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SZ-Adventskalender:Keine Verschnaufpause

Mann gestorben, Tochter krank: Marie N. kommt nicht zur Ruhe

Die Fotos von ihrem Mann hängen an der Wohnzimmerwand. Wie er neben ihr steht am Hochzeitstag, groß und kräftig. Bilder von ihnen beiden mit den Kindern, mit den Großeltern. "Wie hätte ich wissen können, dass das alles so schnell vorbei sein kann?", sagt Marie N. Ihr Mann war 39, als er vergangenes Jahr an einer Lungenentzündung starb.

Seitdem lebt Marie N. ( Namen geändert) allein mit ihren drei Kindern in München. Der Älteste, Sven, macht heuer seinen Abschluss an der Mittelschule, die Jüngste geht noch in den Kindergarten. Und trotzdem ist sie so groß wie Sandra, ihre zwei Jahre ältere Schwester. Sandra ist geistig behindert. "Wir haben schon, als sie sechs Monate alt war, bemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Sie hat keinen Blickkontakt gehalten, als ob sie durch uns hindurchschaut", sagt die Mutter zurückblickend. Aber was genau Sandra fehlt, das kann Marie N. bis heute niemand sagen. "Wir haben keine klare Diagnose bekommen." Andererseits würde es Marie N. auch wenig helfen zu wissen, warum ihre Tochter nicht laufen und nicht sprechen kann. Immerhin: Seit ein paar Wochen hält sie es auch mal eine Zeitlang ruhig im Kindersitz aus. "Das ist schon ein Fortschritt."

"Heute gibt es keinen Abend, an dem ich nicht arbeite", sagt Marie N., sich um die behinderte Tochter zu kümmern, ist sehr zeitintensiv.

(Foto: Catherina Hess)

"Sie ist ein freundliches Kind", sagt N., "sie sucht den Kontakt zu Menschen." Das jedenfalls ist eine Erleichterung. So kann Marie N. sonntags in ihre Kirchengemeinde gehen und Marie dort auch mal anderen Müttern anvertrauen - und Zeit für sich haben. "Ich komme daheim ja kaum hinterher mit dem Haushalt", sagt sie. "Früher, als mein Mann noch da war, hatte ich einen Waschtag in der Woche. Heute gibt es keinen Abend, an dem ich nicht arbeite." Sich um Sandra zu kümmern, ist sehr zeitintensiv. Oft lässt sie sich lange bitten, um überhaupt etwas Obst oder Gemüse zu essen. Die Mutter behilft sich mit Gläschen, aber das ist teuer, und viel Geld hatte N. schon vor dem Tod ihres Mannes nicht. Einen neuen Kleiderschrank für ihre Mädchen wünscht sich Marie N. Das verschlissene Sofa würde sie gern auswechseln. Und für Sven eine Spielekonsole. Gerade hat er seine jüngste Schwester vom Kindergarten abgeholt, nun schmiert er ihr ein Brot. "Er hilft mir sehr", sagt die Mutter.