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SZ-Adventskalender:Was das Grundübel bei der Versorgung von jungen Flüchtlingen ist

"Das Grundübel ist der eklatante unterschiedliche Versorgungsstandard zwischen alleinreisenden minderjährigen Flüchtlingen und allen anderen Flüchtlingen", sagt Andreas Dexheimer, Leiter der Diakonie-Jugendhilfe Oberbayern. Dabei liege der Standard für minderjährige Flüchtlinge bereits unterhalb des sonst üblichen Jugendhilfestandards. So gelte in der Jugendhilfe eigentlich, dass mindestens ein Sozialpädagoge zwei Jugendliche betreut. Bei minderjährigen Flüchtlingen dagegen liege der Betreuungsschlüssel bei eins zu fünf. Für Erwachsene und Familien in den Unterkünften ist ein Betreuer für 100 Personen zuständig. Im Idealfall.

Die drei Brüder Ghiath (von links), Bahsar und George wünschen sich einen Platz in einem Deutschkurs. Doch das kann lange dauern.

(Foto: Catherina Hess)

Dadurch gewinne das Thema, ob jemand 17 oder 18 Jahre alt ist, auch so eine immense Bedeutung, so Dexheimer. Alle minderjährigen Flüchtlinge, die alleine in München ankommen, erhalten quasi vom ersten Tag an Deutschunterricht. "Innerhalb von drei Wochen wird entschieden, welche Beschulung die jungen Menschen brauchen, und das auch schnell umgesetzt", sagt Dexheimer.

"Wenn mir nur jemand Deutsch beibringen könnte"

Das sieht bei Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Familien fliehen, ganz anders aus. Da kann es nicht nur lange dauern, bis sie einen Deutschkurs erhalten, sondern auch, bis die Kinder in die Schule gehen. Besonders problematisch sei zudem, dass die 18- bis 20-jährigen Alleinreisenden rechtlich Anspruch auf Jugendhilfe haben, wenn sie die Unterstützung benötigen. Doch Jugendamt und Träger der Einrichtungen würden es nicht schaffen, diesen Rechtsanspruch zu erfüllen, sagt Dexheimer. Und zwar nicht, weil in München der Wille oder das Geld fehle, sondern die Fachkräfte.

Das trifft auch auf die Freunde von Eyass zu. Die beiden Cousins Samer, 19, und Mahammad, 16, sind alleine geflohen. Samer ist nun der Sorgeberechtigte von seinem jüngeren Cousin. Damit sind sie weitgehend auf sich alleine gestellt. Sie sind in die gleiche Gemeinschaftsunterkunft wie Eyass verlegt worden. Samer hat sich auch bereits an der Online-Universität eingeschrieben. Er hat in Syrien Chemie studiert, möchte in Deutschland ein Studium als Elektroingenieur machen. Aber er hat das gleiche Problem wie Eyass, er hat keine Möglichkeit, die Vorlesungen aus dem Internet herunterzuladen.

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In der Unterkunft ist ihm auch noch sein Handy, die einzige Verbindung zur Familie und zur Online-Uni, geklaut worden. "Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich weiß nicht, was ich machen soll", sagt Samar leise und er klingt verzweifelt. "Wenn mir nur jemand Deutsch beibringen könnte", wiederholt er immer wieder. Sein jüngerer Cousin Mahammad würde gerne die Schule besuchen, schnell Deutsch lernen und nach dem Schulabschluss am liebsten Physik studieren. "Ich vermisse meine Mutter", sagt der 16-Jährige leise. Er würde sie wenigstens gerne per Internet sehen, doch mit seinem Handy, einem alten Modell, funktioniert das nicht.

Weil sie Christen sind, ist die Situation besonders gefährlich

Die anderen Freunde, die Brüder Ghiath, 22, George, 18, und Bashar, 16, sind in eine Kleinstadt im Landkreis Traunstein verlegt worden. Sie machen sich große Sorgen um ihre Eltern und den vierten Bruder, die in Syrien geblieben sind. "Unsere Mutter wurde angeschossen, die Kugeln stecken noch im Bein, deshalb konnte sie nicht mit uns fliehen" sagt Ghiath, der auch der Sorgeberechtigte seines 16-jährigen Bruders ist.

Weil sie Christen sind, sei die Situation für ihre Familie besonders gefährlich. Ghiath hat vier Jahre in Syrien Bauingenieur studiert und will das Studium gerne in Deutschland fortsetzen. Seine Brüder möchten einen Schulabschluss machen, Tischtennis und Fußball trainieren. Doch einen Platz in einem Deutschkurs haben sie nicht und eine Mitgliedschaft in einem Sportverein können sie sich nicht leisten. Wenigstens die Zeit hier in der Freizeitstätte wollen sie nutzen. Sie nehmen die Schläger und spielen weiter Tischtennis.

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