SZ-Adventskalender:In der Abwärtsspirale

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SZ-Adventskalender: Seit seine Frau an einer schweren Depression leidet, kümmert sich der Familienvater hauptsächlich um die Kinder. Dafür hat er seinen Job aufgegeben.

Seit seine Frau an einer schweren Depression leidet, kümmert sich der Familienvater hauptsächlich um die Kinder. Dafür hat er seinen Job aufgegeben.

(Foto: Robert Haas)

Als seine Frau nach der Geburt des sechsten Kindes in eine schwere Depression fällt, übernimmt Adil Gulab die Familienbetreuung. Für den Job bleibt keine Zeit mehr. Es ist der Beginn einer Entwicklung, die die Gulabs die Wohnung kosten kann.

Von Andrea Schlaier

Es gab auch gute Zeiten, sagt Adil Gulab (Namen geändert). Damals, als er zwölf Jahre als Taxler durch München gefahren ist und abends beim Kellnern dazuverdient hat. Seine Frau kümmerte sich um die Kinder. Sie lebten in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung in Freimann. "Uns ging's finanziell gut", sagt der 38-Jährige. "Ich konnte uns damit alle ernähren und wir haben sogar noch was angespart." Adil Gulab erzählt das am Telefon. Weil drei seiner Kinder Corona haben, ist ein persönliches Treffen nicht, wie geplant, möglich. Und selbst hier muss er während des Gesprächs eins der Mädchen zum Arzt bringen, also weitertelefonieren von unterwegs. Der Mann ist im Dauereinsatz.

Kurz vor der Pandemie investieren die Gulabs noch ordentlich Erspartes: 2019 ziehen sie von Freimann in eine größere, geförderte Fünf-Zimmer-Wohnung, in der sie bis heute leben. Das Paar muss eine Küche und Möbel für die Kinderzimmer anschaffen. "Von der alten Wohnung konnten wir nichts wiederverwenden, durch die lange Nutzung war alles unbrauchbar." Für 112 Quadratmeter zahlen sie seither 1500 Euro Miete warm.

Aus einem entspannteren Leben auf größerem Raum wird aber nichts: Erst kam die Pandemie, "und ich hatte 70 Prozent weniger Einkommen". Den zweiten, viel gravierenderen Knacks versetzt der Familie die schwere Depression seiner Frau Ava. An der leidet sie seit der Geburt ihres sechsten Kindes. Safia ist jetzt zwei Jahre alt. Adil Gulab musste seinen Nebenjob in der Gastro aufgeben und konnte auch als Taxifahrer nicht voll weiterarbeiten. Sarah, 9, und Samaa, 8, waren da schon in der Schule, aber für die kleinen Geschwister bekommen die Eltern keinen Betreuungsplatz. Und wenn die Mama krank im Bett liegt, muss sich einer kümmern. "Wir haben in der Umgebung keine Verwandtschaft, die uns unterstützt." Adil Gulab ist vor 25 Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Kabul nach München gekommen, seine drei Jahre jüngere Frau erreicht nach dem Abitur in Afghanistan das sichere Deutschland.

Zusehends habe sich der Gesundheitszustand seiner Frau verschlechtert, erzählt ihr Mann. Weder Therapien noch Medikamente schlagen merklich an. "Ich musste meine Arbeit ganz aufgeben und für die Kinder und sie da sein." Kein Einkommen und die Miete muss trotzdem gezahlt werden. Der Familienvater macht Schulden. "Die Raten waren so extrem hoch. Ich musste von Bekannten was ausleihen, um das zu zahlen." Eine Spirale setzt sich in Gang.

Seit eineinhalb Jahren werden die Gulabs von der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung, die im Sozialreferat angesiedelt ist, begleitet. Vordringliches Ziel ist es, die existenzielle Situation der Klienten zu stabilisieren, dazu zählt in erster Linie, dass sie nicht aus ihrer Wohnung fliegen und weiterhin in der Lage sind, Strom und Lebensmittel zu bezahlen. Die fristlose Kündigung liegt längst auf dem Küchentisch. "Es kann jeden Moment passieren, dass wir raus müssen", fürchtet der Familienvater. Er versuche Ruhe zu bewahren, sagt er am Telefon. "Aber ich bin auch nur ein Mensch."

Die Gulabs haben im Monat 2000 Euro zur Verfügung. 500 Euro gehen für Strom, Telefon und Sprit weg. Durch die explodierenden Preise kostet sie der wöchentliche Supermarkt-Einkauf statt bisher 150 Euro, 250 bis 270 Euro. Gleichzeitig will der Vater nicht, dass seine Kinder "das Gefühl haben, dass ihnen was fehlt".

Hafsa, 7, Jakob, 5, Eishak, 4, und Safia, 2, haben inzwischen Betreuungsplätze. Deshalb kann ihr Vater jetzt auch nebenbei eine Weiterbildung zum Lkw-Fahrer machen. "Die werden gesucht, hat das Arbeitsamt gesagt und zahlt sie auch." Schließlich muss irgendwann mal wieder Geld aufs Konto. Es dauert, bis Adil Gulab antwortet auf die Frage, wie es ihm selbst geht. "Bevor meine Frau krank wurde, haben die Ärzte Krebs bei mir diagnostiziert." Maximal sechs Monate geben ihm die Mediziner. "Aber ich bin immer noch da und kämpfe, um meine Familie zu retten."

Wo soll ein Mensch wie Adil Gulab mit Wünschen anfangen? Bei den Dingen, die sich am einfachsten realisieren lassen: Ein Etagenbett für die Mädchen, die zurzeit nur auf Matratzen schlafen, einen Schreibtisch für die Hausaufgaben; Winterkleider für die Kinder, "die wachsen so schnell aus allem raus". Sein großer Wunsch lässt sich nicht kaufen: "Dass sich meine Frau wieder glücklicher fühlt."

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