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SZ-Adventskalender II:Body-Percussion

Hanns-Günter Wolf musiziert mit traumatisierten Menschen

Von Franziska Rentzsch

"Gesundheit", sagt der Psychologe Hanns-Günter Wolf, "ist der flexible Umgang mit Gefühlen." Was aber, wenn ein gesunder Umgang mit der eigenen Gefühlswelt kaum noch möglich ist, wenn ein traumatisches Erlebnis einen Menschen blockiert und Gefühle zur Qual werden lässt? An dieser Stelle setzt der Musiktherapeut im Trauma-Hilfe-Zentrum München an. Seit 2013 arbeitet Wolf bei diesem Projekt mit traumatisierten Menschen zusammen, musiziert mit ihnen und will sie so in ihrer emotionalen Stabilität unterstützen. Mit der diesjährigen Spende des "SZ-Adventskalenders für gute Werke" kann das Projekt auch weiterhin bestehen.

Die Gruppentreffen sollen eine Auseinandersetzung mit traumabezogenen Emotionen möglich machen, ohne dabei das Trauma direkt zu konfrontieren. "Das Reden über traumatische Erlebnisse oder der Besuch der Orte, an denen ein Missbrauch stattgefunden hat, kann für die Betroffenen extrem belastend sein", sagt Wolf. Er möchte seinen Teilnehmern die Möglichkeit bieten, sich schmerzhaften Gefühlen behutsam zu nähern. "Die Arbeit mit der Musik ist die sinnlichste Therapie", sagt Wolf, der Dozent für Musiktherapie an der Universität Augsburg ist.

Jeden Mittwochabend trifft sich die Gruppe für eine Stunde, um gemeinsam zu musizieren. Das Gespräch spielt dabei eine ganz untergeordnete Rolle. Die oberste Regel lautet: Es gibt kein Trauma-Talking. Stattdessen wird der Körper über Body-Percussion und Atemübungen erkundet, es werden Instrumente ausprobiert und ein erstes Zusammenspiel erprobt - was nicht immer unproblematisch ist: "Denn es gibt kein Instrument, das ungefährlich für einen traumatisierten Menschen ist", sagt Wolf. So könne beispielsweise ein klopfender Rhythmus dem Ticken einer Uhr ähneln, die der Betroffene gehört hat, während er in einem Keller eingesperrt war. Oder bekannte Melodien können an Momente des Missbrauchs in der Kindheit erinnern. Mit ein Grund, weshalb Wolf nicht auf populäre Musik, sondern vor allem auf natürliche Klänge und Instrumente aus Afrika oder Asien setzt.

Dabei kann es auch eine Chance für die Betroffenen sein, sich respektvoll an triggernde Geräusche anzunähern, die Vergangenheit langsam verklingen zu lassen - sie vom Jetzt-Zustand unterscheiden zu lernen. "Es geht darum, eine Selbstbestimmtheit im Alltag zurückzuerlangen", erklärt Wolf. Ziel sei es, niemanden ohne eine solche Perspektive aus der Gruppe zu entlassen, auch wenn hierfür ein längerer Zeitraum als die angesetzten 15 Wochen nötig sei. "Die Betroffenen sind zum Teil emotional sehr isoliert - die Treffen sind für sie ein wöchentlicher Höhepunkt", erklärt der Psychologe. So seien die Musiktreffen begleitend zur jeweiligen Einzeltherapie auch eine hilfreiche Form, um Fortschritte der eigenen Entwicklung als Miteinander erleben zu können.

"Leider ist die Musiktherapie aber nach wie vor keine Kassenleistung", sagt Stephanie Kramer, Geschäftsführerin des Trauma-Hilfe-Zentrums München. Besonders tragisch, da die Betroffenen aufgrund ihrer Traumafolgestörungen oftmals auch erwerbsunfähig seien und finanziell nur begrenzte Möglichkeiten hätten. Die Spende der SZ-Leser ermögliche es nun, das Projekt ein weiteres Jahr kostenfrei anzubieten.

© SZ vom 16.11.2017
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