SZ-Adventskalender für gute Werke:Solange die Kraft reicht

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SZ-Adventskalender für gute Werke: Ohne ihren Rollator kann Ingeborg W. ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

Ohne ihren Rollator kann Ingeborg W. ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Künstliche Kniegelenke, künstliche Hüfte und dann fällt auch noch häufig der Aufzug aus: Ingeborg W. lässt sich aber von solchen Dingen nicht entmutigen.

Von Sven Loerzer

"Im Herbst war ich drei Wochen eingesperrt", sagt Ingeborg W., 85, die Verzweiflung und Empörung, die sie empfand, ist immer noch spürbar. "Der Aufzug fällt alleweil aus. Ich wohne ganz oben." Ingeborg W. bewohnt ein kleines Appartement im sechsten Stock eines Gebäudes im Münchner Westen, sozialer Wohnungsbau aus den Siebzigerjahren. Mit dem Aufzug gibt es immer wieder Probleme. Für Ingeborg W. ist das eine Katastrophe: Sie ist stark gehbehindert und kann Wege nur noch mit dem Rollator bewältigen. Die Hausverwaltung hatte zwar einen Tragedienst angeboten, der die gehbehinderte Frau dann sechs Stockwerke hinunter- und auch wieder hinaufgetragen hätte, doch das wollte Ingeborg W. nicht. "Um Hilfe zu bitten, ist mir sehr unangenehm."

Jetzt hofft Ingeborg W. auf eine Wohnung im ersten oder zweiten Stock des Hauses: "Bis zum zweiten Stock kann ich noch mit der Krücke hinaufgehen, aber dann lässt meine Kraft nach."

Ingeborg W. hat lange Jahre als Verkäuferin in einem Sportgeschäft gearbeitet, bis die Knie nicht mehr mitmachten. Sie bekam nacheinander für beide Knie künstliche Gelenke, "aber ich konnte nicht mehr stehen. Seitdem muss ich mit dem Wagerl gehen. Ich bin langsam, aber es geht." Deshalb arbeitete sie dann als Bürohilfe bei einer Spedition. Inzwischen hat sie auch künstliche Hüftgelenke. Im Alter ist sie schwerhörig geworden, auch das schließt sie von vielem aus. "Die hört nicht mehr, die kann nicht gehen, was wollen wir mit der", so habe das Umfeld reagiert. Corona hat die Situation nicht besser gemacht. "Jetzt habe ich gar niemanden mehr. Mein Bruder ist schon gestorben, ich bin übrig geblieben."

Aber sie hat sich daran gewöhnt, alleine zu leben. "Ich war 20 Jahre verheiratet, dann sind wir geschieden worden, Gott sei Dank." Ihr Sohn ist vor sechs Jahren an Leukämie gestorben, zur Tochter ist der Kontakt abgerissen, was Ingeborg W. sehr schmerzt. Christine Thurner, Leiterin des Quartiersbüros Mitterfeldstraße der Stiftung Katholisches Familien- und Altenpflegewerk, hat für Ingeborg W. eine Alltagsbegleiterin von "Homeinstead" organisiert. Kirsten Dörmann, die sich zuvor um ihre eigene Mutter bis zu deren Tod gekümmert hat, kommt nun zwei Mal pro Woche für jeweils drei Stunden, die Kosten dafür übernimmt die Pflegeversicherung. Kirsten Dörmann hatte sich bis zum Tod ihrer Mutter um sie gekümmert. "Ich wollte wieder eine Aufgabe haben", sagt die Kunsthistorikerin und Reiseleiterin, der die Aufträge wegen Corona weggebrochen sind. Jetzt begleitet sie Ingeborg W. zu Einkäufen nach Pasing, geht mit ihr auf den Friedhof oder auch zum Arzt und führt Telefonate, weil für Ingeborg W. die Verständigung schwierig ist.

Mit ihrer Rente liegt Ingeborg W. knapp über dem Niveau von Grundsicherung im Alter. "Ich muss auf mein Geld schauen und es einteilen", sagt sie. So hat es sie auch getroffen, dass der soziale Mittagstisch im Alten- und Servicezentrum wegen Corona zeitweise nicht mehr stattfand. "Ich muss dort nichts bezahlen", erklärt sie, aber sie sei auch "wegen der Gesellschaft" dorthin gegangen, "wir haben Karten gespielt". Manchmal aber kocht sie auch selbst, Gulasch mit Knödeln oder Apfelstrudel. Beim Kochen muss sie sich immer wieder hinsetzen, "sonst kriege ich Kreuzweh", erklärt die Rentnerin. "Aber ich habe ja Zeit."

Und Geduld. Einmal steckte sie im Aufzug fest. Es dauerte: "Die Mechaniker standen im Stau, sie haben mit mir geredet. Fast eine Stunde musste ich warten. Ich habe mich auf mein Gehwagerl gesetzt." Weil der Aufzug immer wieder stillsteht, hofft sie einerseits zwar darauf, im nächsten halben Jahr im Wohnblock in ein Stockwerk weiter unten umziehen zu können. Andererseits bereitet es ihr große Sorgen, wovon sie den ersehnten Umzug bezahlen soll: "Ich müsste mein Konto überziehen - und ich weiß nicht, ob ich die Schulden dann noch jemals abbezahlen könnte."

Im Bad hatte sie zudem einen schlimmen Wasserschaden, durch die Decke drang Wasser ein. Wochenlang liefen Bautrockner, die Folge waren hohe Stromkosten. "Der Verbrauch war dreimal so hoch wie normal", sagt Kirsten Dörmann, die nach Erhalt der Jahresrechnung die Wohnungsgesellschaft angeschrieben und um Erstattung der höheren Kosten gebeten hat. Die Antwort steht noch aus.

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