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SZ-Adventskalender:Schwere, schöne Kindheit

Im Münchner Waisenhaus leben 134 Buben und Mädchen getrennt von ihren Bezugspersonen. Mithilfe von Pädagogen, Psychologen und Therapeuten bilden sie eine Riesenfamilie

Von Ilona Gerdom, Nymphenburg

Dreimal muss Khalil Younes umkehren und noch mal die Treppe hoch. Beim ersten Mal, weil er seinen Schlüssel vergessen hat. Dann wegen der Maske und zuletzt, um seinen Basketball zu holen. Die Stufen, die der 17-Jährige nimmt, führen ihn nicht in die Wohnung seiner Eltern, sondern in den ersten Stock des Münchner Waisenhauses. Seit etwa drei Jahren ist er an der Waisenhausstraße 20 zu Hause. Khalil Younes lebt dort im "teilbetreuten Wohnen". Nur er, "meine Eltern sind ja nicht da", sagt der 17-Jährige. Er ist aus Syrien geflohen und kam 2015 zusammen mit seinem Onkel in Deutschland an. Der sei eigentlich sein Vormund gewesen, erzählt der junge Mann, aber habe ihm nicht helfen können. Gerade in schulischen Belangen. "Wegen der deutschen Sprache und so." Nach wie vor sieht er seinen Onkel regelmäßig. Im Gegensatz zu seinen Eltern und seiner Schwester. Zu ihnen hat er nur über soziale Medien Kontakt. Khalil Younes vermisst sie.

Und trotzdem: Allein ist er nicht. Zusammen mit zwei anderen Jugendlichen lebt er in einer Art Wohngemeinschaft; kennengelernt haben sich die Jungs in einer anderen Abteilung des Waisenhauses, inzwischen sind sie eng befreundet. Younes sagt: "Es hilft auf jeden Fall, dass man zusammen Zeit verbringt und sich nicht einsam fühlt." Von zehn bis 15 Uhr sind Sozialpädagogen da, die als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und sich um Verwaltungsangelegenheiten kümmern. Putzen, kochen, einkaufen: das erledigen die Teenager selbst.

"Der Moment, wenn du aus deiner Familie herausgezogen wirst, ist traumatisierend", sagt Waisenhaus-Pädagogin Vanessa Geiger.

(Foto: Robert Haas)

Im September hat Younes eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker begonnen. Wenn er nicht arbeitet, macht er Ausflüge mit den anderen Heimbewohnern. Organisiert werden sie von Pädagoginnen wie Vanessa Geiger. Im vergangenen Jahr rief sie das Projekt "FC Bayern goes green" ins Leben: Ein Wochenende in Bad Tölz unter dem Motto "Sport, statt Handy". "Ich habe dort zum ersten Mal Basketball gespielt", erzählt Younes. Seither ist das sein Hobby. Vanessa Geiger sagt, besser könne es nicht laufen. Im kommenden Jahr will sie das wieder anbieten. Um dies möglich zu machen, ist die städtische Einrichtung aber auf Spenden angewiesen.

Geigers Job umfasst weit mehr, als Kinder zu beschäftigen. "Die Pädagogen sind immer präsent. Hier gibt es immer ein offenes Ohr. Hier gibt es Psychologen. Hier gibt es Fachdienste." Diese Strukturen sind wichtig. Denn, was die 134 Kinder und Jugendlichen eint, ist die Trennung von ihren Bezugspersonen. Und die hinterlässt Spuren. Ob Fluchterfahrung oder Inobhutnahme durch das Jugendamt, allein der Moment "wenn du aus deiner Familie herausgezogen wirst", sei traumatisierend, sagt Geiger.

In den Schutzstellen Nemo und Dorie des Münchner Waisenhauses werden Kleinkinder betreut, wie hier von Christine Schiffermüller.

(Foto: Robert Haas)

Schon die jüngsten Heimbewohner haben das erlebt: Vom Baby bis zu 14-Jährigen sind sie in drei Schutzstellen untergebracht. Eine davon trägt den Namen "Dorie". Die Wände der Abteilung schmückt eine Unterwasserwelt. Hier schwimmen Haifische und wachsen Algen. Auf dem Boden stehen Bobby Cars und Laufräder. Mitaufgebaut wurde der Bereich von der gelernten Erzieherin, studierten Sozialpädagogin sowie Suchttherapeutin Katrin Breu. "Was im Vorfeld war, wissen wir oft nicht", erläutert sie. Häufig seien die Kleinen schreckhaft, hätten Schlafstörungen, könnten weder Nähe noch Trost zulassen. Dann gehe es darum, Vertrauen aufzubauen. "Für die Kinder soll klar sein: Hier ist ein sicherer Ort." Im Alltag gilt für sie die Annahme des guten Grundes. Jedes Verhalten habe seine Berechtigung und dahinter stehe ein Bedürfnis. Das zu erfüllen, sei eine Aufgabe des Fachpersonals.

Rund um die Uhr betreuen die Sozialpädagogen Mädchen und Jungen. Viel dieser Zeit wird an der frischen Luft verbracht. Dafür braucht die Einrichtung einen größeren Krippenwagen und ein Laufgitter für den Garten, sodass Kleinkinder sicher spielen können. Ohne zusätzliche Gelder wird das wahrscheinlich scheitern. Auf lange Sicht ist das Ziel, dass die Kinder wieder zu ihren Familien können. Breu betont: "Oft geht es um Eltern, die ihre Kinder über alles lieben, aber selbst zu viele Baustellen haben." Man vermittle sie zum Beispiel an Erziehungsberatungen oder die Suchthilfe und arbeite eng mit den Müttern und Vätern zusammen.

Ob Eltern, Babys oder Jugendliche: Allein mit seinem Schicksal soll dort niemand sein. Das sei schön, sagt Khalil Younes. Er will bleiben, bis er seine Ausbildung abgeschlossen hat. Das bestätigt Sozialpädagogin Vanessa Geigers Einschätzung: "Viele haben hier schöne Kindheiten. Obwohl sie zum Beispiel aus einem Kriegsgebiet stammen, sagen sie jetzt: "'Die letzten fünf Jahre waren schön'. Weil es halt wie eine Riesenfamilie ist."

© SZ vom 30.11.2020
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