SZ-Adventskalender:Lernen, um zu leben

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SZ-Adventskalender: Büfffeln für eine schnelle Integration: Zakarya A. (an der Tür) und seine Frau Sarah (im Hintergrund) leben mit ihren vier Kindern in einer Wohnungslosenunterkunft.

Büfffeln für eine schnelle Integration: Zakarya A. (an der Tür) und seine Frau Sarah (im Hintergrund) leben mit ihren vier Kindern in einer Wohnungslosenunterkunft.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ihre Bildung ist alles, was der Familie A. geblieben ist, nachdem sie Saudi-Arabien verlassen musste. In München versucht sie, sich mit großem Eifer eine neue Existenz aufzubauen - und scheitert bislang daran, eine eigene Wohnung zu finden.

Von Andrea Schlaier

Fatima ist ganz außer sich vor Freude. Die Siebenjährige hat für die Gäste ihre Bücher zu einer Ausstellung arrangiert. Der kleine Drache Kokosnuss lehnt neben Zacharias Zuckerbein und einer "Komm mit in die Schule"-Fibel. Vor eineinhalb Jahren sprach das Mädchen ausschließlich Arabisch. Jetzt präsentiert sie plappernd ihre Schätze auf Deutsch. Zakarya A. legt lächelnd die Hände auf die Schultern seiner Tochter. Und schiebt sie durch den langen Flur weiter in die Küche, wo die großen Brüder am Tisch sitzen, vor sich einen Stapel Arbeitsblätter.

So richtig gelegen kommt den Jungs der Auflauf nicht. Omar, 14, und Amer, 15, lernen für einen Test am nächsten Tag in der Allacher Mittelschule. "Sie haben Glück und eine sehr gute Deutschlehrerin", sagt ihr Vater. Der 45-Jährige ist stolz auf seine Kinder. Und Ahmed mit seinen neun Jahren "lernt so schnell, er ist der Beste von allen. Seine Schrift sieht aus, als käme er von hier."

Bildung war in dieser Familie immer ein hohes Gut. Seit drei Generationen lebten die Jemeniten in Jeddah, im Westen Saudi-Arabiens. Zakarya A. arbeitete als Marketing- und Vetriebs-Manager unter anderem für Ikea, die großen Söhne waren in internationalen Schulen. "Aber als der Krieg im Jemen 2015 begann", sagt der Vater, "änderte sich alles. Jemeniten, egal, ob sie wie wir in Saudi-Arabien geboren waren, waren nicht länger willkommen, hier zu arbeiten oder ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern." Aber wohin? Nicht in den Jemen, wo der Krieg tobt.

Seit Frühjahr 2021 leben die sechs in einem ehemaligen Hotel an der Verdistraße, das die Stadt als Wohnungslosenunterkunft angemietet hat. Erst auf zwei Zimmer in unterschiedliche Stockwerke verteilt und mittlerweile in einer geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung unterm Dach. "Es war für uns eine Erlösung", sagt Zakarya A., "unser eigenes Bad, unsere eigene Küche, unsere eigene Privatsphäre zu haben."

"Ich kann arbeiten, ich brauche kein Geld vom Staat"

Mitte 2017 konnte A. seine Aufenthaltserlaubnis in Saudi-Arabien nicht mehr verlängern. Dann ist er erstmal alleine los, in den Westen, eine neue Heimat suchen. "Deutschland kannte ich von beruflichen Aufenthalten. Ich wusste, die schicken mich nicht in den Krieg. Und: Hier gibt es Jobs." An Asyl habe er nicht gedacht, "ich kann arbeiten, ich brauche kein Geld vom Staat. Das ist bei uns eine Schande." Als A. Ende 2018 in Deutschland ankam, musste er trotzdem einen Asylantrag stellen. Was er nicht wusste: Er darf die Familie nicht nachholen, so lange er noch keinen Aufenthaltstitel hat.

"Für meine Frau war es nicht einfach, sie hatte zwar unsere Familien in Jeddah, aber auch keine Aufenthaltsgenehmigung mehr. Wo sollte sie hin?", fragt Zakarya A. Im Haus ihres Vaters bekam sie ein kleines Zimmer für alle fünf. Und wartete. Während ihr Mann in Deutschland versuchte, alle Hebel in Bewegung zu setzen. Nach erstaunlich kurzen zwei Monaten und einer Sondererlaubnis bekam er einen Job im Vertrieb von H&M, wo er bis heute arbeitet. "Dass ich erst nur Englisch gesprochen habe, war für die kein Problem." Der Lebenslauf des studierten Marketing-Mannes sagte den Arbeitgebern zu. "Ich habe Empfehlungsschreiben von überall, wo ich schon mal beschäftigt war."

Von einer Flüchtlingsunterkunft in die andere wurde der 45-Jährige verlegt, irgendwann durfte er dann auch nach München übersiedeln, wo er arbeitete und sich ein WG-Zimmer nahm. Sarah und die Kinder reisten nach vielen bürokratischen Hürden am 23. März 2021 ein. Seither leben die sechs an der Verdistraße. Der Anfang war nicht einfach. Fatima leidet unter epileptischen Anfällen, sie kommen in der Nacht und werden mit verursacht durch Ängste, sagt ihr Vater. Seit die Familie im Haus in eine gemeinsame Wohnung umziehen durfte, ist es etwas besser. "Die Ärzte sagen, sie muss an einem ruhigen Ort leben."

Sie wünschen sich Fahrräder für alle

Den sucht der Vater unablässig. "Ich verdiene 16 Euro in der Stunde, das ist ganz gut; aber die Miete hier ist so hoch, wir bekommen Kindergeld und müssen dazu zahlen, was ich jeden Monat verdiene." Es reicht nur für Lebensmittel und die nötigste Kleidung. Er suche auf dem privaten Wohnungsmarkt, stoße aber permanent auf zwei Vorbehalte: "Viele Vermieter wollen keine großen Familien oder niemanden, der die Miete nicht allein zahlen kann und deshalb vom Jobcenter unterstützt wird." Die städtische Online-Vermittlung von Sozialwohnungen, "Sowon", bei der die Familie A. in der höchsten Dringlichkeitsstufe rangiert, habe kaum was in ihrer Größe anzubieten. Und wenn, kommen sie nicht zum Zug. "Wir würden so gerne näher an der Schule unserer Kinder wohnen, damit sie ihre Freunde einfacher treffen können", sagt der Vater.

Fahrräder, um dort unproblematisch hinzukommen, wären auch eine Erleichterung. Deshalb wünscht sich Zakarya A. welche für die Kinder und für seine Frau und sich auch. Er sagt: "Wir haben kein Geld für große Unternehmungen. Wenn wir Räder hätten, könnten wir gemeinsam was machen, was nichts kostet."

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