SZ-Adventskalender:"Zusammen werden wir es schaffen"

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SZ-Adventskalender: Rosemary N. arbeitet als Reinigungsfrau in mehreren Privathaushalten. Viel Geld verdient sie damit nicht. Trotzdem versucht sie immer wieder, etwas mit ihrem Sohn Jasen zu unternehmen.

Rosemary N. arbeitet als Reinigungsfrau in mehreren Privathaushalten. Viel Geld verdient sie damit nicht. Trotzdem versucht sie immer wieder, etwas mit ihrem Sohn Jasen zu unternehmen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Rosemary N. sorgt alleine für ihren zehnjährigen Sohn. Sie will das Leben für die kleine Familie erträglich gestalten, aber es fehlt an wichtigen Dingen.

Von Berthold Neff

Es ist ein langer Weg, den Rosemary N. zurückgelegt hat in diesen 13 Jahren, seit sie aus der Hitze Afrikas in die Kälte Europas gekommen ist. Aufgewachsen ist sie in der Nähe der kenianischen Hauptstadt Nairobi, mit sechs Geschwistern. Die Eltern bemühten sich, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu sichern. Bei ihr sah das so aus, dass sie eine Lehre in der Hotel- und Tourismusbranche machte und in der Freizeit zu den drei Sprachen, die sie ohnehin beherrschte - neben ihrer Muttersprache Kikuyu noch die offiziellen Landessprachen Swahili und Englisch -, auch noch einen Deutschkurs belegte.

Danach ging sie für ein Jahr als Au-pair nach Österreich, unter anderem ins Kleinwalsertal, einer österreichischen Enklave, die mit dem Auto nur über Oberstdorf angebunden ist. Den weiteren Deutschkurs absolvierte Rosemary N. dann entsprechend im Oberallgäu, in Sonthofen. 2009 lernte sie dann den Vater ihres Jungen kennen, einen Aufzugsmonteur. "Anfangs war alles gut", sagte Rosemary N., doch der Mann verließ sie, als Jasen noch ein Säugling war. Davon ließ sie sich aber nicht entmutigen, "ich wollte stark sein für meinen Sohn", sagt die schlanke, großgewachsene Frau mit dem gewinnenden Lächeln - soweit man das durch die Maske beurteilen kann.

Und stark ist sie bis heute, arbeitet als Reinigungsfrau in mehreren Privathaushalten, vermittelt über eine Agentur. Viel Geld verdient sie damit nicht, und mit dem Unterhalt, den der Vater immerhin zahlt, sowie dem Kindergeld kommt sie gerade so über die Runden. Wohngeld für ihre kleine Zweizimmerwohnung im Wohngebiet an der Hochäckerstraße hat sie beantragt, aber noch keine Antwort erhalten.

Ihr ausländerrechtlicher Status ist fragil, sie muss ihre Aufenthaltsgenehmigung immer wieder verlängern. Eine unbefristete Genehmigung würde sie nur erhalten, wenn sie nicht mehr auf Sozialleistungen angewiesen wäre. Darauf arbeitet sie hin, aber als Alleinerziehende hat sie es schwer. Da ihr Sohn erst zehn Jahre alt ist, kann sie keinen Schichtdienst leisten. Das wäre aber die Voraussetzung für einen Job im Hotel. Bevor Corona vieles lahmlegte und vor allem die kleinen Leute mit ihren Mini-Jobs traf, arbeitete sie als Küchenhelferin in einem Restaurant. Aber auch dann blieb nicht viel übrig zum Leben. Die kleine Wohnung ist zwar geschmackvoll eingerichtet, aber es fehlt an wichtigen Dingen.

Jasen zum Beispiel hat weder einen eigenen Schrank noch ein Regal, um seine Dinge aufzubewahren. Auch einen Schreibtisch bräuchte er, um die Hausaufgaben zu machen. Die Mutter hat ihr Bett im Schlafzimmer für ihn geräumt, dort schläft er jetzt, während sie mit der Couch im Wohnzimmer vorliebnimmt. Hinzu kommt, dass in der Küche eine Schublade kaputt ist und einige Lampen nicht mehr funktionieren. Manchmal ist es alles zu viel für sie, "aber zusammen werden wir es schaffen", sagt Rosemary N. Auch wenn das Geld knapp ist, versucht sie immer wieder, etwas mit Jasen zu unternehmen. Er malt gern, sie spielen Memory, aber am liebsten ist es ihm, wenn sie in die Stadt fahren, ab und zu auch in den Tierpark. Bei den Ausflügen in die Stadt schaut er begeistert auf den Verkehr, denn sein Berufswunsch ist schon jetzt ziemlich klar: "Entweder Youtuber oder lieber noch S- oder U-Bahn-Fahrer", das sagt er immer wieder.

Zu Hause sprechen sie meist Swahili oder Englisch, das haben die Familientherapeuten empfohlen. Deutsch lernt Jasen in der Schule, er kommt gut zurecht. Und wenn er Swahili kann, kommt er auch in Kenia zurecht. Zwei Mal sind sie dort gewesen. 2016, zur Beerdigung des Vaters, und dann noch einmal 2018. Mehr Reisen gibt das Budget nicht her. Jetzt geht es darum, das Leben hier erträglich zu gestalten. Rosemary N. ist entschlossen, genau dies zu schaffen. Und darüber hinaus eine gute Mutter zu sein.

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