Felle, überall Felle. In der kleinen Wohnung von Michaela W. ist praktisch jede Fläche, mit der die Frau direkt in Berührung kommt, mit einem Kunstfell bedeckt. Arm- und Rückenlehnen, Sitzflächen, der Schreibtisch. Sie helfen, dass die 46-Jährige aus Germering weniger Schmerzen hat und nicht so stark friert. Kleidung muss bequem sein, darf nicht drücken oder reiben. Michaela W. (Name geändert), die dunkelrot gefärbten Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, leidet an Fibromyalgie, seitdem sie 18 Jahre alt ist. Die Ursache dieser Krankheit aus dem rheumatischen Formenkreis ist unbekannt, eine Heilung gibt es nicht, nur eine Linderung der Symptome. Was man aber weiß: Durch Stress verschlimmern sich Schmerzen und Erschöpfung.
Michaela W. sollte möglichst viel schwimmen. Sport ist wichtig, damit sie nicht zunimmt, und im Wasser hat sie keine Schmerzen. Doch die Jahreskarte fürs Germeringer Schwimmbad ist für sie unerschwinglich. Zu Hause hat sie mit ihrer Küche Probleme. Vom Herd funktionieren nur die Kochplatten einigermaßen, das Backrohr bleibt entweder lauwarm oder wird viel zu heiß. Die Spülmaschine säubert das Geschirr sehr unzuverlässig. Der Wasserhahn an der Spüle ist so schwergängig, dass Michaela W. ihn nur unter Schmerzen bedienen kann, das gilt ebenso für die Griffe der Schränke.
Michaela W. schien auf einem guten Weg zu sein, war eine Zeit lang sehr erfolgreich im Beruf. Trotz der Krankheit studierte sie Kunst, bekam eine richtig gute Arbeitsstelle im Ausland. „Ich habe Spiele designt, 3-D-Charaktere, von der künstlerischen Seite her. Und habe gedacht, jetzt habe ich’s geschafft.“ Doch die Arbeitsatmosphäre war herausfordernd und leistungsorientiert. „Ich bin immer öfter über meine Grenzen gegangen, habe bis zu 80 Stunden pro Woche gearbeitet.“
So kam der Crash. Sie zog zurück zur Mutter, half der ein wenig im Büro, aber auch das ging nicht gut. Zwei Jahre sei sie krankgeschrieben gewesen, es folgte eine Reha, aber richtig belastbar sei sie nicht geworden, erzählt sie. Seit sie 35 ist, ist W. arbeitsunfähig, lebt von einer Berufsunfähigkeitsrente von nicht einmal 150 Euro und der Grundsicherung. Sie ist zu 60 Prozent schwerbehindert.
Wer Michaela W. oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.
Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck am Marienplatz, Eingang Dienerstraße, 1. OG, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:
SZ Gute Werke e. V.
HypoVereinsbank
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Spenden sind steuerlich abzugsfähig; bis zu einem Betrag in Höhe von 300 Euro reicht der vereinfachte Nachweis. Bei Spenden in Höhe von mehr als 300 Euro senden wir Ihnen die Spendenbestätigung zu, sofern auf der Überweisung der Absender vollständig angegeben ist.
Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag.
Ihr emotionaler Halt sind zwei Katzen. Ihre Fenster zur Welt: ein großer Fernseher, ein Geschenk ihrer Eltern und Geschwister, und ihr Computer, der ihr geblieben ist aus der Zeit als erfolgreiche Spieleentwicklerin. Manchmal zeichnet sie mit einem Stift, der in einer speziellen Halterung steckt, manchmal am Computer. Wenn sie anderen live beim Gaming zuschaut, fühlt sie sich mit der Welt draußen verbunden und nicht ganz so allein. „Spielen füttert die Seele“, sagt sie. Immer schon habe sie es geliebt, in andere Rollen zu schlüpfen.
Oft lasse die Krankheit nicht zu, dass sie die Wohnung verlässt. „An schlechten Tagen sind schon 500 Meter zu Fuß eine Überforderung. Es fühlt sich an, als würde ich über Glasscherben laufen. Auch Stehen ist sehr schmerzhaft.“ Zur Tafel gehen, um Lebensmittel zu holen, sei oft zu schwer. Ihr Geschenk zum 40. Geburtstag: ein Rollator. Auf den könne sie sich setzen, wenn sie etwa im Supermarkt an der Kasse warten muss. Doch eine junge Frau mit Rollator erfährt oft Unverständnis. „Fibromyalgie ist eine fürchterliche Krankheit, weil man sie nicht sieht“, sagt Michaela W. Kommunikation sei wichtig – aber auch anstrengend.
An guten Tagen könne sie ohne Hilfsmittel aus dem Haus. Ihren gesamten Alltag hat Michaela W. auf die Fibromyalgie abgestimmt. Momentan gehe es ihr nicht so gut, sagt sie: „Aufstehen, duschen, anziehen – da bin ich schon erschöpft.“ Sie müsse sich dann überlegen, ob sie lieber die Wäsche machen oder mit einem Freund reden wolle. Überhaupt: 90 Prozent ihrer Energie gehe für den Haushalt drauf. Michaela W.s Freundeskreis ist deshalb sehr klein. „Man muss die richtigen Menschen finden, die das verstehen.“
Denn als wären Schmerzen und Erschöpfung nicht genug – ihr Nervensystem ist sehr empfindlich, viele Reize überfordern es schnell. Michaela W. ist eine freundliche, sehr offene Person, hadert nicht mit ihrem Schicksal. „Ich bin dankbar für das, was ich habe.“ Die eigene Wohnung, die beiden Katzen, Menschen, die ihr helfen. Wenn ihre Krankheit es zulässt, hilft sie beim Germeringer Sozialdienst mit, ein paar Stunden, so viel eben möglich ist, im Büro oder in der Kleiderkammer. Auch dafür ist sie dankbar. Dort sei ihre Krankheit bekannt, und das sei gut so. „Sie immer zu verstecken, ist schon sehr anstrengend.“

