SZ Gute Werke„Die in der Not sind, schreien nicht“

Lesezeit: 3 Min.

Der scheidende Vorsitzende von SZ Gute Werke, Karl Ulrich, hier im Gespräch mit der geschäftsführenden Vorständin Sandra Geisler.
Der scheidende Vorsitzende von SZ Gute Werke, Karl Ulrich, hier im Gespräch mit der geschäftsführenden Vorständin Sandra Geisler.
Julius Schien
  • Karl Ulrich gibt nach 17 Jahren als Vorsitzender von SZ Gute Werke sein Amt auf und blickt auf bewegende Schicksale zurück.
  • Jeder Sechste lebt in München an der Schwelle zu Armut, wobei die Anzahl der Bedürftigen stetig zunimmt.
  • Die Spenden der SZ-Leser haben sich über die Jahre kontinuierlich und steigend entwickelt, trotz wachsender Konkurrenz um Spendengelder.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Nach 17 Jahren als erster Vorsitzender von SZ Gute Werke, dem Spendenhilfswerk der Süddeutschen Zeitung, gibt Karl Ulrich sein Amt auf. Im Interview erinnert er sich an bewegende Schicksale und blickt darauf zurück, wie sich Armut in München verändert hat.

Interview von Karin Kampwerth

SZ bei Google bevorzugen

SZ: Herr Ulrich, jeder Sechste lebt in München an der Schwelle zu Armut. Darf sich eine so reiche Stadt das erlauben?

Karl Ulrich: Die einfache Antwort lautet: natürlich nicht! Aber ein bisschen komplizierter ist es mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung schon: Die Schere zwischen wohlhabend und arm scheint immer weiter aufzugehen. Persönliche Einstellungen werden mitunter ignoranter, der Ton wird rauer. Wenn überhaupt jemand, werden die Lauten gehört. Zugleich gilt fast die Regel: Die in der Not, die in einer anhaltenden Notlage sind, schreien nicht. Um die muss es uns gehen, auch und erst recht als Stadtgesellschaft. Und da bin ich zuversichtlich: Denn diejenigen, denen die zunehmende Existenz von Notlagen vor unserer eigenen Haustür bewusst ist, die sich engagieren und einsetzen wollen und dies auch tun, sind aktiv und werden eher mehr.

Was bedeutet das konkret?

Die Anzahl an Leuten, Vereinen und Initiativen, die sich um Menschen in Notsituationen kümmern, die die sozial Aussortierten – klingt hart, ist so – zurück ins Leben, mit Wohnung, Essens- und Gesundheitsversorgung, Ausbildung und Arbeit bringen, hat in den vergangenen Dekaden zugenommen. Auch dort, wo die staatlichen Institutionen sich über Budgetkürzungen schleichend zurückziehen oder schlicht mit ihren Budgets der wachsenden Problemlagen nicht mehr Herr werden. Nehmen Sie beispielsweise das Sozialreferat der Stadt München, mit dem wir seit vielen Jahren sehr gut zusammenarbeiten. Auch die machen extrem viel aus ihren Möglichkeiten und unser Hilfswerk erreicht gerade in unserer guten Zusammenarbeit sichtbare Verbesserungen.

Sie haben den Verein seit 17 Jahren als Vorsitzender geleitet. Gibt es Hilferufe, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Immer wieder: Ältere Menschen, die aus Scham ihre Not verstecken und deren Hilferuf nicht von ihnen selbst kommt, sondern von aufmerksamen Nachbarn und Leuten aus ihrem Umfeld. Leider auch kein Einzelfall: Kinder, die in Verwahrlosung aufwachsen müssen. Ältere Geschwister, die ihre jüngeren Geschwister in der Spur halten und auf die wir durch Hinweise und Anlaufstellen aufmerksam werden. „Frühstück für alle Kinder“ ist hier nur eines unserer Programme. Ich erinnere mich auch an eine geflüchtete Familie mit zwei Töchtern, die eine Odyssee durch mehrere Länder hinter sich hatte, bei Ankunft hier unsere Sprache nicht verstehen konnte und traumatisiert so gut wie gar keine Sprache hatte. Auch diese Menschen finden, mit Hürden, zurück in ein würdiges Leben, das hoffentlich auch bald ein erfülltes Leben sein wird. Die Erfüllung besteht darin, direkt zu erleben, wie sich Notlagen lindern lassen und persönliche Schicksale zum Besseren wenden.

Per Paypal oder per Lastschriftverfahren unter sz-gutewerke.de/spenden. Mit einer Überweisung an SZ Gute Werke e.V., HypoVereinsbank, IBAN DE 04 7002 0270 0000 0822 28, BIC HYVEDEMMXXX.

Spenden können Sie auch im SZ-Servicepunkt im Kaufhaus Ludwig Beck, Marienplatz 11, Eingang Dienerstraße, 1. Obergeschoss. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Spenden an SZ Gute Werke sind steuerlich absetzbar. Jede Spende wird in vollem Umfang dem guten Zweck zugeführt. Alle Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag. Sachspenden können aus organisatorischen Gründen nicht entgegengenommen werden.

Vom Adventskalender für Gute Werke zu SZ Gute Werke: Hat sich der Bedarf beziehungsweise die Bedürftigkeit von Menschen während Ihrer Zeit als Vorsitzender des Hilfswerks verändert?

Die Bedürftigkeit selbst im Großen und Ganzen nicht, aber ihr schierer Umfang: Immer mehr Leute geraten in Notlagen. Was erfreulich stabil ist, sind unsere spendenden Leserinnen und Leser. Sie sind interessiert, aufgeschlossen und treu, sie wollen wissen, wo die Hilfe hingeht und wie sie wirkt. Das war schon 2008 und vielleicht lange davor so. Wenn ich schon zum Vergleichen angestiftet werde: Es gab und gibt leider immer wieder „Großereignisse der Not“, etwa Folgen von Vertreibung, Flucht und Kriegen, oder denken Sie an den Tsunami. Für mich unerwartet und beachtlich ist, dass sich gleichsam im Wettbewerb der Spendenthemen über die vielen Jahre die Spenden unserer Leserinnen und Leser kontinuierlich und steigend entwickelt haben.

Ihr Engagement für SZ Gute Werke ist ein Ehrenamt. Welche Erfahrung aus der Kenntnis von Armut nehmen Sie mit in den Arbeitsalltag?

Bevor ich dazugekommen war, dachte ich immer, privat kenne ich Leute aus den verschiedensten sozialen Schichten und kulturellen Hintergründen. Aber mit SZ Gute Werke hat sich meine Einstellung nochmal deutlich geändert: Was ist wirklich wichtig, jetzt im Moment, worauf soll ich besonders achten, worauf kommt es an? Und: Es gibt keine kleinen Dinge. Unsere Leserinnen und Leser werden mit unserem Hilfswerk noch viel Gutes bewirken. Und den Geist von SZ Gute Werke zieht man ja nicht wie einen Pullover aus. Ich wünsche den Guten Werken weiterhin bestes Gelingen. Mir selbst wird darüber hinaus, wenn es ums Helfen geht, auch noch was einfallen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Transparenz-Blog
:SZ Gute Werke - So funktioniert das SZ Hilfswerk

Wie die SZ-Leserinnen und -Leser Bedürftige in München und Umgebung durch SZ Gute Werke e.V. unterstützen können.

Sandra Geisler, Geschäftsführende Vorständin von SZ Gute Werke e.V.

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: