Synchronsprecher Norbert Gastell "Ich bin ein taktloser Mensch"

Emilio Noberto Gastell wurde in Buenos Aires geboren. Sein Vater Otto war 1925 in der Rezession ausgewandert. Die Familie der Mutter, alter Offiziersadel, hatte sich von dem jungen Paar losgesagt - ein Reporter erschien nicht standesgemäß. An seine ersten neun Jahre in Argentinien erinnert sich Gastell heute kaum noch, erst an die vierwöchige Schiffsreise nach Deutschland.

Norbert Gastell ist die deutsche Stimme von Homer Simpson.

(Foto: dpa)

Er war als einziger an Bord nicht seekrank. Während die anderen über der Reling hingen, saß der Bub allein in der Kabine und aß die letzten Übelkeitszäpfchen, die er für Marzipan hielt. Sein Vater musste sich in der Heimat operieren lassen, aber warum er ausgerechnet 1938 zurückkehrte und blieb, ist Norbert Gastell bis heute ein Rätsel: "Es passte überhaupt nicht zu seiner politischen Überzeugung. Als ehemaliger Redaktionsleiter der jüdischen Zeitung La Plata hatte er im nationalsozialistischen Deutschland auch keine Aussicht auf Arbeit. Aber darüber war nichts rauszukriegen aus ihm."

Dank seiner Mutter, die im Sekretariat des US-Generalkonsulats arbeitete, überstand der Junge den Krieg. Als ihn die Waffen-SS im Dezember 1944 einberief, wusste sie schon mehr: "Du muss hier raus!" Er kroch bei Freunden in München unter, bis der Krieg vorbei war.

Als Normalität einzog, langweilte er sich. Seine Mutter erfuhr in einem Brief von der Schule, Norbert käme nicht mehr ans Wittelsbacher Gymnasium. Vier Wochen lang hatte er sich jeden Morgen in die Schauspielschule geschlichen - ein Plakat hatte ihn angelockt. Er bekam ein Stipendium, gewöhnte sich das spanische und das bayerische "R" ab, gab nach der Hälfte der Ausbildung selbst Sprachunterricht und verdiente Geld beim Funk.

Norbert Gastell wurde fester Bestandteil der deutschen Theater- und Fernsehwelt: Mit Kollegen wie Gustl Bayrhammer hat er "18 Stücke in elf Monaten" am damals wegweisenden Landestheater Tübingen "rausgehaut". Machte Kabarett im Ensemble "Die Zwiebel". Spielte im Musical "Kiss Me Kate" und sagt dennoch: "Ich kann eigentlich nicht singen, ich bin ein taktloser Mensch." Er wurde in München vom Residenztheater und vom Volkstheater engagiert. Drehte Fernsehspiele, drei Folgen der Raumpatrouille, den Millionenbauern, die Wiesingers, Tatorte, Soko 5113, Löwengrube und, und, und.

Für Werbung "nie zu schade"

Damals hatte das Fernsehen noch ganz andere Qualität, findet er, aber Gastell war sich auch für Werbung "nie zu schade" - schließlich musste er Unterhalt für seine erste Frau und seine beiden Kinder bezahlen. Er wollte allen beweisen, dass er "in dieser Lebensform als Schauspieler" existieren kann.

Die Einstellung imponierte der Kollegin Karin Heym, mit der er die Hauptrolle in "Der Sommer der 17. Puppe" spielte - schwerer Stoff. Sie wurden ein Paar in einer harten Zeit: In der Früh arbeitete Gastell als Ansager fürs Schulfernsehen im Dritten, dann Synchronsprechen, Probe im Volkstheater, abends auf die Bühne, nachts Texte lernen.

Derlei Geschichten erzählen die beiden gerne, sich abwechselnd ergänzend, in ihrem urgemütlichen Häuschen mit blühendem Bilderbuchgarten und eigensinnigem Perserkatzenpaar in Ramersdorf. Auch von der Zeit, als sie von Andechs hierherzogen: Die Tage verbrachte Gastell in der Kleinen Komödie mit den Ludwig-Thoma-Einaktern, nachts sägte er Bretter für die Küchendecke. Schreinern ist sein Hobby.