beiträge zur Gattung der Symphonie. Auch als wichtige Schritte in den Biografien ihrer Komponisten, die damit persönliche Nöte überwanden: „Wirklich wurde ich auch nach Beendigung des ganzen Werkes wieder wohler. Sonst aber, wie gesagt, erinnert sie mich an eine dunkle Zeit“, schrieb Schumann in einem Brief. Und auch Anton Bruckners siebte Symphonie markiert einen Wendepunkt. Mit der erfolgreichen Münchner Premiere 1885 begann sein später internationaler Ruhm.
„Bruckner komponiert wie ein Betrunkener“, lästerte noch ein Wiener Kritiker dieser Zeit. Das Publikum störte sich nicht daran. Genauso wenig das Publikum von heute, das die lichtdurchflutete Aufführung in der Isarphilharmonie feiert. Gebannt verfolgt es, wie Rattle in fließendem Tempo die weit gespannten Phrasen des Kopfsatzes entwickelt. Den emotionalen Höhepunkt erreicht man auch hier im langsamen Satz. Vielleicht hat Rattle einen Blick in Bruckners Handschrift mit den übergroßen Akzent-Keilen und dicken Betonungs-Strichen geworfen. Jeder Note verleiht er Gewicht, ohne dabei das Große, Ganze aus dem Blick zu verlieren. Dass nach dem bewegenden Satz ein Mann vom Balkon „Bravo“ in den sonst applauslosen Raum ruft, ist verständlich.
Der Kontrast folgt: Im Scherzo macht das BRSO stampfende, rastlos kreisende Musik aus dem Zeitalter der Industrialisierung. Das Finale der Siebten schließlich gehört zu Bruckners kürzesten Schluss-Sätzen. An positiver Energie ist es allerdings kaum zu übertreffen. Rattle und das BRSO präsentieren es als sorgfältig geplante Steigerung, mit vitalem rhythmischen Drive und abschließendem Jubel.

Auf den Schlussakkord folgen Sekunden gespannter Stille. Das Staunen über eine umwerfende Aufführung lähmt für einen Augenblick. Das Staunen ebenso darüber, dass Menschen – wie die journalistische Berichterstattung Tag für Tag offenlegt – zum Schlimmsten fähig sind, aber auch Momente unwirklicher Schönheit schaffen können. Musik könne uns helfen, bessere Menschen zu werden, sagt Simon Rattle. Konzerte wie dieses ermöglichen, an den Satz zu glauben. Schon deshalb lohnt es sich, anderen die Chance zu geben, selbst am Wunder Musik teilzuhaben. Bravo-Sturm und Ovationen für einen besonderen Konzertabend.
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