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SZ-Forum zu Gentrifizierung:"Wir müssen Dampf aus dem Kessel nehmen"

'Unbezahlbar schön. Und wo bleiben die Münchner?' SZ-Forum

Auf dem Podium (v. l.): der designierte Kammerspiel-Intendant Matthias Lilienthal, Jürgen Schorn von Bauwerk Capital, Zweiter Bürgermeister Josef Schmid, Moderator Tom Soyer von der SZ, Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Genossenschaftler Christian Stupka.

(Foto: Lukas Barth)

300 Münchner diskutieren mit dem Zweiten Bürgermeister Schmid und einem Investor über explodierende Mietpreise, Wohnungsmangel und Verdrängung. Stadtbaurätin Merk hat einen erstaunlichen Vorschlag.

Jürgen Schorn hat es nicht leicht an diesem Abend. Als geschäftsführender Gesellschafter des Investors Bauwerk Capital ist er der Vertreter der "Bösen" da oben auf der Bühne. Jener also, die für die Folgen der Gentrifizierung verantwortlich gemacht werden: für steigende Mieten und die Verdrängung der Mieter. "Wir werden eine Stadt der ausgepressten Zitronen, wenn wir das nicht in den Griff bekommen", sagt einer aus dem Publikum.

Knapp 300 Münchner sind am Mittwochabend in die Münchner Freiheizhalle gekommen, um mit Experten bei einem SZ-Podium über Gentrifizierung zu diskutieren, vielleicht sogar in der Hoffnung, noch etwas daran verändern zu können. Jürgen Schorn bemüht sich, die Sicht der Investoren zu vermitteln - und die Akteure zu verteidigen. "Wir werden 2030 sicher 1,7 Millionen Menschen in der Stadt haben", sagt er fast beschwörend. "Wir sind dazu bereit, etwas zu bewegen." Er zeigt sich durchaus offen für Regulierung, warnt aber davor, es zu übertreiben: "Die Stadt muss weiter attraktiv bleiben. Es bringt nichts, Baurecht kaputt zu machen." Dafür erntet Schorn viele Pfiffe, auch für seinen abschließenden Rat an das Publikum: Die Leute sollten offen sein für Veränderung. "Aber wir sollten dafür sorgen, dass der soziale Frieden erhalten bleibt."

Den sehen Stadtsoziologen längst gefährdet. Und auch in der Freiheizhalle wundert sich Christian Stupka, Vorstand der Genossenschaft Wogeno, "dass so viele diese unerwünschte Veränderung einfach hinnehmen". Das trifft an diesem Abend allerdings nicht zu. Viele Besucher melden sich zu Wort, haken nach, fordern Lösungen. Dabei kommt der erstaunlichste Vorschlag von Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Ein Mann aus der Türkenstraße fragt: "Was sollen wir tun?" Das Haus werde bald abgerissen, alle müssten ausziehen. "Gründen Sie eine Hausbesetzergruppe", rät Merk.

Fassbinder hätte heute keinen Platz mehr in München

Eine Stunde lang skizzieren die Experten, wie sie die Lage einschätzen und mit welchen Methoden sie sicherstellen wollen, dass die soziale Mischung in gewachsenen Vierteln erhalten bleibt. Bürgermeister Josef Schmid (CSU) räumt ein, dass seine Partei erst vor einigen Jahren erkannt habe, dass die Stadt mit dem Instrument der Erhaltungssatzung und dem Vorkaufsrecht durchaus Chancen habe, die Entwicklung einzudämmen. Nun versuche die Stadt, den geförderten Wohnungsbau mit mehr Geld als bisher zu unterstützen.

Genossenschaftler Stupka begrüßt das zwar, fordert aber angesichts der Dramatik eine radikale Lösung. Wenn ein so wichtiges Gut wie die Wohnung nur noch für die wenigsten erschwinglich sei, dürften städtische Flächen nur noch für den Mietwohnungsbau verkauft werden, nicht aber für den Bau von Eigentumswohnungen.

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"Leben statt Luxus", wollen die Münchner.

(Foto: Florian Peljak)

Matthias Lilienthal, der designierte Intendant der Kammerspiele, berichtet von seiner ganz persönlichen Wohnungssuche. Nun lebe er in der Baaderstraße und zahle für 67 Quadratmeter 1480 Euro. Er könne sich das zwar leisten, "aber ich finde den Ausschluss von Geringverdienern eine totale Sauerei". Ein Künstler wie Rainer Werner Fassbinder, nach dem der Platz vor der Freiheizhalle benannt ist, hätte im heutigen München keinen Platz mehr.

Dem widerspricht Bürgermeister Schmid und verweist auf das städtische Bemühen, durch Bebauungspläne eine gute Mischung zu sichern, etwa für das Kreativquartier. Schmid: "Das könnte Fassbinder gefallen."

Investor Schorn verweist auf das Dilemma, dass die hohe Attraktivität Münchens einen immensen Zuzug und damit sehr hohe Grundstückspreise zur Folge habe. Als er vor 17 Jahren nach München gezogen sei, zunächst nach Trudering, habe er das Wort Gentrifizierung noch gar nicht gekannt. Nun sehe er allenthalben, wie sich die Stadt verändere. Es werde nur durch ein gemeinsames Vorgehen gelingen, die Stadt so zu gestalten, "dass alle Bewohner die Chance haben, mit ihrem Einkommen hier zu leben". Schorn: "Wir müssen Dampf aus dem Kessel nehmen."

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"Was kann man selber auf die Beine stellen?"

Auch Stadtbaurätin Merk, die im Lehel wohnt, berichtet aus eigener Erfahrung von den zum Teil dramatischen Veränderungen in der Stadt. Inzwischen habe sie den Eindruck, schon die zweite oder dritte Welle der Transformation zu erleben. Christian Stupka, der schon lange in Untersendling wohnt, mahnt, die Gesellschaft dürfe ein so knappes Gut wie den Wohnraum nicht den Gesetzen des freien Marktes ausliefern. Und auch die Menschen dürften es nicht klaglos hinnehmen, dass sich ihre Stadt so verändere, dass sie nur noch für die Gutverdienenden bezahlbar sei. Jeder müsse sich fragen: "Was kann man selber auf die Beine stellen?"

Wie ernst die Lage auf dem Wohnungsmarkt inzwischen ist, wird anhand der Fragen aus dem Publikum deutlich. Es melden sich Mieter, deren Haus von Investoren übernommen wurde und die nun Gefahr laufen, ihre Bleibe zu verlieren. Bürgermeister Schmid wird gefragt, wann der CSU-geführte Freistaat die vom Bund beschlossene Mietpreisbremse einzuführen gedenke (bald, so Schmid).

Willy Schneider aus Pasing fragt Stadtbaurätin Merk, wie sein Viertel den Gartenstadtcharakter bewahren könne. "Wie können wir diesen Irrsinn stoppen?" Merk verweist darauf, dass in fünf Gebieten in der Stadt testweise versucht werde, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Investor Schorn sagt, eine solche Verweigerungshaltung sei wenig sinnvoll. Es müsse versucht werden, mehr Flächen für den Wohnungsbau auszuweisen: "Wir müssen diesen Veränderungen positiv entgegenschauen." Weil so viele Menschen Wohnungen kaufen wollten, steige eben der Preis.