SZ Gute WerkeWas es bedeuten kann, zu früh geboren zu sein

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Zu früh geborene Kinder müssen oft die ersten Lebenswochen in einem Inkubator verbringen.
Zu früh geborene Kinder müssen oft die ersten Lebenswochen in einem Inkubator verbringen. (Foto: Guido Kirchner/dpa)

Die Schwangerschaft einer jungen Frau verlief problemlos, bis sie mit Schmerzen in die Klinik fährt. Wegen einer Infektion kommen ihre Zwillinge viel zu früh auf die Welt. Was die alleinerziehende Mutter seitdem bewältigen muss.

Von Sabine Buchwald

Alles ist gut, dachte sie. Die Kleinen sind gesund. Das hörte sie bei allen Routineuntersuchungen, zu denen sie regelmäßig ging. Ihr Bauch wuchs, wenn auch ein bisschen mehr als bei anderen Mamas. Kein Wunder, sie erwartete schließlich Zwillinge. Ein Mädchen und einen Jungen. Sie mag Kinder, hat Erzieherin gelernt, leitete zuletzt eine Einrichtung. Um eine Infektion, etwa mit einer ansteckenden Kinderkrankheit zu vermeiden, wurde sie freigestellt. Auch das ist ganz normal in diesem Beruf. Sie genoss die ungewohnte Freizeit und ihre Schwangerschaft.

Alles war gut, bis zu jenem Tag Ende August 2020, als sie mit einem starken Ziehen in Bauch und Rücken in ein Münchner Krankenhaus kam. Die junge Frau spürte Schmerzen, die sie bis dahin nicht kannte. Die Wehen hatten eingesetzt, erfuhr sie in der Klinik. Ihr Körper wollte aufgrund einer Infektion die Kinder nicht mehr länger behalten. Die Ärzte der Neonatologie waren in Alarmbereitschaft und bereiteten die Notgeburt und zwei Inkubatoren vor. Die Zwillinge Liam und Malou kamen in der 26. Schwangerschaftswoche zur Welt. Seitdem ist in Michaelas Leben nichts mehr so wie zuvor.

Deutschlandweit werden etwa acht bis zehn Prozent aller Kinder vor der 40. Schwangerschaftswoche geboren. Aber nicht alle haben es so eilig wie Liam und Malou, die als „frühe“ Frühchen gelten. „In der Neonatologie des LMU-Klinikums werden Frühgeborene von der Grenze der Lebensfähigkeit, also etwa von der beginnenden 23. Schwangerschaftswoche an betreut“, erklärt Professor Andreas W. Flemmer, Leiter der Neonatologie des Haunerschen Kinderspital in der Innenstadt und des LMU-Klinikums in Großhadern. Gegenwärtig würden in München wie im ganzen Bundesgebiet sieben bis neun von 100 Neugeborenen vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren, präzisiert er die Zahlen. Aber nur eines von 100 Kindern sei ein sehr kleines Frühgeborenes. Dazu zählen Kinder, deren Geburtsgewicht unter 1500 Gramm liege. Das leichteste bisher in Flemmers Zuständigkeitsbereich behandelte Kind wog 300 Gramm. Malou brachte 640 Gramm auf die Waage, ihr Bruder 690. Beide wogen also nicht viel mehr als eine Packung Zucker.

Ob die beiden überleben würden, war nach der Geburt nicht klar. Das erfahrene Ärzte- und Pflegeteam kämpfte um das Leben der Babys. Dennoch rechnete Michaela mit dem Schlimmsten, deshalb wurden die beiden wenige Tage nach ihrer Geburt im Krankenhaus getauft. Das Mädchen hatte ein Loch im Herzen und wegen der künstlichen Beatmung Probleme mit der Lunge.  Liam hatte kurz nach der Geburt eine beidseitige Hirnblutung bekommen. Wie genau sich das auf seine Entwicklung auswirken würde, konnte der Mutter niemand sagen. Sechs Wochen war sie damals Tag und Nacht bei ihren Kindern in der Klinik. Sie ist heute noch glücklich darüber, dass sie sie mit Muttermilch (über eine Sonde) versorgen konnte. Der Vater hatte sich damals schon von der Familie entfernt, zeigte kein Interesse an seinen Kindern. „Es war eine extrem schwierige Zeit“, sagt Michaela. „Ich habe nur funktioniert.“

Wer Michaela oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.

Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck am Marienplatz, Eingang Dienerstraße, 1. OG, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

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Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag.

Sie funktioniert bis heute. Ihre eigenen Bedürfnisse stellt die 37-Jährige komplett hinter die inzwischen Fünfjährigen und versucht, das Bestmögliche für die beiden zu erreichen. Sie ist überzeugt, dass man sie fördern muss, solange sie noch offen für Therapien sind und alles mitmachen. Michaela möchte nichts verpassen und sich später keine Vorwürfe machen müssen. Die Kinder bekommen Physio-, Ergo- und Logotherapie, auch reiten dürfen sie unter therapeutischer Aufsicht. Viel Zeit verwendet Michaela, finanzielle Förderung dafür zu bekommen. Seitdem sie gehört hat, wie positiv sich eine Delfintherapie auf das Befinden von kranken Kindern auswirken kann, träumt sie von einer Reise nach Curacao. Voller Hoffnung hat sie dafür eine Spendenkampagne gestartet. Sie möchte nichts unversucht lassen.

Sie selbst liest ihren Kindern viel vor. Als Erzieherin weiß sie, wie wichtig das für die Sprachentwicklung ist. Und tatsächlich erlebt man Liam und Malou als aufgeweckte, freundliche Kinder mit einem großen Wortschatz. Michaela macht ihnen auch Gymnastikübungen vor. Therapeuten haben ihr vorgeschlagen, eine größere sogenannte Galileo-Platte für zu Hause zu besorgen. Deren Vibration würde die Muskulatur stärken, auch ihre eigene. Aber die kann sie sich nicht leisten. Überhaupt ist das Geld knapp für alles, was über den täglichen Bedarf hinaus reicht. Gerne würde sie auf das Auto verzichten, aber es hilft ihr sehr, Liam und Malou in die Kita zu bringen und auch die vielen Arzttermine zu bewältigen. Weil sie alleinerziehend ist, muss sie in der Regel beide Kinder mitnehmen.

Ein zu früh geborenes Kind im Inkubator.
Ein zu früh geborenes Kind im Inkubator. (Foto: Waltraud Grubitzsch)

Manchmal hört die Mutter: „Du kannst doch wieder halbtags arbeiten gehen.“ Das würde sie gerne, vor allem aber Liam ist häufig krank. Michaela fragt sich, wie sich das künftig mit einem Job vereinbaren lässt? In Liams Kopf wird zu viel Flüssigkeit produziert, die auf das Gehirn drückt. Mithilfe eines implantierten VP-Shunts wird das Hirnwasser in seinen Bauch abgeleitet. Das Ventil funktioniere nicht immer korrekt, erzählt Michaela. Dann habe er Kopfschmerzen und könne nachts nicht schlafen. Auch die Mutter macht in solchen Nächten kein Auge zu. Und Malou, der es eigentlich besser geht, die oft im Schatten ihres Bruders steht, möchte dann auch Aufmerksamkeit.

Die Beinmuskulatur von Liam ist verkürzt, weshalb er nur mühsam mit Orthesen laufen kann. In der Kita bewegt er sich im Rollstuhl, zu Hause zieht er sich mit den Armen übers Parkett. Noch ist er blitzschnell dort, wo er hin möchte. Um an die frische Luft, zum Kinderwagen oder zum Auto zu kommen, muss Michaela ihn tragen. Wie lange sie das noch schafft, weiß sie nicht. Vor Jahren hatte sie bereits einen Bandscheibenvorfall. Sie sollte ihren eigenen Rücken stärken und ins Fitnessstudio gehen. Überhaupt mal etwas für sich selbst tun, um bei Kräften zu bleiben.

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