Es sei wie ein Blick durch dickes Milchglas, sagt Hans-Peter R. Seine Umgebung nehme er nur noch schemenhaft wahr, dunkle und helle Flecken bestimmen seinen Alltag. Er sitzt am Küchentisch, die Hände um die Kaffeetasse gelegt.
Der 72-Jährige lebt allein in seiner Wohnung im Münchner Nordwesten. Weiter als ein paar Straßenzüge wagt er sich kaum noch von zu Hause weg. „Zu hohes Risiko“, sagt er. Er könnte sich verlaufen oder stürzen. Beides sei in der Vergangenheit schon vorgekommen. Mit den Fingern fährt er über eine schmale Narbe an seiner Stirn, eine Erinnerung an den letzten Sturz.
„Ich sehe fast nichts mehr“, sagt er. Eine chronische Erkrankung hat ihm fast die gesamte Sehkraft genommen. Das Schlimmste daran sei, dass er nicht mehr lesen und schreiben könne. Dabei bestimmte genau das jahrzehntelang sein Leben. Hans-Peter R. (Name von der Redaktion geändert) ist gelernter Schriftsetzer und arbeitete in den Siebzigerjahren auch für die Süddeutsche Zeitung. Später wurde er Reporter, schrieb für verschiedene lokale Zeitungen, gab sogar ein eigenes kleines Blatt heraus.
Wer Hans-Peter R. aus dieser Geschichte oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.
Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1. OG, Marienplatz 11, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:
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Den Küchentisch hat er weihnachtlich dekoriert: eine goldene Schale mit Orangen und ein paar Plätzchen, daneben eine Kerze und eine kleine Holzfigur mit eingeschnitzter Maria mit Jesuskind. Einmal pro Woche besucht ihn sein Sohn, hilft beim Einkaufen, bei der Post, „beim Leben“, wie R. sagt. Er hat ihm auch das Handy so eingerichtet, dass sein Vater Anrufe annehmen und sich Texte vorlesen lassen kann.
Und das Lesen und Schreiben sei ja nur das eine, das Motorradfahren das andere. Jahrzehntelang fuhr Hans-Peter R. Motorrad, manchmal einfach los, bis ans Meer nach Südfrankreich. Der Enthusiast eröffnete ein eigenes Motorradgeschäft. Doch nach der Trennung von seiner zweiten Frau ging es insolvent.
Also begann er noch einmal von vorn: In den Neunzigerjahren wanderte er nach Teneriffa aus, betrieb dort mehrere Jahre lang ein kleines Restaurant und heiratete erneut. „Dort habe ich mich wohlgefühlt“, sagt er. Vielleicht wäre er geblieben. Doch als beide Eltern schwer erkrankten, kehrte er zurück nach Deutschland.
Kurz darauf traf es ihn selbst: erst ein Schlaganfall, dann ein Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule, dazu seine chronische Augenerkrankung. Sein Leben in ständiger Bewegung – plötzlich war es vorbei. Arbeiten konnte er nicht mehr. Heute lebt er von einer kleinen Rente und erhält Grundsicherung.
Im vergangenen Jahr starb seine getrennt lebende Ehefrau. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr zusammenlebten, blieb er ihr verbunden. „Am Ende war ich bei ihr“, sagt er und nippt an seinem Kaffee. Weil sie kaum Ersparnisse hatte und sonst niemand zahlen konnte, übernahm er die Kosten für die Bestattung. Dafür lieh er sich Geld von Freunden und Bekannten. Ein Schritt, der ihn in die finanzielle Not stürzte.
Die plötzlich aufgelaufenen Ausgaben waren so hoch, dass er seine Miete und den Strom nicht mehr bezahlen konnte. Seit Monaten versucht er, alles wieder in Ordnung zu bringen, doch was am Monatsende übrig bleibt, reicht kaum fürs Leben. Einige seiner Bekannten fordern das geliehene Geld nun zurück. Doch beides gleichzeitig, seine Schulden und die Miete, kann er nicht zahlen. Inzwischen wurde ihm seine Wohnung gekündigt. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt er.


