SZ-Adventskalender:Die Autofahrt, die alles veränderte

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SZ-Adventskalender: Bei einem Verkehrsunfall wurde Ali K.s Wirbelsäule verletzt. Er leidet unter starken Schmerzen und kann nachts nicht schlafen.

Bei einem Verkehrsunfall wurde Ali K.s Wirbelsäule verletzt. Er leidet unter starken Schmerzen und kann nachts nicht schlafen.

(Foto: Hussein Khudr/oh)

Ali K. war ein junger Lehrer im Irak, als sein Auto von der Straße abkam. Seine Schwester starb, er braucht seitdem einen Rollstuhl. Jetzt lebt er in Deutschland - mit dem Schmerz und der Schuld.

Von Sabine Buchwald

Ali K. hat zwei Begleiter, die nicht von seiner Seite weichen: die Schuld und der Schmerz. Seit neun Jahren lebt er mit ihnen. Seit dem Unfall, über den er kaum reden kann. Seine Stimme wird brüchig und die dunkelbraunen Augen füllen sich mit Tränen, als die Sprache darauf kommt. 2011, er lebte damals noch in seinem Heimatland Irak, kam er von einer Straße ab. Seine Schwester saß mit ihm im Auto. Sie war neun Jahre alt. Was genau passierte, kann er nicht ausdrücken. Er rollt die Hände und Unterarme in der Luft. Hat sich das Auto überschlagen? Ali K. nickt mit dem Kopf. Die Schwester ist bei dem Unfall ums Leben gekommen, er sitzt nun im Rollstuhl.

Ein Besuch an einem Sonntagnachmittag, Ali K. sitzt im Wohnzimmer. Er hat sein rechtes Bein über das linke geschlagen. Es ist dünn und biegsam, als gehöre es zu einer Gummipuppe. Ali K. kann mit Daumen und Zeigefinger um seine Fessel fassen. Das Bein wirkt leblos, aber so ist es nicht. Es wäre wohl gut, wenn es wirklich so wäre. Obwohl es nicht mehr zum Laufen taugt, sausen in kurzen regelmäßigen Abständen Impulse bis zum Fuß. Sie bringen die Schmerzen. Ali K. krampft seine Finger und verzieht das Gesicht. So will er ausdrücken, wie weh ihm der Fuß und das Bein tun. "Ich kann nicht schlafen", sagt er. Während man sich mit ihm unterhält, schlägt er immer wieder gegen seinen Oberschenkel. Ali K. legt eine Hand auf die unteren Lendenwirbel. Er zeigt die Stelle, von der aus der Schmerz kommt. Den Fuß zu amputieren, würde deshalb wohl nicht viel nützen, hat ihm ein Arzt erklärt.

Er hat keine Kraft und keine Verbindungen zu Medizinern

Nach dem Unfall flog Ali K., der eigentlich anders heißt, mehrmals auf eigene Kosten nach Deutschland, um sich hier operieren zu lassen. Anfangs hoffte er noch darauf, dass alles wieder wird, dass er wieder gehen kann. Dann beantragte er Asyl, um in Deutschland bleiben zu können. Im Irak wären die Chancen auf Besserung noch geringer, ein Leben im Rollstuhl ohnehin kaum zu meistern. Die Operationen waren nicht so erfolgreich, wie er sich das gewünscht hat. Nun möchte er wenigstens den Schmerzen entfliehen. Sein Oberkörper ist kräftig, er kann mit dem Rollstuhl gut umgehen. Aber wer kann ihm noch helfen? Ali K. weiß es nicht. Ihm fehlen die Kraft, die Verbindungen zu Medizinern in Deutschland und inzwischen auch die Mittel, nach neuen Therapien zu suchen.

Ali K. ist jetzt 39 Jahre alt. Er ist Kurde und stammt aus der Universitätsstadt Sulaimaniya. Dort hat er Geografie studiert und nach dem Studium als Lehrer gearbeitet. Er habe alle Klassen unterrichtet, sagt er. "Von eins bis neun." Seine Augen werden sanft, als er davon erzählt, er lächelt. Er hat offenbar gerne unterrichtet. Sein Leben war gut, bis zu jenem Unfalltag.

Ali K. nimmt starke Schmerzmittel. Wie die meisten Medikamente haben sie Nebenwirkungen. Zum Ausgleich und zur Stärkung braucht er andere Medikamente. So ein Fall wie seiner ist auch für seine zuständige Sozialbetreuerin nicht alltäglich. Sie meldet sich telefonisch und sagt: "Ich sehe, wie er leidet." Psychisch und physisch. Sie erzählt, dass sein allergrößter Wunsch sei, ohne Schmerzen zu leben. Dass er aber auch so gerne seinen Bruder in Norwegen besuchen würde und sich das aber nicht leisten könne. Und dann sagt sie noch, dass ihr Schützling es nicht wage, diesen zweiten Wunsch laut auszusprechen. Sie tut es für ihn, weil sie glaubt, dass ihm ein bisschen Freude und Ablenkung gut täten und ihm Hoffnung gäben.

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