SZ Gute Werke„Ich wollte nicht nur vom Amt abhängig sein“

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Ein Flaschensammler in der Kaufingerstraße in München. Viele Bedürftige bessern sich mit dem Pfand ihre karge Grundsicherung auf.
Ein Flaschensammler in der Kaufingerstraße in München. Viele Bedürftige bessern sich mit dem Pfand ihre karge Grundsicherung auf. (Foto: picture alliance / Wolfgang Mari)
  • Ahmad M., ein 68-jähriger iranischer Flüchtling und ehemaliger Mathematiklehrer, sammelte jahrelang Flaschen, um seine Grundsicherung aufzubessern und sich Selbständigkeit zu bewahren.
  • Weil das Pfandgeld als Zuverdienst gilt und auf die Grundsicherung angerechnet wird, wird seine Unterstützung nun für drei Jahre um maximal 30 Prozent gekürzt.
  • Mit nur noch 394 Euro monatlich kann M. kaum über die Runden kommen und benötigt dringend warme Kleidung, eine neue Matratze und ein funktionsfähiges Handy.
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Ahmad M. hat Flaschen gesammelt, um sich ein bisschen Selbständigkeit zu erhalten. Doch statt etwas dazuzuverdienen, ist er jetzt noch ärmer als vorher.

Von Karin Kampwerth

In Armut zu leben, das erträgt Ahmad M., obwohl er einst in seiner Heimat als Mathematiklehrer ein angesehener Mann war und ein gutes Auskommen hatte. Aber in dem Land, das ihn nach seiner Flucht aus Iran aufgenommen hat, ihm quasi das Leben rettete, für einen Betrüger gehalten zu werden, das ist für den inzwischen 68-Jährigen eine Härte, die er nur schwer verwinden kann. Was war passiert?

Ahmad M. (Name von der Redaktion geändert) wurde in Iran politisch verfolgt, weil er sich getraut hatte, die Schreckensherrschaft unter Ajatollah Ali Chamenei öffentlich zu kritisieren. In einem Land, in dem die Rechte auf freie Meinungsäußerung, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit stark eingeschränkt waren, galt das als lebensgefährlich. Menschen, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzten, wurden willkürlich festgenommen, ohne Kontakt zur Außenwelt in Gewahrsam gehalten und nach unfairen Gerichtsverfahren inhaftiert, beschreibt Amnesty International die Lage in Iran im Jahr 2012, als sich M. zur Flucht entschied und letztendlich in Deutschland Asyl beantragen konnte. Weil er hier allerdings keine Rentenansprüche hat, ist er finanziell von Grundsicherung abhängig.

Über Jahre hat M. leere Flaschen gesammelt. Sie aus Mülleimern gezogen oder in Parks aufgeklaubt; im besten Sinne damit öffentliche Plätze sauber gehalten, auf denen am Abend zuvor gefeiert wurde. Mit dem Pfand habe er die karge Grundsicherung aufgebessert, wie viele Bedürftige das tun, berichtet der für M. zuständige Mitarbeiter aus dem Sozialbürgerhaus. „Dies tat er mit dem Stolz, aktiv und selbständig auch für sich zu sorgen.“

„Ich wollte nicht nur vom Amt abhängig sein“, sagt M. Was dem 68-Jährigen jedoch nicht bewusst war: Flaschensammeln und Pfand kassieren gilt als Zuverdienst, der auf die Grundsicherung angerechnet und in der Folge abgezogen wird. Das wurde ihm auch mitgeteilt. Nur hat M. das komplizierte Amtsdeutsch nicht verstanden. Die Konsequenz trifft ihn nun mit aller Härte. Seine Grundsicherung wird in der maximalen Höhe von 30 Prozent für die nächsten drei Jahre gekürzt.

Wer Ahmad M. oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.

Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck am Marienplatz, Eingang Dienerstraße, 1. OG, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

SZ Gute Werke e. V.

HypoVereinsbank

IBAN: DE04 7002 0270 0000 0822 28

BIC: HYVEDEMMXXX

Spenden sind steuerlich abzugsfähig; bis zu einem Betrag in Höhe von 300 Euro reicht der vereinfachte Nachweis. Bei Spenden in Höhe von mehr als 300 Euro senden wir Ihnen die Spendenbestätigung zu, sofern auf der Überweisung der Absender vollständig angegeben ist.

Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag.

Die Sanktionierung akzeptiert M. ohne Klagen, doch sie hat sein Leben innerhalb weniger Wochen völlig verändert. 394 Euro bleiben ihm jetzt im Monat. Trotz Tafelausweis kommt der ehemalige Mathematiklehrer damit kaum über die Runden. Die ständig steigenden Preise und die hohen Stromkosten bereiten M. zusätzlich schlaflose Nächte. Das Schlimmste ist für den ehemaligen Mathematiklehrer aber der Makel der Unehrlichkeit. „Ich war überzeugt, das Richtige zu tun“, sagt er. Eben nicht faul zu sein und sich nur auf staatliche Hilfe verlassen. Es sei M. immer auch darum gegangen, sich bei aller Abhängigkeit ein bisschen Autonomie und Selbständigkeit zu erhalten, berichtet sein Sozialarbeiter.

Der 68-Jährige ist nach wie vor gerne in der Stadt unterwegs – längst natürlich, ohne Flaschen zu sammeln. Aber so ist er wenigstens nicht den ganzen Tag alleine in seinem kleinen, kargen Einzimmerapartment. Er bräuchte jedoch dringend einen warmen Mantel und ein Paar Winterstiefel. Auch ein einfacher Teppich für den kalten Fußboden in seiner Wohnung wäre schön. Seine durchgelegene Matratze müsste ebenfalls dringend getauscht werden. Am meisten aber wünscht sich M. ein neues Handy. Seines ist inzwischen sieben Jahre alt und kaum noch funktionstüchtig. Ein aktuelles Modell würde es dem 68-Jährigen ermöglichen, die erforderlichen Behördenkontakte digital und somit selbständiger und einfacher zu erledigen. Das Wichtigste ist für ihn aber, dass er damit den Kontakt zu seiner Familie halten kann, die er in der Heimat zurücklassen musste.

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