SZ-Adventskalender:Es gibt immer einen Ausweg

Lesezeit: 4 min

Michael Höltzer

Wenn Michael H. anfängt, über Hölzer zu fachsimpeln, gerät er schnell ins Schwärmen. Bereits seit der vierten Klasse habe er Schreiner werden wollen, sagt er.

(Foto: Catherina Hess)

Nach einer schweren Jugend hat Michael H., 25, sein Glück bei einer Schreiner-Ausbildung gefunden. Aber der Schritt in ein normales Leben ist nicht leicht.

Von Clara Löffler

Hoch konzentriert steht Michael H., 25, an der Tischfräsmaschine, bedient fachmännisch Kurbeln, Knöpfe und Schalter. Der Anleitung zum sicheren Arbeiten würdigt er keines Blickes, so viele Male hat er diesen Vorgang bereits ausgeführt. Ganz einfach sieht das bei ihm aus, dabei muss jeder Handgriff sitzen, sonst kann es schnell gefährlich werden. Gleich in der ersten Woche seiner Ausbildung zum Schreiner in der Werkstatt des Anderwerk habe Michael sich mehrere Verletzungen zugezogen, sagt er, und zeigt die Narben an seinen Fingern, die von einer Säge stammen. Unterdessen käme das aber nur noch selten vor.

Menschen einen Start in das Berufsleben zu ermöglichen, denen in der Vergangenheit viele Steine in den Weg gelegt worden sind

Um ihn herum stehen eine Reihe weiterer großer, silber glänzender Maschinen, in den Regalen an den Wänden liegen unzählige Holzbretter. Der Auszubildende zieht eines der Bretter hervor, reibt an seiner Oberfläche und riecht daran. Zirbelkiefer. Es ist derselbe Geruch, der auch den Rest des Raumes erfüllt. "Das ist der Grund, warum ich meine Ausbildung so liebe", sagt er. Wenn der junge Mann anfängt, über Hölzer zu fachsimpeln, gerät er schnell ins Schwärmen. Bereits seit der vierten Klasse habe Michael Schreiner werden wollen, sagt er.

Bis dahin war es ein langer Weg, eine abgebrochene Ausbildung liegt bereits hinter ihm. Ähnlich wie das Anderwerk war auch diese Ausbildungsstätte darauf spezialisiert, Menschen einen Start in das Berufsleben zu ermöglichen, denen in der Vergangenheit viele Steine in den Weg gelegt worden sind. Geflüchteten etwa. Oder Menschen wie Michael, die von zu Hause keine Unterstützung erwarten können. Doch hätten dort strenge Hierarchien geherrscht, auf die persönlichen Probleme der Jugendliche wäre nicht eingegangen worden, obwohl es das ist, was diese so dringend gebraucht hätten, erzählt Michael.

"Wenn etwas zu schwierig wird, mache ich die Augen zu, ziehe die Decke über den Kopf und bleibe zu Hause."

Bei Anderwerk ist das anders, Michael schätzt die "familiäre Atmosphäre" dort: "Hier wird auf deine Probleme Rücksicht genommen. Die Meister sind fokussiert darauf, dich tatsächlich weiterzubringen und nicht darauf, Geld zu machen, wie es in anderen Werkstätten üblich ist." Immer wieder hat der Azubi in der Vergangenheit seine Ausbildung geschwänzt: "Wenn etwas zu schwierig wird, mache ich die Augen zu, ziehe die Decke über den Kopf und bleibe zu Hause." Mithilfe der Sozialpädagogen vor Ort versucht er das nun in den Griff zu bekommen. Eine von ihnen ist Katharina Meram: "Wir haben hier mehr Verständnis. Es geht nicht darum, dass du etwas falsch gemacht hast, wenn du nicht erscheinst. Du weißt natürlich, dass das nicht geht, aber es wird geschaut, wo liegt das Problem und es wird versucht, das Problem zu beheben."

