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SZ-Adventskalender:Lotsen durch die Welt der Wörter

Der Münchner Verein "Kinder integrieren durch Sprache" trainiert ungeübte Schüler in der Kulturtechnik des Lesens. Woche für Woche erreichen die Ehrenamtlichen 170 Buben und Mädchen, die als erstes eines lernen: Geduld

Spontan fällen die Zweitklässler aus der Helmholtzstraße ihr Urteil: "Sie ist sehr streng", sagen sie. "Sie ist sehr nett", kommt im selben Atemzug. "Und sie ist sehr schweizerisch." Hochachtung schwingt mit bei der Charakterisierung von Riccarda Boehm, der kleinen, quirligen Frau, die Woche für Woche kommt und ihnen dabei hilft, flüssiger zu lesen und vor allem auch zu verstehen, was für lustige Geschichten sie ihren Kameraden vortragen. Yassine, Louis, Diego, Elias und Paul, sechs Buben aus der 2 g, freuen sich auf diese besonderen Stunden im kleinen Kreis in der Bibliothek, und auf Riccarda Boehm, die Gründerin von "MKidS".

Äußerst aufmerksam: Yassine lauscht konzentriert den Erklärungen von Riccarda Boehm.

(Foto: Catherina Hess)

Das M steht natürlich für München. Das große S, erklärt Boehm, sei kein Schreibfehler des englischen Wort "Kids" für "Kinder". Der Vereinsname ist aus den Anfangsbuchstaben des Vereinszwecks zusammengesetzt: "Kinder integrieren durch Sprache", KidS eben. Die Welt der Bücher ist eine wunderbare, das hat Boehm jahrelang als ehrenamtliche Vorleserin bei den Lesefüchsen ungezählten Kindern vermittelt. Sechs Jahre lang hatte sie in diesem Verein auch den Vorsitz inne. Dann, so sagt sie, sei es dort Zeit gewesen für einen Wechsel.

Leseförderung an Grundschule in München, 2019

Riccarda Boehm und ihre Kollegen vermitteln den Kleinen unter anderem mit pädagogischen Sprachspielen die wunderbare Welt der Bücher.

(Foto: Fotos: Catherina Hess)

Die gebürtige Schweizerin und gelernte Versicherungskauffrau, die der Liebe wegen nach München kam und wegen der Folgen zweier Autounfälle zur Frührentnerin wurde, wollte aber nicht verzichten auf diese für sie so schöne Kombination aus Kindern und Büchern. Und so gründete sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Martin, einem Journalisten, am 8. März 2016 den neuen Verein, der noch tiefer gehen will, als nur vorzulesen: MKidS will mit "dialogischem Lesen", geduldigem Üben und pädagogischen Sprachspielen Kindern ein effektives, aber kurzweiliges Training in dieser grundlegenden Kulturtechnik bieten. Der Verein will "Lotse" sein zwischen Buchstaben, Silben, Worten, vor allem für Kinder mit anderen Muttersprachen und solche, in deren Familien gar nicht gelesen wird. Ehrenamtlich, verlässlich und kostenlos.

In einem Raum der Grundschule an Helmholtzstraße lernen ungeübte Schüler die Kulturtechnik des Lesens.

(Foto: Catherina Hess)

Lehrerin Anna Dognin sagt, laut vorlesen mit 21 Kindern, das sei "der Horror". Denn die meisten seien noch so langsam, dass sie die 20 anderen langweilten, und die machten dann natürlich Blödsinn. Dognin ist froh über diese Entlastung, zumal sie mit den handverlesenen, motivierten Ehrenamtlichen von MKidS "gar keine Arbeit" habe, Boehm habe alles bestens organisiert. "Das ist das Tolle." Die beiden Frauen unterhalten sich darüber, wie schnell man es an der Sprache und am Wortschatz merkt, wenn ein Kind von daheim keinen Bezug vermittelt bekam zu gedruckten Abenteuern, wenn es "nur Playstation und Youtube" gab. Sie fachsimpeln, welche Geschichten gut sind für den Zweck der MKidS. Auch in der zweiten Klasse brauche es noch Bilder, sagt Boehm etwa.

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Die Sprach-Lotsen sind in der Auswahl frei, das Buch muss aber zur Altersgruppe passen. "Harry Potter ist nichts für die erste Klasse." Die 13 Frauen und drei Männer, die für den Verein in Kitas und Schulen gehen, etwa in der Hirschbergstraße, am Neuperlacher Karl-Marx-Ring oder in der Messestadt, kennen die einschlägigen Verlage, die gute Kinderliteratur herausbringen, die geliebten Autoren. Sie dürfen sich auf Vereinskosten aber auch zu Fortbildungen anmelden. Woche für Woche erreichen sie derzeit 170 Kinder, mit einmaligen Aktionen etwa zum Vorlesetag oder dem Welttag des Buches auch mal fast 600. Sie suchen aber weitere Freiwillige.

Dass in der Grundschule Helmholtzstraße eine reine Buben- und eine reine Mädchengruppe zustande kamen, ist Zufall, gewünscht sind gemischte Kleingruppen. Dort betreut Lotsin Angelika Baumgärtner, von Beruf Buchhändlerin, die Mädchen. Laura-Sophie, Nadina, Nana, Marie, Zarmala und Mia haben bei ihr bereits eine wichtige Tugend gelernt: Geduld. Sie warten, bis auch die schwächste von ihnen sich durch einen Abschnitt gekämpft hat; sie beißen sich auf die Zunge und sagen nichts vor, auch wenn sie die Antwort, was zum Beispiel "Karibik" ist, wissen: "Irgendwas mit Meer." Die Lotsin greift knapp und gezielt ein: "Buchstabe", "Endung", sagt sie. Und das Mädchen, das die Geschichte von den Piratinnen vorliest, sieht gleich selbst, was sie schlampig ausgesprochen hat und verbessert sich. Sie hat begriffen, dass sie nach dem Punkt eine Pause macht. Da wird dann mit Lob auch nicht gespart. Und alle freuen sich am Ende auf den Sticker, den sie ins Übungsheft kleben dürfen.

Bei den Buben geht es lebhafter zu. Sie radieren mit Hingabe, ein Bleistift fällt zu Boden. Boehm weiß aber, wie sie alle bei der Stange hält. "Wir sind schon mal lustig. Aber wir wissen, dass wir auch eine Verantwortung der Schule gegenüber haben." Sie sprechen über Papageien. "Paul, das ist mein Schuh", sagt einer. Konzentration am Nachmittag ist nicht einfach. "Knopf aus", sagt Boehm - und es klappt.

Zwei Mütter stehen schon zum Abholen bereit. Rim Feani, Mutter von Yassine, erzählt, ihr jüngerer Sohn lese mit solcher Begeisterung, "sogar mehr als sein großer Bruder". Das sei sicher auch den MKidS zu verdanken. Ulrike Hübner, Mama von Elias, freut sich, dass ihr Sohn in der Kleingruppe "auch mal zeigen kann, was er drauf hat". Und, dass die MKidS ihm den Spaß am Lesen vermitteln: "Das belebt den Schulalltag sehr", sagt sie.

Der Verein schenkt den Kindern noch mehr als nur die Zeit der Ehrenamtlichen. Jedes Kind bekommt vom Verein in jedem Schuljahr ein eigenes Buch oder Übungsheft geschenkt. Nach der zweiten Klasse machen alle gemeinsam einen Ausflug ins Schwabinger Kinderkunsthaus. Da sponsern die Ehrenamtlichen auch die Fahrtkosten. Wenn der Verein sein Angebot weiter ausdehnen will, dann braucht er nicht nur Zuwachs an Ehrenamtlichen - sondern auch Hilfe bei diesen Kosten.