SZ Gute WerkeDie Schocknachricht im Briefkasten

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Wer soll das bezahlen? Familie A. muss ohnehin mit wenig Geld auskommen. Jede unvorhergesehene Ausgabe wird da zum Problem.
Wer soll das bezahlen? Familie A. muss ohnehin mit wenig Geld auskommen. Jede unvorhergesehene Ausgabe wird da zum Problem. (Foto: imago)

Mit fünf Kindern in einer kleinen Dreizimmerwohnung zu leben, ist für Familie A. Herausforderung genug. Dann kommt eine Mitteilung und verschärft die Situation zusätzlich.

Von Karin Kampwerth

Wenn Maha A. (Name von der Redaktion geändert) morgens die Fenster der Dreizimmerwohnung im achten Stock eines Hochhauses in Freimann zum Lüften öffnet, hört sie den Verkehr auf der nahen Autobahn A9 vorbeirauschen. Eine Geräuschkulisse, die in ihrer Gleichmäßigkeit fast beruhigend auf die 43-Jährige wirkt. Denn um diese Zeit sind ihre Kinder in der Schule und ihr Mann in der Arbeit. Dann ist es in der Wohnung mal nicht zu eng und Maha A. kann durchatmen, denn eigentlich leben sie hier zu siebt. Familie A., das sind Maha, Tarik und ihre fünf Kinder. Die jüngste Tochter ist sieben, die älteste 19. Es gibt noch zwei Brüder, 16 und 13 Jahre alt, und eine Schwester, die acht Jahre alt ist.

Tarik A. kam vor 25 Jahren nach Deutschland, voller Hoffnung auf ein besseres Leben, vor allem aber auf ein Leben in Sicherheit. Denn im Jahr 2000 befand sich Afghanistan mitten in einem Bürgerkrieg, in dem die islamistischen Taliban die Kontrolle über den größten Teil des Landes hatten; das Land litt unter einer humanitären Krise und internationaler Isolation. Es folgte die Invasion der USA gemeinsam mit Bündnispartnern und ein 21 Jahre andauernder Krieg gegen die Taliban und al-Qaida, der – wie man jetzt weiß – nur zu kurzfristigen Verbesserungen für Teile der Bevölkerung führte. Manchmal kommt es Tarik A. vor, als lebe er in einem Film nach der Vorlage von „Täglich grüßt das Murmeltier“.

Doch um die Jahrtausendwende waren Tarik A. und seine Frau, die beiden haben sich in Kabul kennengelernt, jung und voller Hoffnung, es woanders schaffen zu können. Maha A. konnte ihrem Mann aber erst fünf Jahre später nach Deutschland folgen. Auf ihre Kinder sind sie zu Recht stolz. Die älteste Tochter besucht die Fachoberschule für Sozialwesen und Gesundheit, der 16-jährige Sohn geht aufs Gymnasium, Tarik A. verdient den Lebensunterhalt der Familie seit Jahren mit einer Anstellung in einer Reinigungsfirma. Doch richtig gut hat es das Schicksal dann doch nicht mit ihnen gemeint.

Maha A. ist Hausfrau und kümmert sich um die Kinder, wobei der jüngere Sohn besondere Aufmerksamkeit erfordert, weil er an Diabetes erkrankt ist. Allein die Überwachung seiner Lebensmittel mit dem Familienessen für die sechs anderen in Einklang zu bringen, birgt immer wieder Konflikte. Und auch Tarik A. hat gesundheitliche Probleme. Er leidet an Hörschwund und ist beidseitig auf ein Hörgerät angewiesen. Die Beeinträchtigung ist so hoch, dass er zu 70 Prozent schwerbehindert ist. Ein technisch besonders hochwertiges Hörgerät, mit dem der Hörverlust optimal ausgeglichen werden könnte, kostet jedoch mehrere Tausend Euro, die Krankenkassen zahlen nur einen Bruchteil.

Wer Familie A. oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.

Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck am Marienplatz, Eingang Dienerstraße, 1. OG, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

SZ Gute Werke e. V.

HypoVereinsbank

IBAN: DE04 7002 0270 0000 0822 28

BIC: HYVEDEMMXXX

Spenden sind steuerlich abzugsfähig; bis zu einem Betrag in Höhe von 300 Euro reicht der vereinfachte Nachweis. Bei Spenden in Höhe von mehr als 300 Euro senden wir Ihnen die Spendenbestätigung zu, sofern auf der Überweisung der Absender vollständig angegeben ist.

Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag.

Wenn alle zu Hause sind, führt der Geräuschpegel bei ihm zu großem Stress. Doch alle sind oft zu Hause, denn es fehlt an Geld für Vereine, Hobbys oder andere Freizeitaktivitäten. In der Wohnung ist es eng, die Eltern schlafen mit den beiden kleinen Töchtern im Wohnzimmer, die Brüder teilen sich ein Zimmer, nur die große Tochter hat ein eigenes Zimmer. Seit neun Jahren schon suchen Maha und Tarik A. eine größere Wohnung, finden aber wie so viele Münchner keine.

Die Familie erhält keine Sozialleistungen, weil A.s Gehalt knapp über dem Regelsatz liegt, aber dann doch hinten und vorn nicht reicht. In der kleinen Küche stapeln sich die Schulbücher der Kinder. Maha A. jongliert zwischen Hausaufgabenbetreuung, Arztbesuchen und dem Versuch, mit wenig Geld fünf Kinder zu versorgen. Hygieneartikel, Schulmaterial, warme Kleidung – jeder Euro muss zweimal umgedreht werden.

Und dann kam noch der Schock über die Nebenkostenabrechnung vor einem Jahr. 2069 Euro sollten sie nachzahlen, eine Folge der enorm gestiegenen Energiepreise. Mit etwas Erspartem und Raten konnte der ausstehende Betrag beglichen werden. Für den Ersatz der kaputten Spülmaschine ist nun kein Geld mehr da. Den Abwasch für einen Sieben-Personen-Haushalt per Hand zu bewältigen, kostet sehr viel Energie und Wasser. Tarik A. bräuchte außerdem neue Winterkleidung und warme Schuhe. Und die Kinder? Die wünschen sich Fahrräder. Aber dafür wird das Geld noch lange nicht reichen.

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