Dabei helfen sollen auch die gemeinsamen Ausflüge, die die Auszubildenden jeden Freitag mit den Pädagogen unternehmen. Sie gehen dann gemeinsam klettern oder Rad fahren. Einmal sind sie zum Schloss Neuschwanstein gefahren für eine Wanderung: "Wir mussten uns selbst einen Weg suchen. Der Sozialpädagoge hat aber aufgepasst, dass wir nicht vom Weg abkommen und uns verletzen." Eine Metapher für das, was täglich im Anderwerk geschieht.

Die gemeinsamen Unternehmungen haben auch die Azubis untereinander zusammengeschweißt. Michael hat hier endlich die Familie gefunden, nach der er sein Leben lang vergeblich suchen musste. Als er auf die Welt kam, war seine Mutter obdachlos. Bereits mit einem Jahr musste er deshalb in ein Kinderheim, dann war er wieder für kurze Zeit bei seiner Familie, dann wieder im Heim. Einmal seien er und sein Bruder innerhalb eines Jahres in 15, 20 verschiedenen Heimen gewesen, an die genaue Zahl erinnert er sich nicht mehr.

"Ich habe mir von vielen Leuten, auch von meinem eigenen Vater, immer anhören müssen, dass ich ein Versager bin."

Michael trägt einen grauen Pullover, eine beige Hose und schwere Arbeitsschuhe. Die Kappe hat er sich verkehrt herum aufgesetzt, damit sie ihn nicht bei der Arbeit behindert. Einzig die Körpersprache des jungen Mannes lässt erahnen, dass er oft in seinem Leben gedemütigt worden sein muss, seine Worte bestätigen es. "Ich habe mir von vielen Leuten, auch von meinem eigenen Vater, immer anhören müssen, dass ich ein Versager bin." Immer wieder geriet Michael an die falschen Menschen. In der Schule tat er sich schwer, er ist Legastheniker. Am Ende machte er den Hauptschulabschluss.

Das sind nur wenige der Geschichten, die Michael zu erzählen hat aus seinem jungen Leben. Auch wenn sie ihm teilweise unangenehm sind, ist es ihm wichtig, dass sie gehört werden. Damit sie anderen Menschen erspart bleiben und auch um zeigen, dass es immer noch einen Ausweg gibt.

Michael ist außergewöhnlich reflektiert. Er hat aus seinen Fehlern gelernt, weiß genau, wann er sich einen Fehltritt geleistet hat, aber auch, was ihm gut tut. Er geht oft im Wald spazieren oder macht Sport mit seinen Freunden. Dieser Ausgleich habe ihm während des Corona-Lockdowns besonders gefehlt.

Momentan lebt Michael wieder bei seiner Mutter, zusammen mit seinem Bruder, doch beschreibt er das Verhältnis als alles andere als familiär: "Wir essen in getrennten Zimmern, wir feiern kein Weihnachten. Ich bin der Einzige in der Familie, der momentan einen strukturierten Tag hat. Meine Mutter findet seit zwölf, 13 Jahren keine Arbeit."

Wenn er die Werkstatt nicht hätte, die ihn auffängt, würde es ihm schwerfallen, sich davon nicht herunterziehen zu lassen, sagt er. Aus der Wohnung ausziehen? Das kann er sich nicht leisten.

Nachdem er seine erste Ausbildung abgebrochen hatte, fiel er in eine Depression. Es häuften sich Schulden an, die er nun abbezahlen muss, auch unbezahlte Rechnungen seiner Mutter. Da bleibt nicht viel Geld im Alltag, auch nicht dafür, Geld zurückzulegen für sein Gesellenstück im nächsten Sommer. Dabei ist es ihm als Holzliebhaber natürlich wichtig, ein qualitativ hochwertiges Stück anzufertigen. Die Materialkosten können sich da schnell auf 500 Euro belaufen.

Auch in den Urlaub würde er gerne irgendwann einmal fahren, am liebsten an den Gardasee. Dort war er einmal zusammen mit den anderen Kindern im letzten Kinderheim. Das sei die einzige schöne Zeit in seinem Leben gewesen, sagt er, abgesehen von seiner Ausbildung im Anderwerk. "Diese Erinnerung würde ich gerne nochmal aufleben lassen."

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