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SZ-Forum zu Konzertsaal:Wenn nicht München, wer denn sonst?

  • Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle bringt in der Münchner Konzertsaaldebatte wieder den leerstehenden Kongresssaal des Deutschen Museums als möglichen Standort ins Spiel.
  • Das sei nach Ansicht einer von ihm eingesetzten Expertengruppe der optimale Standort, betonte Spaenle auf einem SZ-Forum im Künstlerhaus am Lenbachplatz.
  • Die erst kürzlich von Ministerpräsident Horst Seehofer und Oberbürgermeister Dieter Reiter vereinbarte Sanierung der Philharmonie im Gasteig tritt plötzlich wieder in den Hintergrund.

Von Franz Kotteder

Gibt es noch eine Chance für einen dritten Konzertsaal in München? Wenn man die Diskussion beim SZ-Forum im Künstlerhaus am Münchner Lenbachplatz zum Maßstab nimmt, dann läuft es wohl auf das Fazit der berühmten Wagner-Interpretin Waltraud Meier hinaus: "Wenn's München nicht schafft, wer denn sonst?" Denn auch wenn in dieser Stadt "nur rumgegurkt wird" (Meier), so zeichnete sich nach beinahe zweistündiger Diskussion am Dienstagabend immerhin deutliche Zustimmung im Saal und auf der Bühne dafür ab, dass es in absehbarer Zeit noch einen weiteren Konzertsaal geben wird.

Weiteres Gegurke auf dem Weg dahin ist allerdings auch schon wieder abzusehen. Ausgangspunkt für die Debatte ist die sogenannte "Zwillingslösung": die von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) favorisierte Möglichkeit, dass Staat und Stadt die Philharmonie im Gasteig sanieren, damit die städtischen Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sie dann anschließend gemeinsam bespielen, ebenso wie den zu sanierenden Herkulessaal.

Beide Politiker wurden anschließend heftigst gezaust von Öffentlichkeit und Presse. Die Kulturszene in Deutschland diskutierte das Thema mit großer Anteilnahme. Das war im Künstlerhaus ebenso; es wäre wohl schwierig gewesen, im Publikum einen Verfechter dieser Lösung auszumachen - zumindest fand sich niemand, der sich öffentlich dazu bekennen wollte.

Spaenle saß mit versteinerter Miene

Auch auf dem Podium gab es bestenfalls stark zurückgezogene Verteidigungsstellungen bei den beiden Vertretern von Staat und Stadt, Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) und dem Münchner Kulturreferenten Hans-Georg Küppers (SPD), die den Prüfungsauftrag, ob so eine Zwillingslösung möglich sei, ihrer jeweiligen Dienstherren ja irgendwie verteidigen mussten. Das geschah in beiden Fällen recht zurückhaltend.

Besonders Spaenle saß die meiste Zeit mit versteinerter Miene in der Runde und wiederholte, als wäre es eine zentrale Passage im Rosenkranz, immer wieder seine Lieblingsoption: einen neuen Konzertsaal auf der Museumsinsel im Kongresssaal des Deutschen Museums. Der sei nach Ansicht der Arbeitsgruppe seines Ministeriums der optimale Standort für einen neuen Konzertsaal. Aber leider verweigere sich noch das Deutsche Museum. Der Finanzgarten hinter dem Landwirtschaftsministerium sei die zweitbeste Option, hier befürchte man allerdings Bürgerproteste und Schwierigkeiten mit dem Landschaftsschutzgebiet.

Die beiden Moderatoren des Abends, der stellvertretende SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach und Feuilletonchefin Sonja Zekri, hatten genügend Ansatzpunkte für kritische Nachfragen. Die trafen auch den BR-Intendanten Ulrich Wilhelm. Was seine Bereitschaft anginge, sich finanziell an einem Konzertsaalbau zu beteiligen, nachdem sich gezeigt habe, dass die EU keineswegs so rigoros dagegen sei, wie man immer behauptet habe.

In Briefen kommen Geldscheine für einen Neubau

Wilhelm war mehr als vorsichtig, als es darum ging, wie viel der Rundfunk tatsächlich zahlen könne und wolle. "Ein zweistelliger Millionenbetrag" sei möglich, sagte Wilhelm. Präziser könne er leider nicht werden, weil der Verwaltungsrat ja auch noch ein gewichtiges Wort mitzureden habe. Spaenle kündigte jedoch schon an, dass der Staat die öffentlich-rechtliche Anstalt hier nicht ganz aus der Verantwortung entlassen wolle.

Steven Sloane, Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, berichtete vom erfolgreichen Konzertsaalbau in Bochum, 2016 ist Eröffnung. Dieses Haus mit 980 Plätzen wird rund 35 Millionen Euro kosten, 15 Millionen Euro kamen durch Spenden zusammen. Ein Modell, das Sloane auch für München empfahl, und Wilhelm sprach denn auch von "gut 30 Millionen Euro", die für den Konzertsaal an Klein- und Großspenden einzutreiben wären: "Wir bekommen immer wieder Briefe zugeschickt, in denen sich Scheine befinden, die für den Bau gedacht sind."

Ein Konzertsaal könnte auch in Obergiesing oder Nordschwabing stehen

So viel Begeisterung in der Öffentlichkeit für einen neuen Saal erfreute auch Matthias Lilienthal, den künftigen Intendanten der Münchner Kammerspiele von der kommenden Saison an: "Hier sitzen 400 Menschen, die angefangen haben, sich mit Akustik zu befassen - das ist eigentlich eine Sensation!" Die Konzerte, die er, der gebürtige Berliner, in der Berliner Philharmonie erlebt habe, seien eine wunderbare Erfahrung für ihn gewesen. Für München wünsche er sich darüber hinaus aber auch ein Produktionszentrum im künftigen Kreativquartier und ein Migrationsmuseum. Ein Konzertsaal, findet Lilienthal, müsse nicht unbedingt in der Innenstadt sein, er könne ihn sich auch in Obergiesing oder Nordschwabing vorstellen.

Die Standortfrage, das zeigte sich im SZ-Forum erneut, ist auch der entscheidende Punkt: Solange man nicht weiß, wo so ein Saal entstehen soll, will kaum jemand Geld dafür hergeben - weder Staat noch Rundfunk noch Sponsoren aus der Wirtschaft. Eines wurde ebenfalls deutlich: Überschäumende Begeisterung ruft die "Zwillingslösung" weder im Publikum noch auf dem Podium hervor. Küppers jedoch verteidigte die Gasteig-Philharmonie, auch "als Teil eines Kulturzentrums, das alljährlich von 1,8 Millionen Menschen besucht wird".

Etwas Zuspruch bekam er zur Überraschung vieler Zuhörer auch von der internationalen Akustik-Koryphäe Karlheinz Müller: Die Philharmonie sei für einen derart großen Saal mit 2500 Plätzen von ihrer Akustik her gar nicht schlecht, könne aber noch wesentlich verbessert werden und sei für manche Konzerte auch nicht geeignet: "Ein jeder Riesensaal braucht eben eine liebe, kleine Schwester."

© SZ vom 18.03.2015/dayk
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