Die E-Mail von Carola W. kommt um 4.09 Uhr an. Auf DIN-A4-Papier ausgedruckt umfasst die Nachricht der 44-Jährigen sechs dicht beschriebene Seiten. „Ich schlafe schlecht“, schreibt sie der SZ an einer Stelle. „Mein Körper ist ausgepowert, Haare fallen aus, ich bin müde, kraftlos und oft am Zittern vor Erschöpfung“, heißt es an einer anderen Stelle. Und sie bedankt sich, dass es möglich war, die Fragen schriftlich zu beantworten, „weil ich dabei ruhiger bin und meine Gedanken klarer sortieren kann“. Am Telefon ein paar Tage zuvor hatte sie darum gebeten – im Hintergrund war ein weinendes Kind zu hören, manchmal so laut, dass die Schreie die Worte von Carola W. (alle Namen von der Redaktion geändert) verschluckten.
Die 44-Jährige ist alleinerziehend. Die Tochter ist fast 16, schon in der Grundschule wurde sie gemobbt. Auf den beiden Schulen danach, da „wurde es immer schlimmer“, schreibt Carola W. Zurzeit besucht die Teenagerin eine Berufsvorbereitungsschule, aber sie wartet auch auf einen Platz in einer betreuten Schule, die Jugendlichen hilft, wieder Halt in ihrem Leben zu finden. „Ich hoffe sehr, dass sie dort bald aufgenommen wird“, sagt die Mutter. Dass die Tochter Unterstützung benötigt, liegt nicht nur am Mobbing. Sondern auch an der belastenden Familiensituation.
Der jüngste Sohn von Carola W. ist vier Jahre alt. Er spricht bislang kaum, wie der Betreuer der Familie im Münchner Sozialreferat schreibt – er war es, der sie für die Einzelfallhilfe von SZ Gute Werke vorgeschlagen hat. Die Vermutung liegt nahe, das geht aus dem Schreiben ebenfalls hervor, dass die Sprechverzögerung auch etwas damit zu tun haben könnte, dass der Fokus in der Familie sehr auf dem mittleren Kind liegt. Liegen muss.
Simon ist fünf. Kurz vor seinem zweiten Geburtstag erwähnte eine Ärztin bei einer normalen U-Untersuchung zum ersten Mal den Verdacht auf Autismus. Zum damaligen Zeitpunkt hat Carola W. das gar nicht richtig einordnen können. „Ich verstand nicht, welche große Bedeutung diese Worte haben könnten, für ihn, für mich und für uns als Familie.“ Für sie war ihr Sohn einfach ein aufgewecktes Kind, das eben ein bisschen anders spielte als andere in seinem Alter. Doch einige Wochen später bestätigte sich der Verdacht, außerdem diagnostizierten Ärzte, dass Simon auf einem Ohr schwerhörig ist. „Ich hatte große Angst – auf einmal standen Worte im Raum wie Entwicklungsstörung und Behinderung und ich wusste, dass sich unser Leben verändern wird.“
Als Carola W. zu Hause mit ihrer Tochter sprach, sagte das Mädchen: „Mama, ich liebe meinen kleinen Bruder. Egal, was er hat, und egal, wie er ist.“ Das hat W. unglaublich viel Kraft gegeben, sagt sie. Und die braucht die Mutter seit jenem Tag. Andauernd.
Wer Carola W. und ihrer Familie oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.
Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1. OG, Marienplatz 11, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:
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Mit Simon das Haus zu verlassen, ist für W. jedes Mal eine Herausforderung. „Ich gehe nur raus, wenn ich merke, dass er halbwegs gut drauf ist, aber selbst dann weiß ich nie, wie es wird.“ Der Junge trägt draußen eine spezielle Handgelenksleine – ohne die würde der Fünfjährige sofort weglaufen, ziellos, ohne jedes Bewusstsein für Gefahr wie den Verkehr auf der Straße. „Eine Leine ist mir sogar schon gerissen. Das ist jetzt die dritte, die ich habe.“
Ein Kind an der Leine? Das sorgt für irritierte, manchmal auch boshafte Blicke und abwertende Kommentare. Früher hat das Carola W. extrem verletzt. „Heute versuche ich, es auszublenden“, wenn sie von Weitem bemerkt, wie jemand hersieht, dann schaue sie einfach weg und konzentriere sich ganz auf ihren Sohn. Mit ihren beiden Jüngsten allein nach draußen zu gehen, ist unmöglich, dafür braucht sie immer eine zweite Person.
Seit mehr als drei Jahren sucht Carola W. für Simon eine geeignete Betreuungseinrichtung oder heilpädagogische Tagesstätte. Fast überall bekommt sie die gleiche Rückmeldung: „Wir haben leider nicht das Personal dafür“, es fehle einfach an Fachkräften mit Erfahrung im Umgang mit Kindern, die wie Simon einen sehr hohen Unterstützungsbedarf haben. Also kümmert sich Carola W. weiter.
Ohne die Tochter würde der Alltag dennoch kaum funktionieren. Sie springt ein und passt auf ihre Brüder auf, damit Carola W. überhaupt Termine wahrnehmen oder Einkäufe erledigen kann. „Eigentlich sollte ein Mädchen in ihrem Alter diese Last und Verantwortung nicht tragen müssen“, sagt die Mutter. Denn oft klappt es zu Hause nicht, wenn sie selbst nicht da ist. Zum Beispiel, weil Simon weint und sich nicht beruhigen lässt. Eine schwierige Situation für die 15-Jährige, denn sie weiß, dass ihre Mutter ja nicht grundlos das Haus verlassen hat. Aber wenn es nicht anders geht, dann ruft sie Carola W. an – und die macht sich sofort auf den Rückweg.
Arbeiten kann sie unter diesen Umständen nicht. Ohne Job, alleinerziehend mit drei Kindern, wobei eines dem Autismus-Spektrum zuzuordnen ist und beispielsweise spezielles Spielzeug benötigt, um dem Förderbedarf zu entsprechen, da ist das Geld äußerst knapp.

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Als Peter H. der Strom abgeschaltet wird, liegen schon mehr als zwei Jahre Flaschensammeln hinter ihm: Die Rücklagen des 71-Jährigen gingen für die Pflege der Mutter drauf, ein Teil seiner schmalen Rente wurde gepfändet – nicht rechtmäßig, wie er heute weiß. Wie es dazu gekommen ist.
So sehr möchte sie Simon eine Therapie-Schaukel besorgen, die ihm bei einem Klinikaufenthalt sehr geholfen hat. Der Tochter einen kleinen Shopping-Ausflug in ihren Lieblingsladen ermöglichen. Den beiden kleinen Söhnen neue Kleidung kaufen. Und sie selbst, sie würde nach zwei Jahren einfach gern mal wieder zum Friseur gehen. Aber das ist alles nicht drin.
Über Simons Vater schreibt Carola W., dass er in gewissen Dingen eine Hilfe gewesen sei, „aber im Alltag mit den Kindern hat er mich kaum entlastet“. Mittlerweile hat sich die 44-Jährige von ihm getrennt.
Immerhin eine kleine Tür hat sich nun geöffnet: Eine Heilpädagogin, die ihren Fünfjährigen von Januar an fördern möchte. „Das gibt mir zum ersten Mal seit langer Zeit ein keines bisschen Hoffnung – dass Simon Unterstützung bekommt, die er dringend braucht.“
Trotzdem kommt das einem kleinen Tropfen auf einem heißen Stein gleich. Seit geraumer Zeit fühlt sich Carola W. erschöpft. „Ich habe Ängste, oft das Gefühl, depressiv zu sein, und kaum Kraft – ich esse wenig, nehme ab und bin innerlich ständig angespannt.“ Und da ist dieser eine Satz, der so von Herzen zu kommen scheint, und dennoch so falsch klingt: „Ich habe Angst, keine gute Mutter zu sein, obwohl ich jeden Tag über meine Grenzen gehe und kämpfe.“

